Timmy war gestern
Der Ball ist rund. Wie die Erde. Aber die beiden haben natürlich nichts miteinander zu tun. Fußball sei bloß Fußball, heißt es allenthalben. Es sei denn, es geht darum, dass der beliebteste Sport der Erde dafür sorgen soll, dass sich erst alle Menschen und dann alle Staaten wieder liebhaben. Dann haben Ball und Erde plötzlich ganz viel miteinander zu tun.
Am Tag vor dem Start der 23. Fußballweltmeisterschaft setzen praktisch alle Zeitungen zur Wende an. Gestern noch das mieseste Turnier der Welt, jetzt Happening der Hoffnung. Den Anstoß macht Bundestagsvize Omid Nouripour in einer WM-Kolumne auf web.de. Die WM finde unter »kritischen Rahmenbedingungen« statt, na so was, Trump werde das Turnier für seine PR ausschlachten. Da wär er gewiss der erste. Der bizarre Friedenspreis von Gianni für Donald, die arschteuren Tickets, die Einreiseschikanen gegen »Spieler, Schiedsrichter, Journalisten und Fans« werden pflichtschuldig erwähnt, doch keine Sorge: »Es geht um Fußball: in seiner Magie, seiner Verrücktheit, seiner Verzweiflung.« Wenigstens ein Lyriker ist an Nouripour nicht verlorengegangen. Ein Fußballfachmann aber auch nicht. Gelobt wird das »XXL-Format«, die 48 Mannschaften und mehr als 100 Spiele, die das Teilnehmerfeld tatsächlich bloß verwässern, allein, der Vize ist längst im Modus: Die Gruppenphase bringe »gut Pfeffer ins Turnier: England gegen Kroatien (…) Brasilien gegen Schottland (…) Norwegen gegen Frankreich«. Man merkt, wie lang er nach einem echten Topspiel hat suchen müssen, gefunden hat er dann eins, auch wenn er drei als solche ausgibt. Einen kleinen Fleck auf der Weste sieht er dann doch noch. Viele Spiele seien »leider mitten in der Nacht«. Auf der anderen Seite des Erdballs wird halt auch gewohnt.
Eskapistisch gestimmt ist auch die Rheinische Post. Das Turnier könne ein »Stimmungsaufheller« werden, »vorausgesetzt, die Nationalmannschaft liefert«. Womit die deutsche gemeint ist. Siege anderer Teams kommen nicht in Frage. Doch wenn die Nagelsmänner liefern, wird es so schön »wie 2006 gegen Polen«. Erinnert noch jemand Klinsmanns Gleiwitz-Sound vor dem Spiel damals, dokumentiert von Sönke Wortmann? »Das lassen wir uns nicht nehmen, und schon gar nicht von den Polen.«
Auch die Freie Presse mischt mit beim Sichallesschönsaufen. »In einer politisch so erschreckend aufgeheizten Zeit bietet eine Fußballweltmeisterschaft die große Chance, sein eigenes Weltbild zu erweitern, zu hinterfragen.« Die passende Antwort findet sich in den »Känguru-Chroniken«: »Ich habe noch nie einen Menschen mit einer Fahne in der Hand einen intelligenten Satz sagen hören. Wollen Sie das ändern?« (fb)
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