Was erwartet die Gäste am Sonntag in Heideruh?
Interview: Carmela Negrete
In diesem Jahr feiert die einst von Kommunisten begründete Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh in Niedersachsen ihr 100jähriges Bestehen. Die Veranstaltung an diesem Sonntag widmet sich »einer Buchholzer Geschichte«. Worum geht es dabei?
Der Schwerpunkt liegt darauf, dass wir uns der Stadt Buchholz, in der wir uns befinden, annähern und die Entwicklung in den letzten 100 Jahren betrachten. Wir schauen darauf, wie sich eine Stadt mit einer sehr faschistischen Vergangenheit in Beziehung zu einem antifaschistischen Projekt wie Heideruh entwickelt hat. Außerdem kommen viele Buchholzerinnen und Buchholzer. Es ist also eine regionale Veranstaltung mit Musik von David Rovics (US-amerikanischer Liedermacher, jW) und unterschiedlichen Beiträgen. Wir möchten deutlich machen: Was ist die Geschichte von Heideruh, und welche Persönlichkeiten haben den Ort geprägt …
Was erwartet die Gäste?
Der Einstieg erfolgt mit dem Schwur von Buchenwald. Damit machen wir gleich zu Beginn deutlich, wo unsere Wurzeln liegen. Danach erzähle ich von der Familie Jakob, die Heideruh seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geprägt hat. Der Großvater Franz Jacob hat Heideruh mitgegründet, war im kommunistischen Widerstand aktiv und wurde 1944 hingerichtet. Käthe Jacob kam ins Konzentrationslager Ravensbrück, wurde befreit und war später jahrelang Schriftführerin in Heideruh. Ilse Jacob war eines der ersten Berufsverbotsopfer in Hamburg und hat hier unter anderem die Geschwister-Scholl-Jugend mitgegründet. Ihre Tochter, Katharina Jacob, ist bis heute aktiv. Anschließend stellen Ines Fabich und Michael Weber die Geschichte von Buchholz und Heideruh gegenüber. Danach folgt die Podiumsdiskussion. Auf dem Podium sitzen unter anderem Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse (CDU), Norma van der Walde aus der VVN–BdA und Mitglied des Auschwitz-Komitees, Ulli Sander von der Geschwister-Scholl-Jugend sowie der Historiker Oliver Rump.
Ist Buchholz heute eine eher linke Stadt?
Nein, überhaupt nicht. Aber der Bürgermeister findet das Thema wichtig. Die Veranstaltung findet auch nicht in Heideruh statt, sondern im Theater in Buchholz. Wir haben eine Stadt und vor allem einen Bürgermeister, der klar Position gegen die AfD bezieht. Dabei unterstützen wir ihn, und in dieser Frage arbeiten wir auch zusammen. Wir haben gemeinsam die Erinnerungskultur weiterentwickelt. Genau deshalb machen wir Veranstaltungen wie diese: Wir zeigen, wie aus einer faschistisch geprägten Stadt und einem antifaschistischen Ort ein Umfeld entstehen kann, in dem Antifaschismus salonfähig wird. Das Jubiläum »100 Jahre Heideruh« feiern wir über ein ganzes Jahr hinweg. Diese Veranstaltung ist speziell der Beitrag für Buchholz. Der Höhepunkt ist das Sommerfestival, diesmal ein mehrtägiges. Außerdem eröffnen wir unsere aktualisierte Ausstellung »100 Jahre Heideruh – Verfolgung und Widerstand«. Es wird Filmnächte geben, bei denen wir ausgewählte Filme aus unserem Archiv zeigen.
Können Sie schon etwas über das Programm des Jubiläumssommerfests sagen?
Am 25. Juli präsentiert Gina Pietsch gemeinsam mit anderen Künstlerinnen eine Hommage an Esther Bejarano. Am Sonntag planen wir ein Podiumsgespräch mit Bündnispartnerinnen und Bündnispartnern zur Frage: Wie bauen wir ein breites Bündnis gegen rechts auf? Heideruh hat durch seine lange Geschichte und als Tagungshaus die Möglichkeit, viele unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen, nicht nur links-antifaschistische, sondern auch bürgerlich-antifaschistische Initiativen. Wir wollen gemeinsam überlegen, auf welche Forderungen wir uns einigen können.
Sind die Veranstaltungen auch etwas für Familien?
Beim Sommerfest bieten wir Kinderbetreuung an. Außerdem liegt Heideruh mitten im Wald, ohne Autoverkehr, mit vielen Spielmöglichkeiten. Die Kinder beschäftigen sich dort meist ganz von selbst mit der Natur und miteinander. Wir haben ein Klettergerüst, einen Barfußpark, eine antifaschistische Bibliothek und vieles mehr. Wir sind ein politisches Tagungshaus, ein Erholungsort und eine Bildungsstätte – alles unter dem gemeinsamen Dach des Antifaschismus.
Bea Trampenau arbeitet in der antifaschistischen Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh
Infos: 100-jahre-heideruh.de
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