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Aus: Ausgabe vom 01.10.2022, Seite 12 / Thema
Exilliteratur

In eine neue Welt versetzt

Ein Hinweis auf den Exilschriftsteller Diego Viga und seinen Epochenroman »Die Unpolitischen«
Von Erich Hackl
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Paul Engel gemeinsam mit Tochter Teresa im kolumbianischen Exil (1946)

Bei dem folgenden Text handelt es sich um das stark gekürzte Nachwort zu dem Roman »Die Unpolitischen« des österreichischen Exilautors Diego Viga (Paul Engel), der in der kommenden Woche in der Wiener Edition Atelier erscheint. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

In der DDR hat Paul Engel, der sich als Schriftsteller Diego Viga nannte, zwischen 1955 und 1987 sechzehn Romane und einen Essay veröffentlicht. Trotzdem, oder gerade deshalb, ist er der große Unbekannte der österreichischen Exilliteratur. Kein Wunder also, dass Monika Tschuggnall in ihrer Diplomarbeit über »Das lateinamerikanische Exil von Alfredo Bauer und Paul Engel und dessen Darstellung in ihren Werken« (2010) das langjährige Desinteresse an Bauers Schriften, mehr noch die weiterhin andauernde Ignoranz von Diego Vigas »imposantem Werk« in Österreich als große Schande bezeichnet hat.

Vielleicht kommt man deren Ursache auf die Spur, wenn man sich in den Briefwechsel zwischen Bauer und Engel vertieft, die mehrere Gemeinsamkeiten aufwiesen: Beide fanden vor der Verfolgung durch das Naziregime in Südamerika Zuflucht, beide waren Ärzte, beide verstanden sich, in unterschiedlicher Schattierung und Intensität, als Sozialisten, beide fanden in der DDR ihre verlegerische Heimat. Gemeinsam war ihnen auch der skeptische Blick auf ihr Herkunftsland. »Betreffs Österreich stimme ich sehr mit Ihnen überein«, schrieb Engel im Februar 1989 aus Quito an Bauer in Buenos Aires, »ich hab stets den Eindruck, dass sich die Menschen dort viel weniger verändert und entwickelt haben als wir.«

Besondere Kennzeichen: Ungeduld

Bei dieser Bemerkung kommt einem eine Stelle in Diego Vigas Roman »Die Parallelen schneiden sich« in den Sinn, der das wechselvolle Schicksal junger Männer und Frauen, größtenteils jüdischer Herkunft und in Wien aufgewachsen, zwischen 1931 und 1945 schildert: »Alles in Fluss, überall Bewegung, keine Ruhe …« Unter dem ursprünglich vorgesehenen Titel »Die Unpolitischen« erscheint er nun, 81 Jahre nach der ersten Niederschrift, 53 Jahre nach der deutschen Erstveröffentlichung und ein Vierteljahrhundert nach dem Ableben des Autors, endlich auch in dessen Geburtsstadt.

»Ich wurde«, schrieb Engel in einer autobiographischen Skizze zu Händen des Leipziger Literaturwissenschaftlers Rolf Recknagel, »am 7. Juni 1907 im Haus Georg-Siegel-Gasse 8 im IX. Wiener Gemeindebezirk geboren. Besondere Kennzeichen: Ungeduld, die mir geblieben ist (ich erschien um einen Monat zu früh, war schwächlich – wog bloß 2,30 kg – und hatte die Nabelschnur um den Hals; nach Goethes »Dichtung und Wahrheit« habe ich das mit ihm gemein). Außerdem wurde ich um 4.00 Uhr morgens geboren (ich blieb Zeit meines Lebens ein Frühaufsteher und Morgenarbeiter), und da es plötzlich sehr schnell ging, wurde, weil der Geburtshelfer im Sommerurlaub war, der nächstwohnende Arzt gerufen – ein Zahnarzt!«

Paul Engels Eltern Julius und Klara, geborene Rosenfeld, stammten aus der Gegend um Pilsen, lernten sich aber erst in Wien kennen, wo Julius Engel eine Textilfabrik leitete. Ein Jahr nach Pauls Geburt kam sein Bruder Walter zur Welt. Die Buben wuchsen in bürgerlichen Verhältnissen auf, behütet von der Mutter, die Paul ein Jahr lang von einem Hauslehrer unterrichten ließ, und gefördert vom Vater, der ihr Interesse für Sprachen, Literatur und Musik weckte und sie schon früh mit sozialistischen Ideen vertraut machte. Seiner Erinnerung nach war Paul Engel ein schlechter Schüler, der sich jedoch selten langweilte und im Gymnasium in der Wasagasse, das er ab 1918 besuchte, gleichaltrige Freunde fand, die wie er ihren Bewegungsdrang beim Skifahren und Bergsteigen auslebten. »Dieses ›Sich-Beweisen‹ kam wohl aus einem Protest gegen meine Mutter; zu sehr um ihre Kindlein besorgt, suchte sie uns von allem Gefährlichen fernzuhalten. An der Bergfreude war aber immer auch tiefe Abenteuerlust beteiligt, so etwas wie unstillbare Lebensneugierde.«

Beim Skifahren lernte der 17jährige die drei Jahre jüngere Josefine Monath kennen, Seppl genannt, in die er sich wegen ihrer »Eigenschaft der Unbedingtheit« prompt verliebte. Allerdings sollten noch Jahre vergehen, bis die beiden endgültig zueinanderfanden. Wie die seinen waren Josefines Eltern »›aufsteigende‹ Bürger jüdischer Herkunft«, die auf religiöse Gebote wenig Wert legten. »Wesentlich ist, dass wir alle vom traditionellen Judentum ziemlich weit entfernt waren, obgleich wir es nicht verleugneten und uns (ich zumindest) für dessen Geschichte und auch manche Lehren interessierten.« Josefine trat nach der Matura in die Knopffabrik ihres Vaters ein, während Paul Engel ab dem Herbstsemester 1926 an der Universität Wien Medizin studierte. Sowohl sein Roman, in dem er sich und seine spätere Frau – bei aller dichterischen Freiheit – unter den Namen Johannes Kramer und Anna Kallay dargestellt hat, als auch seine selbstbiographischen Notizen sind gesättigt von den Erfahrungen, die er während des Studiums am Institut für Allgemeine und Experimentelle Pathologie machte.

Mit 19 Jahren war Engel der Akademischen Legion des Schutzbundes beigetreten, aber gleich wieder ausgetreten, als er an Waffenübungen teilnehmen sollte. »Genau wie Kramer in den ›Parallelen‹ floh ich vor dem Gedanken, schießen zu lernen, und genau wie er fand ich später, dass ich falsch gehandelt hatte.« Hellsichtig ahnte Engel Österreichs Weg in den Abgrund voraus. Sein Pessimismus war nicht nur den Schlägereien an der Universität geschuldet, bei denen austrofaschistische und nazistische, jedenfalls antisemitische Radaubrüder über ihre jüdischen Kommilitonen herfielen, die sich unter dem Dollfuß-Regime keine Hoffnung mehr machen durften, eine feste Anstellung im Staatsdienst zu bekommen: Bereits 1927, anlässlich der Julirevolte und ihrer blutigen Niederschlagung durch die Polizei, hatte Engel die politische Lage als »ziemlich hoffnungslos« eingeschätzt und sich deshalb auf die Hormonforschung konzentriert. Den Februaraufstand sieben Jahre später erlebte er in der Unfallstation der Universitätsklinik mit, wo er bei Amputationen der Schwerverletzten assistierte. »Just diese Ereignisse ließen mir das Dasein in Österreich unerträglich erscheinen, und immer mehr sehnte ich mich danach, diesem, wie mir schien, eben verlorenen Europa zu entgehen.«

Station in Uruguay

Die Möglichkeit hierfür eröffnete sich ihm durch das Angebot des uruguayischen Endokrinologen Juan César Mussio-Fournier, bei ihm am Hospital Pasteur zu arbeiten. In Windeseile lernte Engel Spanisch, ehe er im Frühjahr 1935 nach Montevideo reiste. Trotz mancher Intrigen an seinem Arbeitsplatz und obwohl er aufgrund des geringen Gehalts in finanziellen Nöten war, drängte er seine Angehörigen in Wien, sich um Einreisepapiere für Uruguay zu bemühen. »Ich war ziemlich überzeugt, dass es zu einem zweiten Weltkrieg kommen werde. Man müsste teilhaben an der Welt … aber anderseits, man müsste weiterforschen und trachten, seine Familie zu befreien und vor der Kriegsgefahr zu retten.« In dieser Absicht überredete er Josefine, ihn per Ferntrauung zu heiraten, weil ledige Frauen keine Visa erhielten – die uruguayischen Behörden wollten durch dieses Verbot Mädchenhandel und Prostitution verhindern.

Aus familiären Gründen zerschlug sich Engels Plan, in Uruguay auf Dauer ansässig zu werden. Im Februar 1936 kehrte er nach Wien zurück, wo er als unbesoldeter Hilfsarzt an der I. Frauenklinik arbeitete und durch Privatassistenzen bei Operationen oder Vertretungen für Hausärzte hin und wieder etwas Geld verdiente. Seine Bewerbung um eine Stelle im Rothschildspital, für die er von allen Kandidaten am besten qualifiziert gewesen wäre, wurde mit der Begründung abgelehnt, dass er »nichts für den Zionismus getan« habe.

Noch vor Bekanntwerden des Berchtesgadener Abkommens vom 12. Februar 1938, das dem österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg von Hitler diktiert wurde, hatte sich Engel mit Erfolg um ein Visum für Kolumbien bemüht. Den Vorabend des deutschen Einmarsches verbrachten Josefine und er im Haus seiner Schwägerin Vally und ihres Mannes Hans Eisenstadter, der als Amtswalter der Vaterländischen Front von der Annexion Österreichs besonders betroffen war. »Finis Austriae. Alle fühlten ›unser Ende‹, nur einer nicht, nämlich ich. Ich hatte eigentlich so etwas erwartet, ich hielt es in der Beschränkung und Beschränktheit und Ungerechtigkeit nicht mehr aus, so war mein höchst egoistischer erster Gedanke: Gott sei Dank, jetzt MUSS meine Seppl mit mir nach Südamerika, dem unbekannten Kolumbien.«

Wieder machte Engel sich allein auf die Reise, mit der behördlich genehmigten Barschaft von zehn Reichsmark und dem Versprechen des ungarischen Pharmaunternehmens Gedeon Richter, in dessen Niederlassung in Bogotá als Ärztevertreter arbeiten zu können. Sein erster Eindruck von der 2.600 Meter hoch gelegenen kolumbianischen Hauptstadt unterschied sich nicht von dem Bild, das andere Flüchtlinge aus Europa von ihr gezeichnet haben: kleinstädtischer Charakter, schwarz gekleidete, traurig wirkende Menschen, die zu Mittag auf die Straßen strömten, um die Tagesereignisse zu besprechen, im Osten die steil aufragenden Gipfel der Kordilleren. Bald nach seiner Ankunft lernte Engel den Juristen und Politiker Jorge Eliécer Gaitán kennen, der damals Rektor der progressiven, für mittellose Studenten bestimmten Universidad Libre war. »Er ließ sich meine Zeugnisse einigermaßen erklären, freute sich, jemanden zu finden, der wissenschaftlich gearbeitet hatte, und beschloss, mich einen Kurs über Endokrinologie lesen zu lassen. Schon am 9. Juli 1938 gab er mir eine Bestätigung, dass ich außerordentlicher Professor sei.«

Unfähig, Geld zu verdienen

Im Jahr darauf wurde Engel auf den Lehrstuhl für Biologie, später auch auf den für Anthropologie berufen. Allerdings konnte die Universidad Libre keine Gehälter zahlen, so dass er auf den schmalen Verdienst als Vertreter – zuerst für Gedeon Richter, dann für das US-amerikanische Unternehmen Mead Johnson & Co. – angewiesen war. Immerhin verhalf ihm die Professur durch die Bekanntschaft mit einem hohen Regierungsbeamten zu vier Visa, mit denen seine Eltern, Josefines Mutter sowie die Schwiegermutter seines Bruders aus Wien gerettet werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt, Ende 1938, hatte die kolumbianische Regierung das Land für jüdische Flüchtlinge geschlossen. Josefine sowie Engels Bruder und Schwägerin hatten es gerade noch geschafft, nach Kolumbien zu gelangen.

Sein Brotberuf ermöglichte es Engel, Land und Leute kennenzulernen. Er durchstreifte Kolumbien bis in die letzten Winkel, erkundete auch die Nachbarländer Venezuela, Panama und Ecuador, wobei er diese Geschäftsreisen immer wieder mit seiner alten Leidenschaft, dem Bergsteigen, zu verbinden wusste. Von dieser kündet das Pseudo­nym, unter dem er seine literarischen Arbeiten veröffentlichen sollte: Largodiego und Viga, so heißen zwei Berge im Osten Bogotás.

Während Josefines erster Schwangerschaft – 1939 kam Ana Elvira zur Welt, im Jahr darauf wurden die Zwillinge Teresa und Juan geboren – trug sich das Ehepaar Engel mit dem Gedanken, angesichts der in Kolumbien tief verwurzelten Frömmigkeit zum Katholizismus zu konvertieren. »Wir konnten aber dieses Sacrificium Intellectus durchaus nicht über uns bringen und vor allem nicht lügen. (Ein Erlebnis, an das wir sehr ungern zurückdenken.)« Nicht ungern, aber doch ein wenig schuldbewusst bekennt Engel in seinen Aufzeichnungen, dass es ihm allein unmöglich gewesen wäre, die Familie zu ernähren. »Die Unfähigkeit, Geld zu verdienen«, sei zeitlebens sein größter Fehler gewesen. Unter den exilierten Österreichern und Deutschen war Engel darin aber keine Ausnahme. Fast immer erwiesen sich die Frauen als lebenstüchtiger und praktischer veranlagt als ihre Männer, das traf auch auf Josefine zu, die als Sprachlehrerin und Sekretärin für das Auslangen der Familie sorgte.

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Verleihung: Paul Engel wird mit der Goldenen Ehrennadel der Liga für Völkerfreundschaft geehrt (Ostberlin, 1982)

Obwohl er sie erwartet hatte, versetzte Engel die Nachricht vom Kriegsausbruch in Europa in eine düstere Stimmung. Da war die Ungewissheit über die eigene und über die Zukunft der ganzen Menschheit, das schlechte Gewissen, »weil es uns doch noch besser ging als der überwiegenden Mehrzahl der Menschen«, dazu die Ohnmacht, nichts zum Kampf gegen den Faschismus beitragen zu können. Die nazifreundliche Stimmung im Land änderte sich erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Nun gewann die Linke an Einfluss, auch im Komitee der Freien Österreicher, in dem Engel ab 1942 eng mit der Antinationalsozialistischen Freiheitsbewegung zusammenarbeitete. Deren Sekretär war der deutsche Dichter und Spanienkämpfer Erich Arendt. Die Begegnung mit ihm und seiner Frau Katja mündete in eine enge Freundschaft, die selbst nach der Rückkehr des Ehepaars Arendt nach Europa, fünf Jahre nach Kriegsende, andauerte.

Auch für Paul und Josefine Engel hatte sich nach der Niederlage Deutschlands die Frage gestellt, wie und wo es mit ihnen weitergehen sollte. Josefine sehnte sich nach Wien, sie war in Bogotá nie heimisch geworden. Da waren aber auch die Kinder, denen sie den Wechsel in eine fremde Umgebung zumindest vorläufig ersparen wollten. Außerdem hatte Engel inzwischen bei der Firma Hormona die Möglichkeit gefunden, sich wieder der wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. In Anerkennung seiner Forschungen erhielt er eine ordentliche, allerdings miserabel honorierte Professur für Pharmakologie an der Universidad Nacional. Trotzdem war Engels berufliche Existenz bald wieder gefährdet: Hormona wollte seinen Arbeitsvertrag nicht verlängern, und staatliche Unternehmen stellten nur Personal ein, das die kolumbianische Staatsbürgerschaft besaß. »Meine Gesuche um diese Staatsbürgerschaft gingen nie vom Fleck. Ich war am Ende so beleidigt über die wiederholten Verzögerungen, dass ich den Antrag zurückzog.«

Im Jahr darauf, am 9. April 1948, ereignete sich ein Attentat, unter dessen Folgen die kolumbianische Gesellschaft bis heute leidet. »Ich war im Laboratorium«, schreibt Engel, »da fuhr ein Lastkraftwagen vorüber, und ein weinender Junge schrie: ›Sie haben Jorge Eliécer Gaitán ermordet!‹ Fast hätte auch ich zu weinen begonnen, ich musste die Tränen unterdrücken. Er war so etwas wie ein Freund gewesen, hatte mir die Lehrkanzel gegeben, hatte eine kleine Tochter … Dann dachte ich: Wenn das Volk sich nicht erhebt, hat es kein Blut in den Adern. Die Kolumbianer hatten Blut in den Adern. Und sie vergossen nur allzuviel davon! Gaitán hatte immer abgelehnt, sich eine Leibgarde oder einen persönlichen Beschützer zuzulegen. ›Wenn ich umgebracht werde, brennt Bogotá‹, sagte er einmal. Er hatte leider recht. Bogotá stand in Flammen. Und ich sah, wie die Menschen, die einfachen Leute, von überallher, aus den Armenvierteln, selbst aus den Dörfern der Umgebung laut weinend stadtwärts zogen.«

Umzug nach Quito

Die blinde Wut der Aufständischen und das Blutbad, das Polizei und Militär unter ihnen anrichteten, mündeten in einen langen grausamen Bürgerkrieg zwischen Konservativen und Liberalen. Aber nicht die gesellschaftlichen, sondern berufliche Umstände bewogen Engel und seine Familie, Kolumbien im Oktober 1950 zu verlassen. In Quito, der Hauptstadt Ecuadors, hatte ihm der Pharmakonzern LIFE das Angebot gemacht, in seiner Zentrale zu arbeiten. »Reine Forschung. Das verführte mich natürlich sogleich.« Außerdem kannte er das Land von früheren Reisen, war begeistert von Ecuadors Bergwelt und beeindruckt von der Würde und Friedfertigkeit der indigenen Bevölkerung. Auch Josefine und die Kinder lebten sich schnell ein. »In Kolumbien hatten sich viele Menschen freundschaftlich gezeigt; in Ecuador waren und sind wir mit Ecuadorianern befreundet. Und viele wurden mir wichtiger als geborene Europäer.«

Engels Berufsleben verlief weiterhin abwechslungsreich. Nachdem ihm 1956 gekündigt worden war, versuchte er gemeinsam mit Josefine, im Holzhandel Fuß zu fassen. Ihr Vorhaben scheiterte kläglich, aber mit dem positiven Nebeneffekt, dass Paul auf der Suche nach potentiellen Geschäftspartnern in entlegene Urwaldregionen vorstieß. Er nahm an zoologischen Expeditionen zu den Galapagosinseln teil, hielt Vorlesungen über die Philosophie des 20. Jahrhunderts und lehrte Biologie und Allgemeine Pathologie an der Zahnärztlichen Fakultät, ehe er schließlich als Ordinarius für Klinische Endokrinologie an die staatliche Universidad Central berufen wurde.

Den größten Teil seiner Erinnerungen an die 1960er und 1970er Jahre beanspruchen die vielen Reisen – zu medizinischen Fachkongressen und Verwandtenbesuchen in Europa oder Nordamerika, und einmal mit Josefine rund um die Welt. Am meisten freuten ihn die Einladungen des Schriftstellerverbands und der Liga für Völkerfreundschaft in die DDR, wo er Katja und Erich Arendt wiedersah, Autoren wie Stefan Heym, Eberhard Hilscher, Rosemarie Schuder, den bereits genannten Rolf Recknagel sowie seinen früheren Landsmann Eduard Klein kennenlernte, der vor den Nazis in Chile Zuflucht gefunden und sich Mitte der 1950er Jahre in der DDR niedergelassen hatte.

Abstecher nach Wien

Die erste Reise dorthin, 1960, hatte Engel mit einem Abstecher nach Wien verbunden. »Ein Roman Thomas Wolfes (des großen amerikanischen Romandichters, den die Deutschen so viel besser verstehen als seine Landsleute!) heißt ›You Can’t Go Home Again‹, du kannst nicht heimkehren, das war mein Gefühl, mein vorherrschendes Empfinden in Wien.« Gut möglich, dass in diesem Empfinden auch die Trauer um seine toten Angehörigen mitschwang. »Von Onkeln, Tanten und zahlreichen Vettern wurden allein von meiner väterlichen Familie 22 Personen von den Nazis umgebracht.« Erst bei seinem dritten Besuch in Österreich erlebte Engel das »Wiedererwachen der Liebe«: »Wir fanden Menschen, die sich gut gehalten hatten, fortschrittliche Menschen. Wir besuchten die neuen Viertel mit schönen und menschenwürdigen Wohnungen für Arbeiter, nicht bloß Wohnstätten für Reiche, wie wir es in amerikanischen Ländern sehen.«

Das war 1976. Zwölf Jahre später erlitt Josefine einen Schlaganfall. Ihr Zustand verschlechterte sich, bis sie am 16. August 1993 in Quito einem neuerlichen Apoplex erlag. Fast auf den Tag genau vier Jahre später starb nach einem langen, erfüllten Leben auch Paul Engel, dem das Schreiben als »das ärgste« seiner drei Laster gegolten hatte (die anderen beiden waren: Lesen und Rauchen). Er wusste genau, wann und wo er sich vom Arzneimittelvertreter in einen Schriftsteller verwandelt hatte: »Es begann am 20. Juli 1941. Da fiel mir ein, dass ich einen Roman schreiben müsse«, über die Menschen, die wie er durch Verfolgung und Flucht in eine neue Welt versetzt worden waren. »Wie benehmen sie sich? Ändern sie sich? Natürlich hatten sich alle Auswanderer geändert, aber sowie sie es vermochten, fielen viele in ihre alte Bürgerlichkeit zurück, blieben Spießer und hatten nichts gelernt.«

Das war die Grundidee für Engels ersten und umfangreichsten Roman, den er sofort in Angriff nahm, angetrieben vom Verlangen, das Erleben und Empfinden einer Gruppe von Menschen, »vielleicht gar das einer Generation« festzuhalten. Die Arbeit ging ihm leicht von der Hand, ganz so, als würde nicht er, sondern »es aus ihm heraus« schreiben. »Die Komposition des Romans, die Gegensätze, die Wiederholung der Motive in verschiedenen Personen kam nahezu von Anbeginn. Was ich nicht suchte und nicht verstand, war Stil.« Engel hatte Bücher, auch literarische Werke, bis dahin auf den Inhalt hin gelesen; erst von Erich Arendt sollte er lernen, bei der Lektüre von Romanen auf deren Sprache und Bauart zu achten. Überhaupt war es ein Glück, dass er Arendt die erste Fassung der »Unpolitischen« (der spätere Titel trifft weniger den Gehalt als die Struktur des Romans) zu lesen gab. »Er sagte mir, das Ganze wäre ungeheuer interessant, denn es zeige eine Seite des Nazitums, aber auch die Emigration in einer bisher nie dargestellten Auffassung.«

Vorerst ungedruckt

Inzwischen hatte Engel, vom Verlag Alfred A. Knopf in New York, bereits die erste Absage erhalten. Das entmutigte ihn schon deshalb nicht, weil ihm das Wagnis seines Schreibens bewusst war: In Europa, Nordafrika, Asien tobte der Krieg, und als deutschsprachiger, dazu noch unbekannter Autor war er seiner potentiellen Leserschaft beraubt. Manchmal kam ihm der Gedanke, dass die Gehirnerschütterung, die er bei einem Reitunfall erlitten hatte, schuld an seiner verwegenen Idee gewesen war, sich als Schriftsteller zu versuchen. »Musste man nicht auf den Kopf gefallen sein, um dazumal in deutscher Sprache Romane zu schreiben? Als Emigrant …« Trotzdem machte Engel unverdrossen weiter. Weitere Romane, auch Erzählungen entstanden und blieben wie »Die Unpolitischen« vorerst ungedruckt.

Für den Roman brachte das Jahr 1945 zwei einschneidende Änderungen. Zum einen verfügte Engel in der Firma Hormona endlich über regelmäßige Arbeitszeiten, was seinem literarischen Schaffen zugutekam. Er stand um vier Uhr morgens auf, schrieb bis dreiviertel acht und war um acht im Forschungslabor. Andererseits setzte der Sieg über Nazideutschland den passenden Schlusspunkt hinter die Geschichte der »Unpolitischen«. »Nun waren sie Dokumente einer Epoche, nun konnten sie bis zum Ende dieser Epoche fortgeführt werden.« Gegenüber den früheren Fassungen änderte Engel die Erzählperspektive: Er entschied sich für die Ich-Form, »aber mit wechselndem Ich. Jede der handelnden Personen erlebt«.

Lange fand sich kein Verlag, der den Roman veröffentlichen wollte. Dabei hatte es vielversprechend begonnen, denn schon Anfang 1947 war ein Luftpostbrief aus Wien eingetroffen, in dem der Schriftsteller und Journalist Oskar Maurus Fontana dem Autor mitteilte, dass der Erwin-Müller-Verlag das Manuskript zum Druck angenommen habe. Aber kurz nachdem der Vertrag eingetroffen war, ging der Verlag in Konkurs. Weitere Bemühungen Fontanas, diesen oder andere Romane Diego Vigas in Österreich unterzubringen, blieben erfolglos. Erst Arendt schuf Abhilfe. Er hatte sich in der DDR niedergelassen und riet Engel, seine Manuskripte bei dortigen Verlagen einzureichen. Als Fontana davon erfuhr, war er entsetzt: »Wenn man im Osten publiziert, verrammelt man sich doch den Weg nach dem Westen.« Er sollte mit seiner Warnung recht behalten, was Engel nicht weiter störte. Wichtig war ihm, nicht nur in Ecuador, wo die meisten seiner Bücher erschienen sind, sondern auch in einem deutschsprachigen Land als Schriftsteller anerkannt und honoriert zu werden. Dass es sich dabei um die DDR handelte, nahm er dankbar zur Kenntnis. »Ich galt dort niemals als Kommunist«, sollte er im März 1993 an Alfredo Bauer schreiben, »was mir gelegentlich fast vorgehalten wurde (ein Cheflektor sagte mir, ich sei nicht historischer Materialist, sondern kritischer Realist, was ich durchaus richtig fand).«

Debüt in der DDR

1955 debütierte Engel im Leipziger Paul-List-Verlag mit dem Schelmenroman »Der Freiheitsritter«, in dem er Miguel de Cervantes’ Helden Alonso Quijano, besser bekannt unter dem Namen Don Quijote, aus der Mancha nach Kolumbien und vom 16. in das 20. Jahrhundert versetzt hatte. In rascher Folge erschienen sechs weitere Romane, die allesamt Kolumbien oder Ecuador zum Schauplatz haben. Einer von ihnen, »Schicksal unterm Mangobaum«, wurde für das Fernsehen der DDR verfilmt. »Gott sei Dank sah ich die Aufführung nicht. Bilder in einer Zeitschrift, die mir der Verlag schickte, waren sehr komisch. Der indianische Hauptverdächtige und die attraktive Chola (Mestizin in Ecuador) waren platinblond!«

Immer noch war Engel damit beschäftigt, den Roman über »Die Unpolitischen« zu überarbeiten. 1966 erschien das Buch, von ihm selbst übersetzt, in Ecuador und wurde vom nationalen Schriftstellerverband zum besten Roman des Jahres gekürt. Wahrscheinlich ermutigte ihn diese Auszeichnung, das Manuskript endlich auch seinem Leipziger Stammverlag anzubieten, der es bald darauf publizierte. »Ich empfand das als wahres Glück, denn letzten Endes waren eben ›Die Parallelen‹ das Werk, für das ich gelebt hatte.«

Diego Viga: Die Unpolitischen. Edition Atelier, Wien 2022, 696 Seiten. 30 Euro

Erich Hackl ist Schriftsteller. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 1. Oktober 2020 über den österreichischen Kommunisten Otto Treml

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