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Geschichte

»Wer ihn hörte, musste ihm glauben«

Verteidiger der Räterepublik: Am 13. April vor 130 Jahren wurde Rudolf Egelhofer geboren

Foto: SZ Photo/picture alliance
Truppenschau: Rotarmisten in München (22.4.1919)

Im Jahr 1917 wird ein junger Matrose der deutschen Kaiserlichen Marine an der Westfront festgenommen. Er kann fliehen, wird jedoch nur wenig später wieder aufgegriffen und inhaftiert. Im November 1918 aber kommt er vorzeitig frei, nicht aufgrund guter Führung oder staatlicher Milde. Es war die Revolution, die sich, eingeleitet durch den Kieler Matrosenaufstand am 3. November 1918, über das gesamte damalige deutsche Kaiserreich auszudehnen begann, und den jungen Matrosen befreite. Sein Name war Rudolf Egelhofer.

Verglichen mit anderen Revolutionären ist insbesondere über die Kindheit und Jugend Egelhofers wenig bekannt. Geboren am 13. April 1896 in der Münchner Frauenklinik wuchs er mit seiner Mutter und seinem Vater, der als Schildermacher arbeitete, in der Belgradstraße 71 in Schwabing auf. Der Münchner Stadtteil galt damals vor allem als Künstlerviertel und späteres Zentrum der überwiegend bürgerlich-liberalen Boheme. Doch war es auch der Ort, an dem sich mit Lenin und Nadeschda Krupskaja führende Köpfe der späteren Bolschewiki einfanden.

Teil der abgehobenen Schwabinger Boheme ist Egelhofer nie gewesen. Schon früh scheint er den Entschluss gefasst zu haben, zur Kaiserlichen Marine zu gehen, wohl ausgelöst durch die Sehnsucht nach der Ferne, wie sie ein Gedicht in seinem Notizbuch beschreibt. Doch mehr als das müssen die ökonomischen und historischen Umstände in Rechnung gestellt werden, in welchen sich Egelhofer befand. Sein Leben war damals bestimmt von den prekären Verhältnisse des Arbeiter­milieus sowie dem sich abzeichnenden Ersten Weltkrieg. Ähnlich zur heutigen, durch Aufrüstung und Kriegsvorbereitung geprägten Situation in der Bundesrepublik verhielt es sich auch vor 1914. Das Kaiserreich warb vor allem junge Männer aus der Arbeiterklasse für das Militär an. Bewusst die Armut ausnutzend, wurden Sold, Unterkunft, Kleidung und medizinische Versorgung versprochen, der Krieg zum Abenteuer verklärt, aus dem die Soldaten nach nur wenigen Monaten zu Weihnachten 1914 als Helden zurückkehren sollten. Sie wurden in den Schützengräben zum Kanonenfutter der monatelangen Materialschlachten. Als Marinesoldat an der Westfront erlebte Egelhofer dies mit.

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Rudolf Egelhofer (1896–1919)

Als Egelhofer Ende 1918 aus der Haft befreit wurde, kam er zurück nach München und trat nach deren Gründung der Münchner KPD bei. Ein Schritt politischer Klarheit und die Folge einer Bewusstseinsbildung im Zuge seiner Schwabinger Jugend und als Marinesoldat während des Ersten Weltkriegs. Egelhofer erkannte die Notwendigkeit einer sozialistischen Revolution. Er nahm ab diesem Zeitpunkt an Parteitreffen teil und fuhr für die KPD bereits im Januar 1919 nach Niederbayern, um Reden zu halten und Diskussionen zu führen. Denn nicht nur in München kämpften zu dieser Zeit revolutionäre Arbeiter, Soldaten und Intellektuelle für eine Räteherrschaft, sie taten es auch in Niederbayern, in Kolbermoor, in Starnberg, Garmisch und anderen Ortschaften.

Nach Kurt Eisners Ermordung am 21. Februar 1919 begann sich die politische Lage in München zu verändern. Eisner, unter dessen Führung vom 7. auf den 8. November 1918 die Revolution in München begann, hatte trotz allem die Notwendigkeit eines bürgerlichen Parlaments verfochten. Die Münchner Arbeiter aber forderten, die politische Macht in ihre Hände zu bekommen. Am 7. April wurde die Räterepublik unter Führung der Anarchisten Erich Mühsam und Ernst Toller ausgerufen. Doch die Reaktion, angeführt von der sich als rechtmäßige Regierung Bayerns sehenden SPD Johannes Hoffmanns, konnte sich mit Hilfe völkisch-nationaler Freikorps bereits formieren und begann am 13. April 1919 den ersten Putschversuch gegen die Räterepublik. Die KPD, die diese Räterepublik bewusst nicht stützte, versuchte, sie trotzdem zu verteidigen. Egelhofer leitete einen Angriff gegen Freikorpstruppen am Münchner Hauptbahnhof. Der Putsch konnte verhindert werden, und auf die anarchistische Räterepublik folgte Mitte April die kommunistische, deren Rote Armee Rudolf Egelhofer nun als Stadtkommandant führte.

Doch die kommunistische Räterepublik wurde Anfang Mai 1919 in einer Welle des Terrors erstickt. Rudolf Egelhofer wurde am 3. Mai erschossen. Während der einzigen Parade einer Roten Armee, die es je in München gab, hatte sich Egelhofer am 22. April an seine Soldaten gewandt: »Wir waren die ersten, die die Fahne der proletarischen Revolution emporgehoben haben, und so müssen wir auch alles aufbieten, um unser Ideal überall zu verwirklichen.« Oskar Maria Graf schrieb beeindruckt: »Wer ihn hörte, musste ihm glauben.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.04.2026, Seite 10, Feuilleton

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  • Onlineabonnent*in Alfred M. aus Hildesheim 15. Apr. 2026 um 11:30 Uhr
    Es ist bedauerlich, dass heute die Rätedemokratie bei den Linken keine Rolle mehr spielt. Dabei ist sie nach Marx, Engels und Rosa Luxemburg und anfangs auch bei Lenin der zentrale Hebel zur Überwindung des Kapitalismus. Wer sich nur auf Erinnerungen und Kapitalismuskritik stützt, aber ansonsten von der parlamentarischen Krankheit befallen ist, der bleibt im kapitalistischen Sumpf stecken und betreibt eine eindeutige reformistische Politik. Das Kapital freut sich, aber die Bevölkerungsmehrheit muss hilflos mit ansehen, wie das kapitalistische System ihre Lebensgrundlagen zerstört. »Alle Macht den Räten«, dies muss heute die Losung der jungen Welt und der Linkspartei sein. Dazu gehören der Aufbau rätedemokratischer Strukturen in allen Lebensbereichen und die Entwicklung eines fundierten und tragfähigen kommunistischen Räterepublikkonzeptes. Nur so können der Kommunismus aufgebaut und die schädlichen Wirkungen des Kapitalismus abgeschafft werden. Alfred Müller
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