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29.04.2026
- → Inland
Worum geht es diesmal bei der Mai-Demonstration?
Stuttgart: Es gibt ein wachsendes Bedürfnis nach einer solidarischen Perspektive und einer Welt jenseits von Ausbeutung, sagt Carla Demir
In den vergangenen Jahren wurden die Maidemonstrationen in Stuttgart erst von der Polizei und dann von der bürgerlichen Presse angegriffen. Ist damit wieder zu rechnen?
In den Jahren 2023 und 2024 wurde die »Revolutionäre-1.-Mai-Demonstration« unter fadenscheinigen Vorwänden gestoppt und 2024 schließlich auch von der Polizei angegriffen. Dabei wurde mit offensichtlichen Falschdarstellungen gearbeitet: Es war unter anderem von »Holzlatten mit Nägeln« die Rede – tatsächlich handelte es sich um einfache Schilderlatten, die von der Polizei zerstört wurden. Diese Darstellung wurde zunächst von großen Teilen der bürgerlichen Presse übernommen, um ein Bild von Eskalation zu erzeugen und die Demonstration zu delegitimieren, statt sich mit ihren politischen Inhalten auseinanderzusetzen. In diesem Jahr möchten wir aber vor allem an 2025 anknüpfen. Dort konnten wir als Bündnis unsere Inhalte bis zum Ende auf die Straße tragen und die Demonstration erfolgreich durchführen.
Sie haben den vergangenen 1. Mai mit rund 1.700 Teilnehmenden als Erfolg bewertet. Ist dieser Zulauf ein Ausdruck wachsender Unzufriedenheit?
Mit über 1.700 Teilnehmenden war es der größte revolutionäre 1. Mai in Stuttgart seit Anfang der 2000er. Das zeigt, dass die erhoffte Einschüchterung durch die Repression nicht erfolgreich war. Vor allem zeigt es, dass es ein wachsendes Bedürfnis nach einer solidarischen Perspektive und einer Welt jenseits von Ausbeutung und Unterdrückung gibt. Entscheidend ist dabei, dass sich neben organisierten Kräften unterschiedlichste Teile unserer Klasse anschließen – auch als Ausdruck der sich zuspitzenden Verhältnisse und der Krisen.
Was ist der diesjährige Schwerpunkt der Demonstration?
Im Zentrum steht die Zuspitzung multipler Krisen: steigende Lebenshaltungskosten, Sozialabbau, Kriege und Aufrüstung sowie autoritäre Entwicklungen. Sie sind Ausdruck eines Systems, das zunehmend an seine Grenzen stößt. Gleichzeitig geht es uns nicht nur darum, diese Zustände zu beschreiben, sondern ins Geschehen einzugreifen und in eine revolutionäre Offensive zu kommen. Denn diese Krisenzeiten bergen nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen.
Wer ruft auf?
Aufgerufen wird von einem Bündnis aus verschiedenen linken Gruppen, darunter antifaschistische, internationalistische und revolutionäre Zusammenhänge. Ziel ist es, gerade jetzt unterschiedliche Spektren zusammenzubringen und gemeinsam auf die Straße zu gehen. Das Bündnis besteht aus elf Gruppen, weitere 13 unterstützen die Demonstration.
Die Demo findet unter dem Motto »1.000 Krisen – eine Antwort: Sozialismus!« statt. Was bedeutet das konkret?
Für uns ist das kein abstraktes Schlagwort, sondern ein praktischer Anspruch. Wie dieser Anspruch sich im politischen Alltag ausdrückt, ist im Bündnis von Struktur zu Struktur unterschiedlich. Aber wir sind uns darin einig, dass es schlagkräftige Strukturen braucht. Strukturen, die Gegenmacht aufbauen, die über einzelne Aktionstage hinaus Bestand haben und revolutionäre Positionen sowie die Perspektive eines guten Lebens für alle auf die Straße und in den Alltag der Menschen tragen. Sei es in den Betrieben, durch Aktionen und Mobilisierungen oder im Stadtteil. Unser Ansatz als Bündnis ist, Unterschiede nicht zu verstecken, sondern produktiv zu machen – also dafür zu sorgen, dass wir trotz aller Unterschiedlichkeiten in der Diskussion sind und gleichzeitig nach außen handlungsfähig bleiben.
Im Fokus stehen die Themen Sozialabbau und Aufrüstung. Wie sollte die deutsche Linke insgesamt damit umgehen?
Sie muss diese Themen offensiv bearbeiten. Dazu gehört die konsequente Ablehnung der »Zeitenwende« und der »Kriegstüchtigkeit«. Der Zusammenhang der beiden Themen muss verdeutlicht, und die Logik des jetzigen Systems entlarvt werden, die sich klar zeigt: Dass der Mensch und seine Bedürfnisse nicht soviel wert sind wie der Profit. Wir müssen die widersprüchlichen Interessen aufzeigen, dagegen praktischen Widerstand leisten und die Perspektive einer solidarischen, klassenlosen Gesellschaft sichtbar machen.
Carla Demir ist Sprecherin für das »Revolutionäre-1.-Mai-Bündnis« in Stuttgart
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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