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Klimawandel

Risiken und Nebenwirkungen

Lancet-Studie: Klimakrise bedroht die Gesundheit der Europäer. Forderungen nach mehr Schutzmaßnahmen

Von David Goeßmann
Foto: Caitlin O'Hara/FR172334 AP/AP/dpa
Bei extremer Hitze: Arbeiter installiert eine Klimaanlage

Am Ukraine-Krieg wie am Iran-Krieg konnte und kann man sehen, wie die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen die Stabilität vieler Volkswirtschaften gefährdet. Aber nicht nur die Gesundheit der globalen Ökonomie ist durch fossile Verbrennung bedroht, auch die der Menschen. Das zeigt die neue Lancet-Studie »Countdown Europe Report 2026«. Danach wächst durch die Erderhitzung das Gesundheitsrisiko für die Bewohnerinnen und Bewohner Europas. So haben die Todesfälle im Zusammenhang mit Hitze überall in Europa stark zugenommen. Im Vergleich zum Zeitraum von 1991 bis 2000 starben von 2015 bis 2024 durchschnittlich 52 Menschen mehr pro eine Million Einwohner an den Folgen von Hitze. In südeuropäischen Ländern wie Italien, Griechenland, Spanien und Bulgarien stieg der Wert sogar um 120 Tote. Allein für das Jahr 2024 wird die Zahl der Hitzetoten auf 62.000 geschätzt. Joacim Rocklöv, Co-Direktor des Reports, stellte fest, dass »in ganz Europa die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels schneller zunehmen als unsere Anpassungsfähigkeit.«

Der Anstieg bei den Hitzetoten zeigt sich auch an den Hitzewarnungen. Gegenüber den 1990er Jahren nahmen sie um mehr als das Dreifache zu (318 Prozent). Die Zahl der Stunden, in denen leichte bis mittelschwere Aktivität zum Risiko wird, liegt heute um 60 Prozent höher, so die Untersuchung. Die steigenden Temperaturen haben dabei auch die Produktivität reduziert. In Zahlen sind es rund 24 Stunden weniger Arbeit im Jahr pro Arbeiterin und Arbeiter. Durch die voranschreitende Klimakrise sind zudem im Vergleich zum Zeitraum 1981 bis 2010 im Jahr 2023 eine Million Menschen mehr von Ernährungsunsicherheit in Europa bedroht gewesen.

Am härtesten trifft es die Schwächsten: Babys und Kleinkinder, ältere Menschen und im Freien Arbeitende sind die, die am stärksten unter der extremen Hitze leiden. Die Forscher weisen darauf hin, dass die gesundheitlichen Belastungen auch ökonomisch nicht gleichmäßig verteilt sind. Haushalte mit niedrigem Einkommen sind um 10,9 Prozentpunkte häufiger von durch Hitzewellen und Dürren bedingter Ernährungsunsicherheit betroffen als Haushalte mit mittlerem Einkommen. Zugleich sind Menschen in wirtschaftlich benachteiligten Regionen laut der Studie einem höheren Risiko für Waldbrände ausgesetzt.

Die Hitzebelastung hat Schlafstörungen, eine Zunahme an chronischen Krankheiten und mehr Komplikationen bei Schwangerschaften zur Folge. Die schlechte Luftqualität im Zuge des Verbrennens von Kohle, Gas und Öl führt zu mehr Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die höhere Sterblichkeit im Zuge der Feinstaubbelastung fossiler Stromerzeugung und Mobilität habe zwar gegenüber dem Zeitraum 2000 bis 2022 abgenommen, erklären die Forscher. Doch bei Wohngebäuden ist ein gegenläufiger Trend zu beobachten. Die Feinstaubmortalität ist um vier Prozent gestiegen, da mehr Holz und andere Biomasse für die Wärmeerzeugung verbrannt werden.

Der Klimawandel beschleunigt zudem die Ausbreitung von Infektionskrankheiten, da höhere Temperaturen den Lebensraum von Mücken ausweiten, heißt es. Das durchschnittliche Risiko für Dengue-Ausbrüche in Europa hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast vervierfacht. Auch andere Virusinfektionen wie West-Nil oder Zika nehmen zu. Zugleich verlängert sich die Pollensaison in ganz Europa mittlerweile um ein bis zwei Wochen im Vergleich zu den 1990er Jahren. Millionen von Menschen mit Heuschnupfen und anderen Allergien werden dadurch zusätzlich belastet. »Steigende Hitze, zunehmende Luftverschmutzung, Infektionskrankheiten und Ernährungssicherheit gefährden heute Millionen von Menschen – nicht erst in ferner Zukunft«, betont Rocklöv.

Die Lancet-Forscher mahnen zu mehr und beschleunigtem Klimaschutz. Das würde die allgemeine Gesundheit verbessern und die ungleichen Hitzeschädigungen minimieren. Die Kosten für Klimaschutzmaßnahmen würden durch die positiven gesundheitlichen Effekte der Energiewende ausgeglichen. Im Bericht heißt es: »Die Senkung der Treibhausgasemissionen hilft, die lokale Wirtschaft anzukurbeln sowie Innovation und Produktivität zu fördern. Es bringt erhebliche Vorteile für die Gesundheit, die Energiesicherheit und den Zugang zu Energie mit sich.«

Der Gesundheitsreport betont, dass starke öffentliche Unterstützung und politisch entschlossenes Handeln nötig seien, um die klimabedingten Gesundheitsrisiken zu reduzieren. Das sei im Moment jedoch nicht der Fall. Gesundheit werde zwar als wichtig angesehen, jedoch meist nicht mit der Klimakrise in Verbindung gebracht. Das zeige sich in parlamentarischen Debatten, bei der Medienberichterstattung und der Kommunikation der Parteien. So werden die Themen Klimawandel und Gesundheit im Europäischen Parlament selten gemeinsam erwähnt. In den 4.477 Reden von Abgeordneten war das im Jahr 2024 nur 21 Mal der Fall. Europäische Medien würden kaum die Verbindung zwischen Klima und Gesundheit ziehen. Auf Tik-Tok-Kanälen, die untersucht wurden, geschah das nur in 13,9 Prozent der Fälle.

Europa ist zudem weiter von fossilen Brennstoffen abhängig. Das setze die Menschen gesundheitsschädlicher Umweltverschmutzung und volatilen Energiemärkten aus. Auch wenn man sich international zum Auslaufen von fossilen Subventionen bis 2025 bekannt hätte, lagen sie im Jahr 2023 in Reaktion auf den Ukraine-Krieg europaweit bei 444 Milliarden Euro. Das ist der 3,3-fache Wert gegenüber 2016. Nur Dänemark habe bisher einen nationalen Plan für ein Subventionsende. »Wenn der Rest Europas nicht dem Beispiel Dänemarks folgt, wird dieser Rückschlag das Erreichen der Netto-Null-Ziele für 2030 wahrscheinlich gefährden.«

Wenn man Klimaschutz, Emissionsminderung und den Schutz der Bevölkerung nicht verbessere, werden sich die gesundheitlichen Schädigungen in Zukunft verschärfen, so das Fazit der Autoren. Cathryn Tonne, Kodirektorin des »Countdown Europe Report«, mahnt: »Das Zeitfenster für Maßnahmen wird immer kleiner. Aber Europa hat die Chance, seine Führungsrolle bei der Dekarbonisierung zu stärken sowie schnelle, koordinierte und gesundheitsorientierte Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen, um Leben zu schützen, Ungleichheiten abzubauen und eine widerstandsfähige, kohlenstoffarme Zukunft aufzubauen.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.04.2026, Seite 15, Natur & Wissenschaft

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