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Thomas Ebermann 75

Nicht ins Leere fallen

Negation kapitalistischer Normalität: Über Thomas Ebermann aus gegebenen Anlässen

Foto: bonn-sequenz/imago
Thomas Ebermann (M.) ist dagegen: Hier gegen Pershing-Raketen (1987)

Steigende Flut hebt alle Schiffe. Was aber, wenn sie sinkt und nicht mehr wiederkommt? Anlässe zu Überlegungen hierzu bieten weniger biographische Jahrestage als historische Einschnitte. Am Beispiel des Politikers, Publizisten und Aufklärers auf der Bühne Thomas Ebermann:

Nach dem Realschulabschluss war er Erziehungshelfer und Fabrikarbeiter, wurde in Hamburg aktiv in Arbeiter- und Lehrlingszentren, 1971 Mitgründer und dann Leitungsmitglied des Kommunistischen Bundes (KB). Das war die klügste der damals zahlreichen kommunistischen Gruppen. Sie klinkte sich früh in die neuen sozialen Bewegungen ein, darunter in die Kämpfe gegen Atomkraftwerke. Der KB war auch 1978 bei den Anfängen der »Bunten Liste« in Hamburg dabei.

Dann eine Spaltung: Zusammen mit einer »Gruppe Z« verließ Ebermann den Kommunistischen Bund und stieß zu den »Grünen«. Er sah das als eine der Möglichkeiten, mit denen Kommunist(inn)en unter den gegebenen Bedingungen ihre Ziele innerhalb größerer Organisationen und Bewegungen verfolgen könnten.

An der Spitze der »Grün-Alternativen Liste« (GAL) zog er 1982 in die Hamburger Bürgerschaft ein, führte mit der SPD Tolerierungsgespräche und demonstrierte elegant, dass es kein hölzernes Eisen gibt. 1984 veröffentlichte er mit Rainer Trampert das Buch »Die Zukunft der Grünen. Ein realistisches Konzept für eine radikale Partei«. Es handelt sich um ein ökosozialistisches Manifest mit eingebautem Widerspruch zwischen Titel und Untertitel: Die Organisation, die das Projekt verwirklichen sollte, gab es weder damals noch später. Den Interessen der miteinander unvereinbaren Flügel, die Erfolge bei Wahlen suchten, entsprach es zunächst, die Unvereinbarkeit erst einmal auf sich beruhen zu lassen.

1987: Thomas Ebermann im Bundestag, die Ökosozialistin Jutta Ditfurth auf der Titelseite des Spiegel, abmahnende Überschrift: »Grüne Verführung«. Im Dezember 1988 die Klarstellung: Der radikale Bundesvorstand der »Grünen« wurde gestürzt, die Fischers zogen durch.

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Ab 1989 Versuch eines Neuanfangs: Eine u. a. von Ebermann, Ditfurth, dem Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza, Karl Heinz Roth, dem ja weiter bestehenden KB und Trotzkisten wie Winfried Wolf ausprobierte »Radikale Linke« brachte 1990 zwei respektable Demonstrationen gegen die sogenannte Wiedervereinigung zustande und löste sich 1991 wieder auf.

Aus dem subversiven kommunistischen Politiker wurde nun der ebenso subversive antikapitalistische Satiriker. Thomas Ebermann und Rainer Trampert gingen auf Lesereisen. Sie zitierten den Medienmüll der Neunziger und der folgenden Jahre, in dem irre Verhältnisse sich selbst karikierten. Ebermann entwickelte diese Lektionen allmählich zu einer Kunstform in szenischen Lesungen auf der Bühne weiter.

Was er früh bei Marx, Engels, Lenin gelesen hatte, blieb zwar sein Fundus. Brauchbarer zur Interpretation der aktuellen Situation aber war ihm Adornos Ideologiekritik. Intensiv rezipierte er Herbert Marcuse. Ein Bühnenprogramm von 2014 trug den Titel »Der eindimensionale Mensch wird fünfzig«. Die von Marcuse ausgerufene »Große Weigerung« wird bei Ebermann zur assistierten Selbstnegation des angeblich Positiven. Darüber darf gelacht werden. Wenn einmal von einem »ganz Anderen« die Rede sein könnte, dann im Zusammenhang mit Kämpfen, in deren Wahrnehmung zugleich das bislang immer wieder siegreiche Herrschaftssystem sichtbar bleibt. Dies wurde Thema einer szenischen Lesung nach dem Roman »Q« des italienischen Autorenkollektivs Luther Blissett, der u. a. von Thomas Müntzer handelte.

Merkwürdigerweise kann Ebermann die Kritik an linken Selbstbetrügereien nicht lassen. Die Annahme, den Ort, wo nach alter Sitzgeographie sich einmal etwas befand, gebe es noch, und Aufklärung falle nicht ins Leere, unterscheidet ihn von einem Zyniker.

Der nächste Einschnitt kam 2020. Im Jahr zuvor hatten Thomas Ebermann und Thorsten Mense ein neues Programm vorgestellt: »Heimat – Eine Besichtigung des Grauens«. Wegen der Pandemie musste es gestoppt werden. Ebermann konnte ein Jahr lang nicht mehr auf die Bühne, statt dessen entstand ein Pamphlet: »Störung im Betriebsablauf« (2021). Jetzt wurde er bitterernst. Er liebt das Leben, nicht nur sein eigenes, gönnt diese Freude auch allen anderen. Und er hasst den Tod – ob als physiologisches Ereignis, ist nicht bekannt, aber gewiss als eine gesellschaftliche Veranstaltung, die das Leben verkürzt und auslöscht durch seine Auslieferung an die Kapitalverwertung, wo, wenn es hart auf hart kommt, Schutz und Hilfe verweigert werden.

Seitdem ist der Ton härter geworden – in der Wirklichkeit und in den Texten Thomas Ebermanns, zum Beispiel in seinem jüngsten Programm mit dem Titel »Normal. Ein Abend gegen Irrationalismus und instrumentelle Vernunft«. Letzteren Begriff hat er von Max Horkheimer. Er bezeichnet das in sich stimmige Ensemble von gesellschaftspolitischen Techniken, die das Katastrophenpotential der bürgerlichen Gesellschaft nicht beseitigen, sondern zu diesem beitragen.

Das Ende der operativen Politik von Thomas Ebermann 1991 und das Auffliegen jeglichen Placeboschwindels dreißig Jahre später: Dies sind die Gegebenheiten, die vorstehende Bemerkungen veranlassten. Hinzu kommt eine dritte: An diesem 18. April wird er fünfundsiebzig.

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.04.2026, Seite 10, Feuilleton

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→ Leserbriefe
  • Rüdiger Deißler aus Berlin 21. Apr. 2026 um 14:03 Uhr
    Schade. Georg Fülberth schreibt nichts wirklich Wesentliches über die von Ebermann vertretenen Inhalte anlässlich dessen 75. Geburtstags. Als Lehrling in der Provinz und Jugendvertreter las ich ab 1974 den zweiwöchentlich erscheinenden Arbeiterkampf des Kommunistischen Bundes (KB). Und dort mit Genuss und Gewinn Ebermanns unter Pseudonym erscheinende Artikel aus der Betriebspraxis in Hamburg und zum Kampf gegen die Atomkraftwerke in der BRD. Das ging so bis Anfang der 1990er Jahre. Als Die Grünen in dieser Zeit nach dem Anschluss der DDR als Tribüne für linke politische Kämpfe langsam wegbrachen, fiel auch Ebermann aus. Er ließ dann nur noch zynische Positionen, die mit seiner offensichtlichen Depression über die politischen Zustände in der vergrößerten imperialistischen BRD deckungsgleich wurden, vom Stapel. Zuletzt erlebte ich ihn 2014 in Kreuzberg bei einer Diskussion über die Münchner Räterepublik mit Nick Brauns. Damals vertrat er eine zu Brauns historischem Optimismus entgegengesetzte, deprimierende Meinung des Untergangs der Linken und hatte in seiner larmoyant-traurigen Ironie einen Teil des jüngeren Publikums auf seiner Seite. Machen wir uns nichts vor: von Ebermann ist nichts mehr zu erwarten.
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