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Aus: Ausgabe vom 28.01.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Freihandelsabkommen EU und Indien

Neuer Absatzmarkt

Indien und EU einigen sich auf Freihandelsabkommen. Deutsche Industrie frohlockt. Besonders die Autoindustrie
Von Susanne Knütter
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Die Premiumhersteller der Autoindustrie frohlocken: Mercedes-Benz GLA auf dem Fließband in Pune, Indien

Für die krisengeschüttelte deutsche Exportwirtschaft hat sich mit dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien ein Türchen geöffnet. Ein Stück alte Welt – nämlich die des Freihandels. Ein neuer Absatzmarkt, auf dem sie bislang kaum eine Rolle gespielt hat. Bis dato beträgt der Handel mit Indien nach Angaben des Bundesverbands der deutschen Industrie gerade einmal 1,1 Prozent des weltweiten deutschen Außenhandels. Das könnte sich nun ändern, sind so ziemlich alle überzeugt – von der Luftfahrtbranche, über den Maschinenbau, die Chemieindustrie bis zur Autoindustrie. Denn das am Dienstag unter Dach und Fach gebrachte Freihandelsabkommen zwischen dem europäischen Staatenbund und dem bevölkerungsreichsten Land der Welt soll Zölle auf mehr als 96 Prozent der gehandelten Waren abschaffen oder senken. Die EU rechnet damit, dass sich ihre Warenexporte nach Indien bis 2032 verdoppeln werden.

Insbesondere die Autoindustrie frohlockt. Bislang spielten Premiumhersteller wie Volkswagen, Mercedes-Benz oder BMW in der aufstrebenden Republik kaum eine Rolle. Europäische Autobauer kommen in Indien zusammen auf einen Marktanteil von weniger als vier Prozent. Nummer eins ist der japanische Hersteller Suzuki Motor, gefolgt von den heimischen Autobauern Mahindra und Tata. Das hatte verschiedene Gründe. Zum einen sind in Indien vor allem günstige Autos gefragt, welche die EU-Europäer nicht im Angebot hatten. Zum anderen hat Indien seinen Automarkt bislang mit hohen Zöllen abgeschottet. Für Einfuhren aus der EU waren Importabgaben von bis zu 110 Prozent fällig, soviel wie in keinem anderen großen Wirtschaftsraum sonst. Um diese Kosten teilweise zu umgehen, betreiben BMW, Mercedes und VW eigene Montagewerke in Indien. 2025 verkaufte Volkswagen in Indien gut 70.000 Autos. Zum Vergleich: Allein vom Golf verkaufte Volkswagen in Deutschland 2025 mehr als 85.000 Stück. BMW und Mercedes verkauften jeweils knapp 20.000 Fahrzeuge.

Überhaupt werden in Indien mit einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden gerade einmal vier Millionen Autos jährlich verkauft. Bis 2030 sollen es nun sechs Millionen pro Jahr werden. Das Freihandelsabkommen sieht vor, dass Firmen aus der EU jährlich 250.000 Autos zu niedrigeren Zöllen nach Indien exportieren können, davon 160.000 Verbrenner und 90.000 Elektroautos. Für Verbrenner sinken die Zölle innerhalb von zehn Jahren schrittweise auf zehn Prozent, für Elektroautos innerhalb von 14 Jahren. Zölle auf Autoteile sollen ganz wegfallen.

Das Freihandelsabkommen betrifft auch die Landwirtschaft. Allerdings spart es Agrarprodukte wie Rindfleisch, Reis und Zucker aus. Dafür werden Zölle auf Agrarprodukte aus der EU gesenkt. Bauernproteste wie im Fall von Mercosur sind daher ziemlich sicher nicht zu erwarten. Die Abgaben auf Wein sollen von bislang 150 Prozent auf 20 Prozent für teurere und 30 Prozent für günstigere Weine sinken. Die Zölle auf Olivenöl, Pasta und Schokolade sollen ganz wegfallen.

Indien umgekehrt kann künftig mehr Textil- und Pharmaprodukte exportieren. Das trieb sogleich die Aktien indischer Textilhersteller am Dienstag an. Die Papiere von Welspun Living, Indo Count Industries und KPR Mill stiegen zwischen zwei und 6,3 Prozent. Außerdem wird der Handel mit Dienstleistungen liberalisiert. Die EU gewährt Indien auch eine Ausnahme von ihren Stahlzöllen: Indische Unternehmen dürfen künftig 1,6 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr zollfrei in die EU exportieren. Diese Quote liegt zwar deutlich unter früheren Importmengen. Indien verzichtet dafür auf eine Beschwerde bei der Welthandelsorganisation (WTO) wegen der Stahlzölle. Darüber hinaus wird eine Reihe von Patenthürden abgeschafft. Der Umzug für Fachkräfte soll leichter werden.

Das Abkommen geht nun in die juristische Prüfung. Anschließend müssen beide Seiten das Abkommen ratifizieren. In der EU braucht es dafür eine qualifizierte Mehrheit aus 15 Mitgliedsländern, die zusammen mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung ausmachen. Das EU-Parlament muss ebenfalls zustimmen, dort reicht eine einfache Mehrheit.

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