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Geißendörfer, Wiedemann, Bölke

Foto: Future Image/IMAGO

Die Akademie der Künste zu Berlin hat eine Neuerwerbung zu vermelden. Es ist der Vorlass des Regisseurs und Produzenten Hans W. Geißendörfer. Die Meldung kam kurz vorm 85. Geburtstag des renommierten Medienmannes, den er am 6. April im Familienkreis gefeiert hat. Aus der Prozedur der Archivierung hielt er sich raus und überließ alles seiner Tochter Hana, die schon vor Jahren die Produktionsfirma ihres Vaters übernahm, fünf Jahre lang die »Lindenstraße« und jüngst die Netflix-Serie »Alphamännchen« verantwortete. Dass der aus Mittelfranken stammende Regisseur des Neuen Deutschen Films – dessen High-smith-Adaption »Die gläserne Zelle« 1979 für einen Oscar nominiert wurde – begann, selbst zu produzieren, ermöglichte ihm, Filme nach seinen Intentionen zu beenden. Auch wenn Geißendörfer bemerkenswerte Literaten adaptierte, wie Bernard von Brentano, Thomas Mann, Henrik Ibsen oder Friedrich Dürrenmatt, kann als sein Hauptwerk die wöchentliche ARD-Serie »Lindenstraße« gelten, in der er von 1985 bis 2020 den sozialen Alltag in einem fiktiven Münchner Wohnhaus wiedergab. Er erwies sich als Linker, der nicht nur das Kleinbürgertum karikierte, sondern auch aktuelle politische Tendenzen und Probleme wie Neofaschismus und Rassismus, Umgang mit Homosexualität, Arbeitslosigkeit oder Schwierigkeiten mit der ab 1990 vergrößerten Bundesrepublik im Bewusstsein der Zuschauer verankerte, ohne den Unterhaltungsaspekt zu vernachlässigen.

Mit einer anderen, kurzlebigen, aber bis heute erfolgreich wiederholten Serie wurde Elisabeth Wiedemann, bis dato eine angesehene Bühnen- und TV-Schauspielerin, richtig populär. Wolfgang Menges »Ein Herz und eine Seele« zeigte die Ruhrgebietsfamilie Tetzlaff mit dem reaktionären, dummdreisten Vater (Heinz Schubert), »Ekel Alfred« genannt, der gern tyrannisierte und immer versagte. Seine Frau Else fügte sich scheinbar, trumpfte aber immer wieder mit Bauernschläue auf: »Ein Exhibitionist, na, wenn er das vor allen Leuten macht, im Park, dann zeigt das doch, dass er nichts zu verbergen hat!« Wiedemann spielte von Anfang 1973 bis Ende 1974 in 21 Folgen, aber weil sie sich nicht mit Schubert verstand, schied sie für die nächste Staffel aus. Sie trat weiterhin in vielen Serien in originellen Gastrollen auf, mehrfach auf dem »Traumschiff«, zuletzt 2012 neben Dieter Pfaff in »Der Dicke«. Drei Jahre später starb sie im 90. Lebensjahr. Am Mittwoch wäre sie 100 geworden.

Dieses Alter hätte Bobby Bölke, der 2007 starb, am 11. April erreicht. Serienmäßig war er von 1978 bis 1983 neben Jiří Vrštala in einer Reihe von Clown-Ferdinand-Filmen des DFF dabei, und im »Polizeiruf 110« sah man ihn 1975 als Conférencier, wie man die Moderatoren bunter Programme damals nannte. »Tour de Music« hieß eine solche Sendung, in der er 1979 neben Bert Beel und Heinz Rennhack agierte. Da lag seine jahrelange Partnerschaft mit Starkomiker Eberhard Cohrs schon hinter ihm, und doch sehen wir die Sketche der beiden in Wiederholungen immer wieder gern.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.04.2026, Seite 10, Feuilleton

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