Deal mit offenen Fragen
Von Jörg Kronauer
Es gibt einen Deal, aber es ist unklar, was genau er besagt: Das ist die Lage, nach der Mitteilung von US-Präsident Donald Trump und Indiens Premierminister Narendra Modi am Montag, sie hätten eine Einigung über die US-Zölle auf Importe aus dem südasiatischen Land erzielt. Trump hatte die Zölle im Sommer 2025 auf 25 Prozent heraufgesetzt und weitere 25 Prozent als Strafe dafür hinzugefügt, dass Indien russisches Öl erwarb. Nun teilte Trump mit, die Strafzölle würden ersatzlos aufgehoben, die regulären von 25 auf 18 Prozent gesenkt; das sei der Lohn dafür, dass Indien kein russisches Öl mehr kaufe und seine eigenen Zölle auf Importe aus den USA auf null setzen wolle. Modi bestätigte auf X nach einem Telefonat mit Trump den neuen US-Zollsatz von 18 Prozent, erwähnte sonst aber rein gar nichts. Das galt auch für die Aussage des US-Präsidenten, Indien werde US-Energieträger und -Agrargüter für zusätzlich 500 Milliarden US-Dollar erwerben.
Was ist dran an Trumps Behauptungen? Die Frage wurde am Dienstag in den USA wie auch in Indien breit diskutiert. Das galt zunächst für das russische Öl. Klar ist: Indiens Öleinfuhren aus Russland gingen schon in den vergangenen Monaten unter dem Druck der Trump-Regierung wie auch der EU-Sanktionen zurück. Die Analysefirma Kpler etwa bezifferte den indischen Import Mitte 2025 auf rund zwei Millionen Barrel pro Tag. Im Dezember sei er auf 1,21 Millionen, in den ersten drei Januarwochen auf 1,1 Millionen Barrel pro Tag gesunken, hieß es. Laut offiziellen Angaben kam jetzt nur noch rund ein Viertel des indischen Ölimports aus Russland. Der Großkonzern Reliance Industries bestätigte Anfang Januar, er habe für seine Raffinerie in Jamnagar in den vergangenen drei Wochen kein russisches Öl gekauft, und er werde das auch im Januar nicht tun. Jamnagar, Indiens größte Raffinerie, produziert für den Export – unter anderem in die EU.
Dennoch blieb vieles unklar. Modis Regierung gibt mit Blick auf das Öl stets an, sie mische sich in private Unternehmensentscheidungen nicht ein. Reliance Industries teilte Ende Januar mit, man werde im Februar 150.000 Barrel russischen Öls pro Tag importieren – nicht für Jamnagar, sondern für den Inlandskonsum. Nayara Energy, teilweise im Besitz von Rosneft, importierte zuletzt ausschließlich russisches Öl im Volumen von rund 400.000 Barrel pro Tag. Hinweise darauf, dass Reliance Industries und Naryana Energy ihre Einfuhren aus Russland stoppen könnten, lagen zunächst nicht vor. Reliance Industries allerdings bemüht sich bereits seit einiger Zeit, wieder wie früher venezolanisches Öl zu importieren. Trump schien das zuletzt gut zu finden: Schließlich landen die Erlöse daraus auf US-kontrollierten Bankkonten. Über die Reliance-Raffinerie in Jamnagar könnte venezolanisches Öl dann, wenngleich auf Umwegen, auch in der EU landen.
Über das russische Öl hinaus blieb vieles unklar; so zum Beispiel die Frage, ob es stimmt, dass Indien seine Importzölle auf null senkt. Gälte das etwa für Agrargüter, stünden wohl neue Bauernunruhen bevor. Im Freihandelsabkommen mit der EU hatte Neu-Delhi daher Agrargüter weitgehend ausgeklammert. Niemand weiß, was Indien alles importieren soll, um Waren im Wert von stolzen 500 Milliarden US-Dollar zusätzlich in den USA zu kaufen; seine Einfuhren aus den Vereinigten Staaten beliefen sich zuletzt auf etwas mehr als 40 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Allerdings prahlt Trump immer wieder mit unsinnigen, aber letztlich auch unverbindlichen Kaufversprechungen seiner Handelspartner. Klar ist nur: Für Branchen, die die 50-Prozent-Zölle in vollem Umfang zahlen mussten – die Textilindustrie, auch die starke Juwelenbranche –, ist die Zollsenkung auf 18 Prozent und damit auf ein mit Pakistan (19 Prozent) und Bangladesch (20 Prozent) vergleichbares Niveau eine große Erleichterung.
Zugleich deutet nichts darauf hin, dass Modi seine Bemühungen einstellen wird, alternative Handelspartner aufzutun; er wird sich kaum erneut aufgrund von Indiens Abhängigkeit vom US-Markt mit Zöllen erpressen lassen wollen. Auch die Beziehungen zu Russland wird er wohl trotz aller Probleme beim Öl weiter pflegen. Aktuell ist etwa die Lizenzproduktion des russischen Stealth-Kampfjets Su-57 in Indien im Gespräch.
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