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TKSE weiter eigenständig

Wie die Stahlsparte gehärtet wurde

Thyssen-Krupp Steel Europe bleibt eigenständig, Fusion mit Jindal ausgesetzt. Mehr EU-Unterstützung, steigender Profit, sinkender Konkurrenzdruck

Von Jörg Kronauer
Foto: REUTERS/Leon Kuegeler
Profitable Fortführung von Thyssen-Krupp Steel in Erwartung: Stahlwerk in Duisburg (November 2025)

Der jüngste Versuch des Essener Konzerns Thyssen-Krupp, seine Stahlsparte zu veräußern, ist Ende vergangener Woche auf Eis gelegt worden. Wie das Unternehmen am Wochenende mitteilte, hat es sich mit dem indischen Stahlhersteller Jindal Steel darauf geeinigt, die im September 2025 gestarteten Übernahmegespräche zumindest vorläufig zu »pausieren«. Nichts Neues also nach den diversen gescheiterten Fusions- und Übernahmegesprächen, die Thyssen-Krupp in den vergangenen Jahren mit Tata Steel aus Indien, Liberty Steel aus Großbritannien, SSAB aus Schweden und zuletzt mit dem tschechischen Milliardär Daniel Křetínský geführt hatte? So scheint es. Doch womöglich trügt der Schein.

In der Stahlsparte von Thyssen-Krupp, Thyssen-Krupp Steel Europe (TKSE), kriselt es seit Jahren. Die auswärtige Konkurrenz – vor allem aus China, aber etwa auch aus Indien, Südkorea oder der Türkei – ist erstarkt und hat ihre Exporte gesteigert. Die Energiekosten in Deutschland sind hoch, und die Umstellung auf »grünen« Stahl ist notwendig, aber ebenfalls teuer. Das waren für den Mutterkonzern zentrale Motive für den Versuch, TKSE zumindest teilweise zu veräußern. Zuletzt aber hat sich die Ausgangslage auf mehreren Ebenen deutlich geändert. Zum einen ist es TKSE gelungen, eine kostentreibende Altlast abzustoßen: Salzgitter hat die Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) übernommen. Zum anderen einigten sich der Konzern und die IG Metall im Sommer 2025 auf eine Vereinbarung, die es gestattet, bis zu 11.000 der 26.000 Beschäftigten zu entlassen oder auszulagern. Das treibt den Profit.

Vor allem aber hat die EU beschlossen, der Stahlbranche stärker als zuvor unter die Arme zu greifen. So wird die Menge an Stahl, die zollfrei eingeführt werden darf, um rund 47 Prozent auf 18,3 Millionen Tonnen reduziert. Importe, die darüber hinausgehen, werden in Zukunft nicht mehr mit 25 Prozent, sondern mit 50 Prozent verzollt. Beide Maßnahmen senken den Konkurrenzdruck, der auch auf der deutschen Branche lastet, deutlich. Es kommt hinzu, dass seit dem 1. Januar EU-weit der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) regulär greift: Wer unter anderem Stahl von außerhalb der EU importiert, muss künftig eine CO₂-Abgabe zahlen. Der jüngst durch den Iran-Krieg verursachte Anstieg der Energiepreise schlägt insofern nicht wirklich durch, als er auch konkurrierende Stahlproduzenten trifft. All das mischt die Karten neu. Thyssen-Krupp begründete damit die Aussetzung der Verhandlungen mit Jindal Steel: »Die ursprünglichen Grundannahmen und Voraussetzungen für eine mögliche Veräußerung« von Thyssen-Krupp Steel hätten sich »in den vergangenen Monaten deutlich geändert«, teilte der Konzern am Sonnabend mit.

Die Stahlsparte soll nun also zunächst in Eigenregie weitergeführt werden. Vorstandschef Miguel López gab sich am Wochenende optimistisch: »Die Voraussetzungen für eine profitable Fortführung von Thyssen-Krupp Steel sind so gut wie lange nicht mehr.« Ob das nach der brutalen Stellenstreichung und der Errichtung hoher Handelshürden durch die EU zutrifft bzw. inwieweit derlei Äußerungen vor allem die Stimmung aufbessern sollen, muss sich zeigen. Klar scheint allerdings: Auch Jindal Steel war mit dem Stand der Verhandlungen zuletzt nicht vollkommen zufrieden. Der indische Konzern, dessen Chef Naveen Jindal zur indischen Milliardärskaste gehört – seine Familie besitzt das drittgrößte Privatvermögen in Indien nach Mukesh Ambani und Gautam Adani – und der für die hindunationalistische Regierungspartei BJP im indischen Parlament sitzt, war erheblich unzufrieden damit, dass er mit TKSE zugleich Pensionsverpflichtungen übernommen hätte, die sich im Herbst auf 2,6 Milliarden Euro beliefen. Zudem wollte er weitere Arbeitsstellen streichen.

Wie auch immer: Der Gesamtkonzern Thyssen-Krupp arbeitet weiter darauf hin, TKSE zu einem selbständigen Unternehmen zu machen, entweder in Eigenregie oder auch per Einstieg eines anderen Konzerns. Das Geschäft mit dem Kriegsschiffbau, ursprünglich bekannt als Konzernsparte Thyssen-Krupp Marine Systems, wurde schon im Herbst als eigenständiger Konzern TKMS an die Börse gebracht. Thyssen-Krupp hält 51 Prozent an ihm; weitere zehn Prozent liegen bei der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung; der Rest ist Streubesitz. Auch an einer abgespaltenen TKSE würde der Konzern wohl gern die Mehrheit, also die Kontrolle behalten. Denn auf lange Sicht solle die Thyssen-Krupp AG sich vom Industriekonzern »zu einer Finanzholding« entwickeln, teilte das Unternehmen am Sonnabend mit. Das gilt als profitabler. Mit einem Kontrollverlust soll der Schritt aber aus Sicht der Konzernherren nicht verbunden sein.

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.05.2026, Seite 5, Inland

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