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Aus: Ausgabe vom 10.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Briefe einer Verschwundenen

Ein eindrucksvoller Roman über kolumbianische Verhältnisse in den 1980ern: »An einem Seitenarm des Río Magdalena« von Marbel Sandoval Ordóñez
Von Gaby Küppers
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Barrancabermeja im November 2010

Jahrzehntelang war der Magdalena Medio in Kolumbien Schauplatz entsetzlicher Menschenrechtsverletzungen – und ist es auch heute noch. Die ländlich geprägte Region am mittleren Verlauf des insgesamt 1.600 Kilometer langen Rio Magdalena ist zwar landschaftlich reizvoll, geradezu idyllisch, aber sie ist auch reich an Ressourcen und daher Austragungsort bewaffneter Konflikte um die Kontrolle über das Land und die Rohstoffe. Der Fluss durchkreuzt das Land von fast ganz im Süden bis in den Norden und mündet bei Barranquilla in den Pazifik.

Der Magdalena Medio ist geprägt von ausgedehnten Landwirtschafts- und Viehzuchtbetrieben. Es gibt auch Ölvorkommen, weshalb Barrancabermeja, die größte Stadt der Region, in ein Zentrum der Bohrtürme verwandelt wurde. Wer den Interessen paramilitärischer Banden im Auftrag von Großgrundbesitzern, Armeeangehörigen oder auch der Guerilla in die Quere kommt, hat verloren. Zehntausende Menschen wurden (und werden weiterhin) zu »Desplazados« (Vertriebenen). Unzählige verloren ihr Leben.

Der Roman »An einem Seitenarm des Río Magdalena« von Marbel Sandoval Ordóñez setzt hier an. Er wurde 2006 publiziert und 2017 neu aufgelegt, jedoch erst 2025 von Erich Hackl wunderbar ins Deutsche übertragen und beim Wiener Verlag Bahoe Books veröffentlicht. Die 1959 geborene Autorin stammt aus Bogotá, ist gelernte Journalistin und leitete ein Pressebüro in Barrancabermeja. Ihr Roman reiht sich indes nicht einfach in die Literatur über die »Violencia« (die Epoche der Gewalt) ein. Ausgangspunkt für ihren Text ist der 12. Januar 1984. Damals ereignete sich ein weithin bekannt gewordenes Massaker im Dorf Vuelta Acuña.

Das grausame Geschehen wird abwechselnd aus der Sicht zweier junger Mädchen erzählt. Die Erinnerungen der beiden betreffen glückliche Momente, insbesondere im Hinblick auf ihre Freundschaft, aber gerade auch zunehmend traumatische.

Der erste Satz des Romans räumt gleich mit allen Illusionen auf: »Paulina Lazcarros Leiche wurde nie gefunden.« Wo keine Leiche ist, kann sie auch nicht beweint, betrauert und begraben werden. Es ist das Trauma so vieler Angehöriger der Ermordeten und Verschleppten.

Die den erschreckenden Anfangssatz des Romans schreibt, ist Sierva María, Paulinas Freundin. Die beiden Mädchen, 13 und 14 Jahre alt, leben in Barrancabermeja. Sierva María wohnt bei ihrer Mutter, einer Näherin, Paulina in einer Vertriebenensiedlung am Stadtrand, in der sie mit ihrer Mutter untergekommen ist. Sierva María kennt ihren Vater nicht. Der war in der Ölindustrie beschäftigt, machte sich aber aus dem Staub, als seine Frau schwanger war. Paulinas Vater wurde umgebracht, bevor der Rest der Familie von ihrer Finca floh. Die Mädchen sind vaterlos, was man sicher auch als Metapher für die kolumbianische Gesellschaft und die Bedeutung der Frauen für Überleben und Zukunft lesen kann. Sierva María und Paulina rekapitulieren ihre enge Freundschaft und rekonstruieren die Geschichte des bewaffneten Konflikts. Keineswegs unwesentlich für die widerständige Geschichte der Region, rekurriert der Roman auch auf die Befreiungstheologie: Die Mädchen erleben ihre gemeinsame Sinnfindung bei einem Priester, der sie anleitet, nur auf ihre eigene Urteilskraft zu vertrauen.

Mit der Abreise Paulinas und ihrer Mutter nach Vuelta Acuña nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Eigentlich wollen sie nur den Zustand der vor Jahren verlassenen Finca erkunden. Selbst das ist den Mächtigen zu viel. Paulina kehrt nicht zurück. Sierva Marías Monologe kreisen nun um das angstvolle Warten auf die Rückkehr der Freundin. Dazwischengeschaltet sind Paulinas Passagen, die das Wiedersehen mit ihrem Hof, das Eindringen bewaffneter Männer und die Ermordung aller, einschließlich Paulina, beschreiben. Die Sichtweise der Mädchen allein gilt. Nur sie sprechen, nur ihre Erinnerung bringt die Wahrheit ans Licht. Die im Roman eingestreuten Zitate aus Armeedarstellungen und Radiomeldungen über das Massaker dagegen zeigen ihren wahren Zweck als interessengeleitete Desinformation, die im Klatsch der Nachbarn wiedergekäut wird. Das Massaker wird schnell eins von vielen.

Es handelt sich um einen Briefroman, aber auch um einen Zeugnisroman, der in der Verarbeitung des Zeugnishaften jedoch über diese Textform hinausgeht. Er handelt sich nicht um ein Puzzle, die Kapitel sind übersichtlich gegliedert und mit dem Namen der jeweiligen Zeugin/Briefschreiberin betitelt. Und doch ist er ein großes Rätsel: Eines der beiden Mädchen spricht als Tote. Dieser Kunstgriff macht den Umstand verständlich, dass die Verschollenen für ihre Angehörigen im Denken und Fühlen weiterhin gleichsam anwesend sind. Durch Paulina erhalten die Verschwundenen eine Stimme, durch sie wird das kollektive Gedächtnis erzeugt.

Ist der Roman auch ein Bildungsroman? Ein wenig. Sierva María verliert ihre kindliche Naivität. Anders als ihre von der allgegenwärtigen Gewalt verängstigte oder gleichgültig gewordene Umgebung schaut Sierva María nicht weg: »Meine Wahrheit war, dass ich noch nicht vierzehn war und von einem auf den anderen Tag die Augen öffnen musste. Nur dass mir das Licht nicht gefiel, das zu mir gelangte. Denn es sagte mir, dass ich nicht immer dem trauen durfte, was ich im ersten Lichtstrahl sah, und dass mir außerdem das, was ich sah, nicht gefallen könnte.«

Auch wenn der Begriff im Buch nicht eigens auftaucht, ist er allgegenwärtig: Würde. Die Verteidigung der Würde geht bis zum Bemühen, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen, indem deren Akteure – auf der Opfer- wie auf der Täterseite – in ihrem Menschsein und in den Motiven ihres Handelns dargestellt werden. »Wahrheit und Gerechtigkeit« ist eine zentrale Forderung von Menschenrechtsaktivisten in Kolumbien wie anderswo. Ohne sie hat die Barbarei kein Ende. Das vielleicht ist die Botschaft der Autorin an die Zukunft. »Conjuro contra el olvido« (etwa: »Beschwörung wider das Vergessen«) heißt denn auch ihre Trilogie, zu der außer dem vorliegenden Roman noch »Joaquina Centeno« (2017) und »Las Brisas« (2019) gehören.

Marbel Sandoval Ordóñez: An einem Seitenarm des Río Magdalena. Aus dem kolumbianischen Spanisch von Erich Hackl, Bahoe Books, Wien 2025, 180 Seiten, 22 Euro.

Lesung mit Marbel Sandoval Ordóñez und Erich Hackl am 13.4., im Literaturhaus Wien; 14.4., Literaturhaus Salzburg; 15.4., Amnesty International, Leoben; 16.4. Spielboden, Dornbirn;
17.4., Die Literarischen Nahversorger, Kirchdorf

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