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24.04.2026
- → Feminismus
Betäubt und vergewaltigt
Kein Einzelfall: Recherchen zeigen tausendfache sexualisierte Gewalt an Frauen durch eigene Partner
Die Recherche des US-Senders CNN unter dem Titel »Eine weltweite ›Vergewaltigungsakademie‹ entlarven« ist verstörend, wie so oft, wenn es um Gewalt an Frauen geht. Es ist der letzte Teil der 2018 begonnenen Serie »As Equals«, die aufzeigen soll, »wie sich systemische Ungleichheit zwischen den Geschlechtern äußert«. Angestoßen wurden die Nachforschungen durch den Fall des Franzosen Dominique Pelicot, der im Dezember 2024 zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt wurde. Er hatte seine Ehefrau über Jahre betäubt, vergewaltigt und dieses Verbrechen zur Nachahmung in einem privaten Chatroom namens »À son insu« (ohne ihr Wissen) angeboten. Konkret 72 Männern, wie Ermittler anhand der umfassenden Sammlung Pelicots mit Bildern und Videos herausgefunden haben. Bisher konnten 51 Täter identifiziert und angeklagt werden.
Während die Betreiberseite dieses Chatrooms vom Netz genommen wurde, »ist dieses Verhalten nicht verschwunden«, wie CNN zu Beginn seiner am 26. März veröffentlichten monatelangen Recherche konstatiert. Der Sender decke damit »eine verborgene Onlinewelt auf, in der die Kommerzialisierung und Verbreitung sexualisierter Gewalt gegen Frauen floriert«. Etwa auf Pornoseiten wie motherless.com, auf denen sich Tausende sogenannten Schlafcontent anschauen, also Videos, in denen schlafenden (oder betäubten) Frauen die Augenlider vor der Kamera hochgezogen werden, um zu zeigen, dass sie nicht wach sind. Entsprechende Mittel werden gleich mit angeboten. Über diese »Gemeinschaft« recherchierten in Deutschland auch die beiden Reporterinnen Isabell Beer und Isabel Ströh des Reportageformats »Strg_F«, die ihre Ergebnisse vor rund einem Jahr in der Dokumentation »Im Vergewaltigernetzwerk« zusammentrugen.
In Gruppen mit teils Zehntausenden überwiegend männlichen Nutzern wurde sich darüber ausgetauscht, wie man Frauen – in den meisten Fällen die eigene Partnerin – am besten betäuben und anschließend ohne Wissen der Betroffenen vergewaltigen kann. Videos oder Fotos der Übergriffe werden anschließend in diesen Netzwerken geteilt, CNN berichtete auch von Livestreams der Vergewaltigungen, die zum Kauf angeboten werden. Und die Wahl der Mittel verändere sich, so griffen Täter zunehmend auf »leichter erhältliche« verschreibungspflichtige Medikamente zurück, die schnell wirken und im Körper kaum Spuren hinterlassen – im Gegensatz zu den früher üblichen »Vergewaltigungsdrogen«.
Raum gibt die CNN-Recherche vor allem auch den Überlebenden, wie sie im Bericht genannt werden, die ihre Scham überwinden konnten und mit den Journalisten gesprochen haben. Da ist zum Beispiel Zoe Watts, die erzählt, wie ihr Umfeld reagierte, nachdem sie das Tatgeständnis ihres Partners öffentlich gemacht hatte. Es sei doch ihr Ehemann, hieß es dann, oder dass es ja nicht dasselbe sei, »als würde man in eine Gasse gezerrt werden«. Die Engländerin Amanda Stanhope schildert, wie ihr Mann versuchte, ihre Wahrnehmung zu diskreditieren (Gaslighting), nachdem sie ihn zur Rede gestellt hatte. Sie war sogar mit blauen Flecken aufgewacht, ohne zu wissen, woher diese kamen. Die Italienerin Valentina fühlte sich »wie Fleisch aus dem Schlachthaus. Denn letztendlich war ich genau das.« Ihr Exmann wurde 2021 zu acht Jahren Haft verurteilt – wegen mehrfacher schwerer sexueller Nötigung.
Die strafrechtliche Verfolgung bleibt jedoch schwierig in einer anonymisierten Onlinewelt. Telegram versicherte gegenüber CNN, Inhalte zu entfernen, die sexuelle Gewalt fördern, sobald sie erkannt werden. Aber schon die Datengrundlage ist dünn, da es in den meisten Ländern an spezifischen Monitoringinstrumenten fehle und es keine eigene Kategorie im Strafrecht gebe. Wenn Betroffene erfahren, dass die Gewalt von ihrem eigenen langjährigen Partner ausging, ist die Schwelle, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, zudem besonders hoch. Nicht umsonst forderte Gisèle Pelicot während des Prozesses gegen ihren Exmann: »Die Scham muss die Seite wechseln.«
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