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Aus: Ausgabe vom 08.04.2026, Seite 15 / Antifaschismus
20 Jahre NSU-Mord in Dortmund

Sommermärchen und Neonaziterror

Rapper Apsilon erinnert mit neuer Single an Ermordung von Mehmet Kubaşık durch NSU vor 20 Jahren
Von Osa Udushesheri
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Der 4. April 2006. Unzählige Menschen fiebern der anstehenden Fußballweltmeisterschaft in Deutschland entgegen. Auf dem Schulhof, im Fernseher, im Kiez: Überall ist sie Thema. In Dortmund werden an jenem Tag zwei Schüsse aus einer Česká 83 auf Mehmet Kubaşık abgefeuert. Ebenfalls an jenem 4. April feiert Arda Yolci, der heute als Rapper Apsilon bekannt ist, seinen neunten Geburtstag. Dessen Großeltern waren vor 50 Jahren als sogenannte Gastarbeiter aus der Türkei in die BRD gekommen.

Seine erste EP »Gast« veröffentlichte Apsilon im Jahr 2021. Vergangenes Jahr debütierte er mit seinem Album »Haut wie Pelz«. Seine Musik ist tiefgreifend und bringt zusammen mit seinen Texten die Realität von migrantischen Menschen zum Klingen. Er erzählt von den Folgen rassistischer Unterdrückung und Ausbeutung für sich und sein Umfeld.

In seiner am Freitag veröffentlichten Single »Sommermärchen« öffnet Apsilon die Wunden, die der rechtsterroristische »Nationalsozialistische Untergrund« (NSU) mit seinen Mordanschlägen hinterließ. Musikalisch unterlegt mit einem vom Produzenten Bazzazian und Yolcis Bruder Arman produzierten ruhigen Beat, zu dem Orgeln erklingen, erzählt er persönlich, ehrlich, poetisch. Wie in einem Gespräch kritisiert er implizit die Normalität rassistischen Terrors: »Mein Baba macht den Fernseher an am Abend. / Und nachdem der Sprecher meint, dass die Weltmeisterschaft bald startet, / wird er ein bisschen ernster in der Sprache, / und er sagt: ›Zwei Kugeln in den Kopf, der Tote hatte schwarze Haare.‹«

Während die einen sich mit 2006 nur an das »Sommermärchen« erinnern, ruft anderen das Jahr die ermordeten Geschwister, Väter, Brüder ins Gedächtnis sowie den erlebten Rassismus in den Behörden, die die Familien der Opfer kriminalisierten. Zu dieser Erinnerung gehört auch, dass ein Beamter wie der Verfassungsschutzagent Andreas Temme zur Tatzeit am Tatort des Mordes an Halit Yozgat war, aber davon nichts mitbekommen haben will. »Noch ein Dönermord, die Kripo ist gerad’ am Fahnden. / Türkenmafia, Kurdenmafia, glauben die Beamten. / Drei Kinder ohne Vater, die Familie wird befragt«, heißt es dazu bei Apsilon.

Als Kind war er selbst beim WM-Taumel dabei: »Fanmeile, ganz Berlin liegt sich in den Arm’n. / Ich bin mit mei’m Baba auch da, in der Hand ’ne kleine Fahne. / Im Auto auf der Rückfahrt hör’ ich von der Straße Jubel. / Doch mein Baba guckt komisch und kurbelt das Fenster zu. / Denn im Radio reden sie von einem Trauermarsch in Dortmund. / Weil vor kurzem kam der neunte Ausländer bei ’nem Mord um.« Halit Yozgat war vom NSU am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel per Kopfschuss getötet worden.

Die Gegenüberstellung in der ersten Strophe zeichnet das Bild einer gleichgültigen, herzlosen und kalten Gesellschaft. Eine, die die Schuld auf die Opfer von rassistisch motivierter Neonazigewalt schiebt und die Angehörigen kriminalisiert. Die zweite Strophe befördert einen ins Jahr 2025. Der Text erzählt von Apsilons Shows und einer besonderen Begegnung mit der Tochter von Mehmet Kubaşık. »Meine Lieder geben ihr manchma’ Halt. / Dieses Land und die Menschen findet sie oft ziemlich kalt. / Sie sagt, dass ich nicht aufhör’n darf, solche Songs zu schreiben. / Auch wenn der Erfolg kommt und die Goldnen und die Preise. / Auch wenn jetzt blonde Kids steh’n erste Reihe. / Solang ich drüber schreib’, fühlt sie sich nicht damit alleine«. Mit seinem Ende schließt der Song den Kreis. Wenn Musik wie in diesem Fall politisch und kritisch ist, sich mit den Geschichten gesellschaftlich marginalisierter Menschen auseinandersetzt, entwickelt sie echte Strahlkraft. So ist es Apsilon mit »Sommermärchen« gelungen, eine Hymne gegen das Vergessen des Terrors und die Normalisierung rassistischer Gewalt vorzulegen.

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