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Aus: Ausgabe vom 02.04.2026, Seite 16 / Sport
Boxen

Countdown zur Weltmeisterschaft

Mit Härte und Haltung: Emanuel Odiase will sich an die Weltspitze im Schwergewicht boxen
Von Oliver Rast, Hamburg
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Er holt weit aus und hat viel vor: Schwergewicht Emanuel Odiase (Hamburg, 20.3.2026)

Er steht bereit für seinen Auftritt. Der polar­weiße Kapuzenmantel schimmert im gräulichen Kunstnebel, schwarze Lettern darauf, kantig und scharf. Alle Spots sind auf das Eingangsportal gerichtet, der Walkout steht unmittelbar bevor.

Dann die ersten Takte – und ein Schreckmoment. Falsche Musik. Vom Vorgänger. Aus dem Torrahmen lugt ein Zipfel der Robe hervor, dann zieht sich das Team zwei, drei Schritte zurück. Eine kleine Panne. Nach kurzem Innehalten in der Tontechnik ertönt die richtige Melodie. Jetzt setzt sich der Tross wieder in Bewegung, Emanuel Odiase tritt heraus – mit einem breiten Lächeln schreitet er durch Blitzlichtgewitter und Zuschauerreihen zum Hochring, nimmt beschwingt die Stufen zur Ringkante und setzt leichtfüßig über die Seile ins Rampenlicht.

Bühne frei am Hafen

Freitag abend, 20. März, Altonaer Fischauktionshalle in Hamburg. Ein imposanter Backsteinbau mit markanter Glaskuppel und Rundbogenfenstern direkt am Hafen. Innen ein dreischiffiger Raum mit filigranem Stahltragwerk, eine zur Boxarena umgebaute Location. Bestens geeignet für den Jahresauftakt von Ringside Zone, dem Veranstalter. Ein Kampfabend mit dem Main Event von Nina Meinke um die IBF-IBO-Doppelweltmeisterschaft im Federgewicht. Zunächst als Exklusivveranstaltung für Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Sport konzipiert, später für alle Boxsportinteressierten geöffnet, wegen hoher Nachfrage, so Florian Winter. Der Ringside-Zone-Geschäftsführer will die deutsche Boxsportszene aufmischen – und ist noch nicht einmal ein Jahr auf dem Markt.

Tänzelnd reckt Odiase seine rechte Schlaghand in die Höhe, dreht sich zwei-, dreimal um die eigene Achse, verbeugt sich vor dem Publikum und steuert die rote Ecke an. Dort breitet er die Arme wie Flügel aus, hält sich links und rechts am oberen Seil fest, geht in die Hocke und wippt. Eindrucksvoll, welche Reichweite der Zwei-Meter-Hüne hat.

Zähe Runden

Der Schwergewichtler Odiase (10–0, 8 KOs) aus Heidelberg absolviert unter den Scheinwerfern der Kuppel sein Duell gegen den Ukrainer Kostiantyn Dovbyshchenko (10–20–1, 7 KOs). Ein Acht-Runden-Kampf, ein weiterer Praxistest für den 27jährigen. In der ersten Kampfhälfte bleibt Dovbyshchenko demonstrativ passiv, teilt seine Kräfte ein. Odiase arbeitet viel mit dem linken Jab, erhöht vereinzelt das Tempo, schlägt Links-rechts-Kombinationen zum Kopf und Körper, will sich seinen Gegner zurechtlegen. Die Doppeldeckung des kompakten Ukrainers hält stand. Odiase dominiert, beherrscht die Ringmitte, punktet im Vorwärtsgang – aber ohne Wirkungstreffer.

Ein zähes Gefecht für den WBA-Continental-Africa-Titelträger und den Internationalen Deutschen Meister des Bundes Deutscher Berufsboxer. Dann Runde sechs, Odiase lässt dem Ukrainer mehr Raum, aktiv zu werden. Zwei, drei halbherzige Offensivaktionen, das war’s. Das Signal für den Heimboxer, zum Schlaghagel auszuholen – ein, zwei, drei Haken finden ihr Ziel. Zwei Runden noch. Odiase bekreuzigt sich zu Beginn der vorletzten drei Minuten. Laute Rufe aus dem Publikum fordern: »Komm, Emanuel, Feuer!« Aber erst in der Schlussrunde springt der Funke über: offener Schlagabtausch in den letzten 30 Sekunden. Geschafft. Das Urteil einstimmig: dreimal 80:72. Ein Sieg, der sich härter anfühlte, als die Punktzettel vermuten lassen.

Voller Adrenalin

Aus allen Poren schießen Schweißtropfen, sein Oberkörper ist klatschnass: »Wow, what a dramatic show!« schmettert Odiase voller Adrenalin Backstage, während er Hände schüttelt, Glückwünsche entgegennimmt. So wie Ringside-Boss Winter will auch der charismatische Fighter die Szene aufmischen. Dazu passt Odiases Faible für Dramen. Direkt nach dem Kampf steht er im Gespräch mit dem Autor. Ist der Gameplan aufgegangen? Er sagt, er habe »viel über den Jab gearbeitet«, immer wieder versucht, mit Links-rechts-Kombinationen kleine Lücken zu reißen. Aber sein Gegner habe »mit Erfahrung und dichter Deckung vieles weggeschluckt«. Schwer zu knacken, sagt er, auch wenn er phasenweise sauber durchkam. Mühsam, aber lehrreich sei der Clinch gewesen – und für ihn wertvoller als jeder frühe Knockout. Denn, sagt er: »Nur schnelle Finishes bringen mich langfristig nicht weiter.« Solche Achtrunder schon.

Odiase hat jetzt viel Material zum Auswerten. Und: »Wenn ich irgendwann um die WM kämpfe, geht es über zwölf Runden. Dafür ist das perfekt.« Vor allem, weil sein Gegner das Tempo clever gesteuert und in der letzten halben Minute der Schlussrunde noch einmal richtig aufgedreht habe. Ein offener Schlagabtausch, der das Publikum mitriss. Genau das habe er gebraucht – und es habe ihm »Spaß gemacht«. Den Fans offensichtlich auch.

Während sich Odiase in seiner kleinen Backstage-Nische den Schweiß vom Brustkorb wischt, blickt er zurück auf seine Anfänge. Als jüngster von vier Brüdern wuchs er in einer sportbegeisterten Familie auf. Mit 16 betrat er durch seinen Bruder Dominique erstmals ein Boxstudio. Keine üblichen Stationen bei Schülern, Kadetten und Junioren. Aber bereits nach wenigen Monaten besiegte er routinierte Kämpfer – da wurde ihm klar, dass da mehr war als bloß Talent. Mit einem Märchen will er gleich aufräumen: »Ich hatte durchaus eine Amateurlaufbahn bei der Elite, rund 30 Kämpfe.« Und nach mehr als zehn Jahren im Ring fühle er sich längst nicht mehr wie ein Anfänger. Zumal Odiase den Sprung auf die Insel machte.

Auf der Insel

Der Schritt nach England war für ihn vor allem eine Chance – ausgelöst durch eine Begegnung, die vieles veränderte. Im Camp von Anthony Joshua lernte er Trainer Joby Clayton kennen, und »von Tag eins war die Chemie da«. Er beschreibt Clayton als jemanden, der den Boxsport lebt, ein »wandelndes Boxlexikon«, das ihm in jeder Übungseinheit die Liebe zum Sport vermittle. Statt vom Training spreche man von »Progression«, es gehe darum, sich kontinuierlich zu verbessern.

Odiase lebt in Wolverhampton. Keine Metropole, aber genau deshalb ideal: wenig Ablenkung, viel Routine: Gym, Essen, Schlafen. »Camp Life – genauso muss es sein«, sagt er und wirkt dabei, als hätte er seinen optimalen Rhythmus gefunden.

Besonders eindrücklich waren für ihn die Sparringsphasen mit Topstars wie Anthony Joshua oder Olexander Ussik. Er erzählt, wie er sich im Camp einfach neben Ussik an den Tisch gesetzt habe, nur um zuzuhören und die Energie eines Weltmeisters aufzusaugen. »Man sieht den Lifestyle, das Mindset von Champions.«

Die EM-Krone

Für Odiase ist klar: Auch in Deutschland bewegt sich wieder etwas im Boxsport. Das »Homecoming« von Agit Kabayel in Oberhausen im Januar habe einen Schub ausgelöst, der auch ihn motiviere. Ringside Zone biete nun die Plattform, die lange gefehlt habe – und die Aussicht, mit dem passenden Medienpartner den Sport generationenübergreifend sichtbar zu machen. Für ihn ein Schlüssel, damit Boxen hierzulande wieder populärer werden kann.

Einen weiteren Termin gibt es auch schon: Am 15. Mai steht Odiase in Mannheim in der SAP-Arena im Main Event um die EM-Krone. Nein, eine zusätzliche Last sei das nicht. Druck sei für ihn nichts Neues, erklärt er. Er komme aus einem leistungsorientierten Zuhause, und Spitzensport sei immer sein Antrieb gewesen. »Unter Druck kann ich am besten performen«, sagt er. Er scheint völlig unbeeindruckt von der Bühne, die ihn erwartet.

Seinen Ehrgeiz versteckt er nicht: Er wolle den deutschen Profiboxsport nach vorne bringen und selbst ganz oben angreifen. 2027 habe er sich als Ziel gesetzt – ein bewusst eng gesteckter Zeitrahmen. Mit zehn Siegen aus zehn Kämpfen sehe er sich auf Kurs. Ab dem 14. oder 15. Fight sei ein WM-Kampf realistisch, meint er. Natürlich hänge vieles davon ab, wie sich die Szene entwickle und ob Ussik seine Titel irgendwann niederlege. »Aber ich werde bereit sein.« Für solche Abende lohne sich jede Schweißperle, sagt er – und grinst: »Really, it’s party time!«

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