Hundepfeifen
Die Polizei ist der größte Hundehalter, und Hundepfeifen hat sie auch. Dogwhistling bezeichnet jenes Manöver im politischen Diskurs, bei dem man das eine sagt und das andere meint, Redende wie Hörende aber wissen, was eigentlich gemeint ist. Die Klage über Kriminalität etwa umkleidet oft Hetze gegen Zuwanderer. Einmal im Jahr packt das BKA seine Hundepfeifen aus, die Polizeiliche Kriminalstatistik wurde am Montag vorgestellt.
Die Presse hört gut auf hoher Frequenz, am schrillsten pfeift Bild zurück: Die Statistik sende ein »ein klares Signal«: »Sinkt die illegale Migration, geht auch die Kriminalität spürbar zurück. Zahlen lügen nicht.« Auch die Rede von den nackten Zahlen ist ein klassisches Manöver der Rechten. Dort links-grün versiffte Parallelwelt, hier konservative Sachlichkeit. Tatsächlich enthalten Zahlen zahllose Voraussetzungen: evidente Widersprüche, gesellschaftliche Grundierung, motivierte Kurzschlüsse, und gerade der Umstand, dass sie ob ihrer Nacktheit und Faktizität so indifferent wirken, macht den, der mit ihnen hantiert, anfällig für ideologische Verzerrungen. Gewiss gibt es in migrantischen Milieus mehr Kriminalität, das hat soziale, situative, gruppenpsychologische Gründe, an denen man arbeiten könnte, statt gefährliche Regionen als sichere Herkunftsländer zu klassifizieren und mit Massenabschiebungen mehr Unschuldige zu treffen als solche, die es in den Augen der Vigilanten verdient haben. Im Jargon der Zackigkeit adressiert Bild die Ressentiments seiner Leser: »konsequente(s) Handeln nach jahrelangem Blabla«, Ärmel hoch statt Bedenkenträgerei, Dobrindt müsse jetzt »seinen Länderkollegen Beine machen«. Okay, Boomer.
Weniger schrill gibt sich der Weserkurier: Die meisten Deutschen fühlen sich »tagsüber im eigenen Wohnumfeld« sicher, »nachts in Parks und an Bahnhöfen« sei das Sicherheitsgefühl »deutlich geringer (…) Das geht gar nicht.« Nachts ist kälter als draußen, sag bloß. Murray Rothbard einst hat diesen Trick vorgezeichnet: Munter etwas fordern, worauf sich möglichst viele einigen können und von dem man zugleich weiß, dass es nie erfüllt werden kann.
Die Freie Presse stolpert über das eigene Seil, ohne hinzufallen: »Syrer sowie Afghanen stehen fast zehnmal so häufig unter Tatverdacht wie deutsche Staatsbürger.« Der Fehler im Betriebssystem wird zum Argument gemacht. Die Süddeutsche Zeitung kommentiert treffend: Die Statistik lasse »Migranten von jeher schlechter dastehen«, »weil sie viel häufiger angezeigt werden als Deutsche«. (fb)
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