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Aus: Ausgabe vom 11.04.2026, Seite 10 / Feuilleton
Zeitdiagnose

Das Vokabular der Kämpfe

Die argentinischen Feministinnen Verónica Gago und Luci Cavallero analysieren die Politisierung von Schulden
Von Barbara Eisenmann
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»Das Kollektive wieder begehrenswert machen«: Antifaschistischer Pride-Marsch in Buenos Aires (7.2.2026)

Viel linke spanischsprachige Theorieliteratur ist nicht ins Deutsche übersetzt. So sind auch Analyse und Praxis argentinischer Feministinnen ein vernachlässigter Gegenstand, obwohl sie Bezugspunkt internationaler feministischer Debatten und Bewegungen sind. Nicht nur haben sich Feministinnen aus Argentinien den international durchschlagenden Frauenstreik am 8. März ausgedacht, sie haben auch langjährige Erfahrungen mit militanter Forschung. Auch das neue Buch der argentinischen Theoretikerinnen und Aktivistinnen Verónica Gago und Luci Cavallero ist nicht übersetzt. Die Autorinnen schließen damit eine Trilogie zur feministischen Politisierung von Schulden ab; eines der drei Bücher ist allerdings bei transversal texts auf deutsch erschienen. »Contra el autoritarismo de la libertad financiera« (Gegen den Autoritarismus der finanziellen Freiheit) heißt das neue Buch. Der Titel mag stutzig machen, zeigt aber, dass das vom libertär-rechten Javier Milei regierte Argentinien einerseits einen Blick in eine bereits fortgeschritten autoritär transformierte Gesellschaft ermöglicht, andererseits in zweierlei Hinsicht auf Kommendes verweist: die zunehmenden Angriffe auf das Soziale auch in der Bundesrepublik, aber auch mögliche Gegenreaktionen auf dem Feld der Theorie wie dem des Aktivismus.

»Libertad financiera« (finanzielle Freiheit) ist ein von Mileis Wahlbündnis »La Libertad Avanza« propagiertes Konzept, das es Gago und Cavallero erlaubt, die in Argentinien forcierte Finanzialisierung des täglichen Lebens zu fassen. Es ist nicht mehr nur das in einer ersten Phase der Neoliberalisierung formierte Subjekt eines »Entrepreneurs«, der Ich-AG aus Hartz-Zeiten, das die dortige Gesellschaft prägt. Vielmehr hat sich während der Coronapandemie, die in Argentinien als »finanzielles Laboratorium« diente, ein die Vereinzelung verschärfendes Subjekt einer »Spekulantin« entwickelt. Dessen Bildung wurde »von oben« politisch gefördert, aber auch durch die Entwicklung von »Fintechs« beschleunigt, über Handy und Computer leicht zugängliche Kredit- und Spekulationsinstrumente. Diese Techniken werden in einem durch Mileis Politik rasant weiter verarmendem Land wie Argentinien »von unten« genutzt. Häufig sind es Frauen, alleinerziehende Mütter, queere und trans Personen, die Jahre neoliberaler »Einübung« in prekäres Arbeiten hinter sich haben und sich oft nur mehr durch Kreditaufnahme und Mikrospekulationen finanzieren können.

Den Begriff des Autoritarismus benutzen die Autorinnen nicht wie üblich als Bezeichnung für illiberale Regierungen oder autoritär regierte Länder, sondern für eine Regierungsform, die »Freiheit«, definiert als individuelle »finanzielle Freiheit«, ins Zentrum stellt. Die Ressource eines derart verstandenen Autoritarismus sei die Prekarisierung weiter Teile der Bevölkerung, denen nichts anderes bleibe, als die eigene Zukunft den Finanzmärkten auszuliefern. Den Zusammenhang von Austeritätspolitik, Verarmung und Verschuldung fassen sie dabei mit dem Begriff des »finanziellen Extraktivismus«, der dreierlei bezeichnet: Schulden als Regierungsmechanismus, als Wertschöpfung und als Besetzen zukünftiger Zeit. Strenge Marxistinnen werden hier einwenden, es gäbe keine Wertschöpfung ohne Arbeit, doch Gago und Cavallero konzeptualisieren die zum Leben nötigen spekulativen Tätigkeiten als »unbezahlte Finanzarbeit«, so wie Feministinnen wie Silvia Federici oder Maria Mies ihrerzeit die »Hausarbeit« als reproduktive Grundlage der Kapitalakkumulation zu fassen versuchten.

Die Autorinnen arbeiten auch die Verbindung zwischen Mileis Propaganda von der »finanziellen Freiheit« und seiner staatlichen Anti-Gender-Politik heraus. Durch das rigorose Streichen öffentlicher Gelder für den sozialen Sektor, wovon vor allem Frauen und queere Menschen betroffen sind, ist die private Verschuldung enorm angestiegen. Parallel dazu haben Femizide und Ermordungen von Queers zugenommen. Im staatlichen Antifeminismus sehen sie eine »Gegenoffensive«, mit der von rechts auf die transfeministische Bewegung reagiert wird, die nicht nur den Zusammenhang von männlicher und kapitalistischer Gewalt sichtbar gemacht, sondern auch den Frauenstreik sowie progressive Gesetze zur Abtreibung und zur »integralen sexuellen Erziehung« erkämpft hat. Während Milei und Co. einerseits gegen die »integrale sexuelle Erziehung« mobilisieren, fördern sie andererseits die »finanzielle Erziehung« an Schulen – den Unterricht erteilen Dozenten aus dem Finanzsektor. »Finanzielle Erziehung« meint also nicht Aufklärung, sondern Anstiftung von Jugendlichen zur Spekulation.

Die von rechts beschworene »finanzielle Freiheit« sei auch ein Angriff auf das politische Vorstellungsvermögen, auf ein Spekulieren im Sinne eines gemeinsamen Ausspähens alternativer Zukünfte, so Gago und Cavallero. Ihr Buch begreifen sie deshalb auch als »Manifest gegen jegliche anarcho-kapitalistischen Formen der Leugnung von Abhängigkeit«. »Desertar de lo colectivo«, ein Desertieren aus dem Kollektiven, indem gemeinschaftliches Handeln als Nichtwert und Defizit charakterisiert wird, sei charakteristisch für die ultrarechte Agenda. Die zukünftige »comunidad«, die sie im letzten Teil ihres Buches imaginieren, könne nur aus den sozialen Kämpfen selbst heraus organisiert werden, die sich – und das halten sie in diesem historischen Moment für das Wichtigste – verbinden müssen. Gemeint sind Kämpfe gegen die Prekarisierung der Arbeit, gegen staatliche wie private Verschuldung, gegen »Extraktivismus«, für das Recht auf Wohnen, Bildung, Gesundheit, auch Kämpfe für freie Zeit.

Bini Adamczak hat einmal von einem »kommunistischen Begehren« gesprochen, das jedoch erst einmal »gewollt werden muss«. In Argentinien, wo die Wünsche aufgrund vorangegangener massenhafter transfeministischer Mobilisierungen vielleicht noch nicht so verschüttet sind wie hier, heißt es »volver deseable lo colectivo« – »das Kollektive wieder begehrenswert machen«. Mag sein, dass das Vokabular der Argentinierinnen gegenwärtig größere Kraft hat als die sozialen Kämpfe, allerdings ist das eine ohne das andere nicht zu haben.

Verónica Gago/Luci Cavallero: Contra el autoritarismo de la libertad financiera. Tinta Limón, Buenos Aires 2025, 216 Seiten, 16 Euro

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