Politikum des Tages: Schnitzelklopfen
Von Felix Bartels
Tom Waits besang 1983 die amerikanische Großstadt als Ort, wo man nicht kochen kann, ohne von Nachbars Lärm geplagt zu werden. 40 Jahre und 7.000 Kilometer weiter ist selbst Kochen nachbarschaftlicher Krieg geworden. Im bayerischen Geiselhöring, das etwas weniger Einwohner aushalten muss als ein Häuserblock in Brooklyn, geschah das Drama. Ein passionierter Hobbykoch hatte sein Schnitzel zu laut geklopft. Infolgedessen klopfte sein Nachbar. Zunächst an die Wohnungstür, dann auf Hobbykochs Nase.
Das deutsche Schnitzel, ein Kulturgut, ein Politikum, schon die Zubereitung wird Schweinestall. Zwei Erwachsene und drei Kinder machen eine Schnitzelstraße: klopfen, mehlen, eiern, panieren, braten. Wer brät, kriegt Brandblasen, wer klopft, Muskelkater, die Schmadderei dazwischen macht Finger wie von E. T.
Klopfen scheint obligatorisch. Hierzulande, das japanische Katsu wird nicht geklopft. Ein Schnitzel, sagt man, müsse so dünn sein, dass eine Zeitung hindurch zu lesen geht. So gesehen kann es eigentlich nicht dick genug sein. Selbst von der jungen Welt gilt, dass es mehr Spaß macht, in ihr zu schreiben als in ihr zu lesen. Dünnes Schnitzel kommt eigentlich vom Kalb. Schwein hat nicht die Struktur, noch zu halten, wenn es dünn geklopft ist. Ein Wiener Schnitzel wird dünn wie ein Löschpapier, groß wie ein Fußballfeld und aufgebläht wie ein Heißluftballon. Weil es vom Kalb kommt. Ich kannte übrigens einen Wiener mit Sorge, im Zuge der Islamisierung in Wien bald kein Schnitzel mehr zu bekommen. Damals schrieb er für die Bahamas, bis ihm jemand ein Kochbuch schenkte. Schnitzel bleibt Schnitzel, es definiert sich nicht durch Herkunft, sondern durch Machart. Im Grunde also wie auch der New Yorker, der Niederbayer und der Wiener. Unter der Panade kann zusammengepresst sein, was will, solange es hält. Im Grunde also wie dieser Text hier.
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