Fehlt es der deutschen Industrie an Weitsicht?
Interview: Luca von Ludwig
Erst vergangene Woche gab es neue Zahlen aus der Stahlindustrie, Bilanz: niedrigster Produktionsstand seit der Finanzkrise. Welche Fehler haben Ihrer Meinung nach zu der jetzigen Krise geführt?
Die aktuellen Probleme hängen maßgeblich mit Fehlinvestitionen der letzten Jahre und Jahrzehnte zusammen. 2008 wollte Thyssen-Krupp in Brasilien ein neues Stahlwerk bauen. Das sollte ursprünglich drei Milliarden Euro kosten, es waren am Ende 14 Milliarden. Das sind Investitionen, die nicht in die Werkshallen hierzulande geflossen sind. Auch an anderen Stellen ist die Produktion oftmals ins Ausland verlagert worden. Zudem hat die Bundesregierung schlicht keinen Plan für die Wirtschaft und weiß eigentlich selbst nicht, wie es mit der Industrie im Land weitergehen kann oder soll. Und dann wären da noch die Strompreise.
Hört man der Kapitalseite zu, bekommt man den Eindruck, die Misere hängt beinahe ausschließlich an den Energiekosten. Wie sehen Sie das?
Es stimmt schon, dass die Rahmenbedingungen nicht passen. Es wird viel Stahl aus Nicht-EU-Staaten importiert, einfach weil der dort so viel günstiger produziert wird, dass man überhaupt nicht mehr mithalten kann. Eine Tonne Stahl aus Europa kostet in der Produktion etwa 650 bis 700 Euro, aber in China sind es gerade mal 400 Euro.
Die EU hat angekündigt, zollfreie Stahleinfuhren drastisch einzuschränken. Unterstützen Sie das?
Das ist das Sinnvollste überhaupt. Es wird gesagt, es soll »grüner Stahl« produziert werden. Dann muss aber auch dafür gesorgt werden, dass der Stahl, der nicht grün produziert wird, auch nicht ins Land gelassen wird.
Was macht China anders – oder: besser – als die europäische Industrie?
Die Konzerne in den EU-Staaten haben irgendwann gesagt: Die Erzminen in Südamerika oder Afrika, die sind kein Kerngeschäft, und haben sie verkauft. In China war man hingegen hinterher, sich langfristig den Zugriff auf die Rohstoffe zu sichern und auch zu halten.
Fehlt es der deutschen Industrie also an Weitsicht?
Das definitiv. Es war ja auch vor 20, 30 Jahren nicht so, dass man mit der Stahlproduktion riesige Gewinne eingefahren hätte. Aber man unterhielt eben auch noch weiterverarbeitende Firmenzweige – Anlagenbau, Maschinenbau, Produktion von Autoteilen und Aufzügen – wodurch sich das Geschäft für den Konzern dennoch gelohnt hat. Aber dann wurde gesagt: »Die Stahlproduktion macht Minus, das wollen wir uns nicht leisten, die wird abgestoßen.« Dadurch hat man sich abhängig gemacht von Importen. Thyssen-Krupp hat erst kürzlich einen Liefervertrag mit der Stahlhütte Krupp-Mannesmann über 2,5 Millionen Tonnen Stahl jährlich gekündigt, und dann mit skandinavischen Zulieferern Verträge über dieselbe Menge abgeschlossen. Und in der Politik ist es das gleiche: Es gibt keinen Industrieplan. Selbst bei der Debatte um den Industriestrompreis geht es um eine Maßnahme für drei Jahre. Aber die sind schnell vorbei, was dann?
Sollte sich der Staat mehr in die Industrie einmischen?
Es kann nicht sein, dass die Wirtschaftsministerin oder der Kanzler einfach sagen, der Markt müsse alles regeln. Erstens macht die Regierung die Gesetze, nicht der Markt. Zweitens muss man sich auch trauen, einzufordern, dass Unternehmen, wenn sie staatliche Unterstützung oder Gelder bekommen wollen, sich auch zu Gegenleistungen verpflichten – zum Beispiel, die Arbeitsplätze und Standorte zu erhalten und abzusichern. Zu dem Beispiel von gerade zu den Hüttenwerken Krupp-Mannesmann: Da fragen sich die Kollegen doch, was sie eigentlich von den Milliarden an Steuergeldern haben, mit denen Thyssen-Krupp subventioniert wird.
Zur Zeit wird viel in die Rüstungsindustrie investiert. Wirkt sich das nicht positiv auf die Stahlbranche aus?
Als Fraktion lehnen wir die Aufrüstung natürlich ab. Aber so oder so: Die Mengen an Stahl, um die es da gehen könnte, sind sehr gering. Selbst, wenn wir über ein U-Boot oder dergleichen reden, sind das Dimensionen, die ein Stahlwerk für vielleicht drei bis fünf Stunden beschäftigen. Wirkliche Massennachfrage kommt aus dem Wohnungsbau, der Automobil- und Zugverkehrsbranche. Bevor auch nur ein Panzer gebaut wird, bin ich dafür, hier mehr und nachhaltig zu investieren.
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Sylvio Dittrich/IMAGO31.05.2025Nicht mehr konkurrenzfähig
Federico Gambarini/dpa01.03.2025Ein Stahl bricht den andern
Fabian Bimmer/Reuters09.02.2016Kein Protektionismus?
Mehr aus: Kapital & Arbeit
-
Neuer Absatzmarkt
vom 28.01.2026 -
Ein großer Fisch reicht nicht
vom 28.01.2026