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05.05.20261 Leserbrief
- → Natur & Wissenschaft
Halbmenschen in Weiß
KI-Modul zeigt hervorragende Ergebnisse bei medizinischer Diagnostik
Das Neue macht Angst, das Neue weckt Hoffnungen. Technische Revolutionen rufen stets beides hervor: Evangelisten und Apokalyptiker. Jahrhunderte noch nach Einführung der Schrift beklagte Platon, dass Aufschreiben die Arbeit am Gedanken zu schnell ad acta lege. Die Aoiden, jene formelhaft improvisierenden Sänger des mündlichen Zeitalters, dürften die Schrift ebenfalls für das Ende ihrer Kunst gehalten haben. Wir können das nur vermuten, denn sie haben es nicht aufgeschrieben. Ihre Kunst aber wurde nur von Schrift nicht liquidiert, sie wurde verändert.
In ähnlicher Lage befinden sich heute viele Berufszweige im Angesicht zahlloser KI-Tools, die bereit scheinen, die Arbeitsweltherrschaft zu übernehmen. Angst vor der KI setzt sich zusammen aus Angst, überflüssig zu werden, und Angst, sensible Entscheidungen in die Hände einer kalten Instanz ohne moralische Sicherung zu legen, und es gibt in der Tat Bereiche, in denen etwas mehr Sorge als unbedingt nötig angebracht scheint. So etwa die Medizin, von deren umsichtiger Ausübung für die Erkrankten ja einiges abhängt.
Ein neues KI-Modul hat nun im Rahmen einer Studie am Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston eine große Zahl standardisierter sowie echter Fälle aus Krankenhäusern analysiert. Die Forschungsgruppe um Peter Brodeur fütterte das Sprachmodell »o1« von Open AI mit den Fällen und verglich die Ergebnisse im Anschluss mit den Diagnosen menschlicher Ärzte. Insbesondere im Bereich der Notaufnahme erwiesen sich die Diagnosen des KI-Tools dabei im Durchschnitt als besser. Die Software urteilte häufiger korrekt und traf häufiger die richtigen Entscheidungen für den weiteren Behandlungsverlauf. In der Notaufnahme liegen in der Regel weniger und nur fragmentarisch Informationen über die eingetroffenen Patienten vor, die KI hat sich also gerade im Extrapolieren als sehr effektiv erwiesen.
Das bedeute jedoch nicht, dass sie menschliche Mediziner ersetzen kann. Vielmehr ergebe sich den Forschern zufolge die Möglichkeit einer stärkeren Nutzung von KI durch behandelnde Ärzte. »Diagnosen sind wichtig, aber sie sind nicht alles in der Medizin«, schreibt Brodeurs Kollege Adam Rodman. So komme es in der Notaufnahme nicht immer darauf an, sofort die richtige Diagnose zu kennen, sondern vor allem darauf, Patienten zu stabilisieren und die nächsten Behandlungsschritte einzuleiten. Die KI kann hierbei das werden, was sie der Möglichkeit nach bereits ist: ein Hilfsmittel zur Beschleunigung, Effektivierung und besseren Strukturiertheit von Diagnosen, auf dessen Basis immer noch Ärzte die Entscheidungen treffen.
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Onlineabonnent*in Heinrich H. aus S. 4. Mai 2026 um 23:34 UhrWen wundert's? Ein lädierter Patient wird nicht damit anfangen, womit man anfängt, wenn man mit einer KI kommuniziert. Nämlich mit der Frage: Bestehst du den Turing-Test? Denn genau das ist es, was in der akuten (Not-)Situation wichtig ist, wenn der Patient ansprechbar ist: die menschliche Zuwendung. Wenn durch KI eine bessere Diagnose gestellt wird, bitte. Allerdings ist fraglich, ob das wirklich geschieht. Wenn z.B. bei einer komplizierten Fraktur des Unterarms/Handgelenks aus Kostengründen kein MRT oder CT gemacht wird und sich dann nach Monaten herausstellt, dass nachoperiert werden muss, ist die Frage, ob eine KI sich hätte durchsetzen können, oder ob die so konditioniert ist, wie die Ärzte.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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