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Lindner, Meisner

Foto: IMAGO/United Archives
Amanda Lindner (r.) mit Paul Kemp in »Das Lied vom Glück« (Carl Boese, 1933)

»Durch ihre ganze Darstellungsweise zieht anmutige Schalkhaftigkeit, Feingefühl, liebenswürdige Sicherheit und vor allem größte Natürlichkeit.« Das las man 1903 über die damals 35jährige Schauspielerin Amanda Lindner, die in ihrer Heimatstadt Leipzig in »Nathan der Weise« debütiert hatte und 1903 bereits am Königlichen Schauspielhaus Berlin (heute als Konzerthaus genutzt) gefeiert wurde. Sie blieb in Berlin, wo sie am 18. April vor 75 Jahren starb. Seit Beginn der 30er Jahre war sie mit Filmen wie »Ich bei Tag und du bei Nacht« (1932) aufgefallen, als sie in die Fußstapfen der damals gefeierten »komischen Alten« Adele Sandrock trat. Schon 1886 war sie der nur wenig Älteren im Engagement am Meininger Hoftheater gefolgt. Damals leitete seit 20 Jahren Herzog Georg II., der »Theaterherzog«, die Spielstätte. Er war u. a. Schüler von Friedrich Fröbel, hatte in Bonn und Leipzig studiert und zählte zu den aufgeklärten Potentaten. Er wird in diesem Jahr besonders in Thüringen vielfach geehrt, jährte sich sein Geburtstag Anfang April doch zum 200. Male. Als liberaler Regent reformierte er u. a. Rechtswesen sowie Schulsystem, verurteilte Antisemitismus und trat für Gleichberechtigung von Frauen ein. An seinem Hoftheater führte er auch Regie und ermöglichte ab 1874 eine rege Reisetätigkeit der Meininger, die sie bis 1890 in 38 europäische Städte führte und junge Schauspieler wie Josef Kainz oder eben Amanda Lindner berühmt machte. Ihr größter Erfolg wurde die Titelrolle von Schillers »Jungfrau von Orleans«, in der sie auch die Berliner für »Zartheit und Enthusiasmus« feierten. Im Alter wirkte sie als Schauspiellehrerin, und die spätere Defa-Schauspielerin Evamaria Bath war eine der letzten, die von ihren Tips profitierte.

Als man die Lindner im Deutschen Theater Berlin in einer Mutterrolle in Kleists »Käthchen von Heilbronn« bewunderte, kam in Bremen am 18. April 1926 Günter Meisner zur Welt, der Stahlgießer wurde, als Fallschirmjäger in den Krieg musste und danach bei Gustaf Gründgens endlich Schauspielunterricht nehmen konnte. In Düsseldorf, Bochum und Berlin erlebte er die ersten Bühnenstationen. Im Film verkörperte er ab 1957 in markanten Nebenrollen oft unsympathische Figuren, Schurken, Psychopathen, Nazischergen, sogar Adolf Hitler, und weil er Englisch und Französisch sprach, behauptete er sich immer häufiger auch in ausländischen Filmen, spielte Geistliche oder Ärzte. Obwohl Meisner, dessen Markenzeichen die Nickelbrille war, bei Regiegrößen wie Bernhard Wicki, Ingmar Bergman oder Wim Wenders auftrat, war er in der Wahl seiner Stoffe nicht immer wählerisch, spielte in Mabuse- und Wallace-Krimis, in TV-Serien wie »Die Gentlemen bitten zur Kasse«, »Drei Damen vom Grill« oder »Praxis Bülowbogen«, wenn sie ihm Rollenfutter boten. Der für seine große Arbeitswut auch als Regisseur, bildender Künstler, Galerist und nicht zuletzt auch als Aktivist in der Antirassismusbewegung bekannte Prominente starb schon mit 68 Jahren an Herzversagen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.04.2026, Seite 10, Feuilleton

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