Stulle
Von Maxi Wunder»Im Jahr 2020 war unsere größte Sorge Klopapier. Und heute?« fragt Udo. Wir sitzen am Rand eines Feldes vor den Toren Plauens, um weit gucken zu üben. Von dem vielen Fernsehen am Rechnerbildschirm wird man nämlich kurzsichtig. Roswitha stellt unsere Thermoskanne auf den Autobahnrastplatztisch, an dem wir zu Mittag essen. Er ist aus kariert geflochtenem Metall und sehr hässlich, aber selbstreinigend. Alles, was darauf kleckert, fällt direkt durch die Maschen auf die Erde – zur Freude der herbeieilenden Kleinlebewesen.
Autobahnstulle
Eine Avocado halbieren, entkernen, Fruchtfleisch mit einer Gabel zerdrücken und mit Zitronensaft, Salz und Pfeffer abschmecken. Eine Karotte raspeln, eine halbe Paprika klein würfeln, frische Gartenkräuter untermischen, würzen und alles vermengen. Vier Vollkornbrotscheiben mit der Avocado-Gemüse-Creme bestreichen und zusammenklappen.
»Dritter Weltkrieg?« frage ich zurück. Rossi betrachtet unseren verbeulten Peugeot, den wir für den Ausflug hochpreisig betanken mussten. »Benzinpreise«, meint sie trocken. »Nein, Kinder. Also die größte Sorge ist, dass die Herrschenden Europa für den globalen Machtanspruch der USA aufopfern«, doziert Udo. »Der Kontinent havariert mit dem Bug zuerst, wo wir doofen Deutschen sitzen und uns langsam an das Absaufen gewöhnen. Und für den vermeintlich guten Zweck, die Einverleibung der Ukraine in den Westen, auch noch in den Krieg ziehen sollen. Nee! Da lob’ ich mir unsere Schüler. ›Merz, stirb’ selber an der Ostfront‹, haben die auf ihre Demopappschilder geschrieben. Warum werden die von der Polizei rausgeholt? Die müssen sich wehren gegen den Uropascheiß.«
Gut zu wissen, dass sich zunehmend auch Erwachsene den Mund nicht verbieten lassen. Darunter einige, die sich in dem Schweizer »Bündnis Redefreiheit« organisieren, dessen Fördermitglied man werden kann (33 bis 20.000 Franken im Jahr). Es veröffentlichte jüngst eine »Berliner Erklärung«, die schon über 7.000 Leute unterzeichnet haben. Das Bündnis verteidigt laut Selbstdarstellung Individuen gegen Zensur und Cancel Culture. Unter anderem einen Schweizer Hobbyschützen, der sich beklagt, dass ihm 2024 nicht ohne weiteres ein Sturmgewehr verkauft wurde. Er solle zunächst ein psychiatrisches Unbedenklichkeitsattest vorlegen und versichern, dass er das Gewehr nicht gegen Schweizer Behörden einsetzt. Begründung: seine libertäre Gesinnung und Regierungskritik in der Coronazeit. Herr Bubendorf nimmt das nicht hin. Er kritisiert, dass Libertarismus à la Milei in der Schweiz als psychische Störung gilt. »Meine libertäre Überzeugung speist sich aus einer tiefen Aversion gegen Zwang und Gewalt«, erklärt er auf der Website des Vereins. Dass Schießen etwas mit Gewalt zu tun haben könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Im Gegenteil. Ironischerweise sei es gerade seine libertäre Friedfertigkeit, die ihn jetzt zum Psychiater führen soll, meint der Besitzer zahlreicher Feuerwaffen. Darüber hinaus hält er sich zugute, in seiner Schützenkarriere noch nicht mal auf Bilder von Maria und Jesus geschossen zu haben. Wir wünschen dem behandelnden Psychiater alles Gute.
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