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Aus: Ausgabe vom 02.04.2026, Seite 2 / Inland
Nazidemo in Essen am 1. Mai

Bringt die Zusammenarbeit mit der SPD gegen rechts etwas?

Breite Bündnisse sind wichtig, um sich dem Faschismus entgegenzustellen, meint Sonja Baumann
Interview: Max Grigutsch
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Die faschistische Partei Die Heimat zog bereits am 11. Juli 2025 durch Essen. Das Bündnis »Essen stellt sich quer« versuchte, den Aufmarsch zu verhindern

Für den 1. Mai mobilisieren die Neonazis von den Parteien Die Heimat, ehemals NPD, und Die Rechte bundesweit nach Essen – Ihren Angaben nach das vierte Mal seit dem Jahr 2000. Was erwarten Sie?

Angemeldet sind nach offiziellen Informationen 450 bis 500 Nazis. Wir halten das für eine realistische Einschätzung, weil Die Heimat gerade versucht, in Essen wieder mehr Fuß zu fassen. Sie hat seit 2012 ihre Parteizentrale in Essen. Bei ihren monatlich stattfindenden offenen Abenden rekrutiert sie gerade.

2025 hatte Die Heimat nach Gelsenkirchen mobilisiert. Warum hat sie so ein Auge auf die Region?

Ich glaube, dass das Ziel ist, Fuß im Westen zu fassen und hier nachhaltig rechte Strukturen aufzubauen. Im Osten hat das über viele Jahre sehr gut funktioniert. Nachdem vor allem Dortmund-Dorstfeld nicht mehr so eine Hochburg für Faschisten ist, könnte jetzt das Ziel sein, sich das Ruhrgebiet noch mal genauer anzugucken. Für ihre Antimigrationsrhetorik ist der Ruhrpott mit seiner vielfältigen Struktur ein guter Ankerpunkt für ihre Anliegen.

Nicht nur vielfältige Strukturen, auch Strukturschwäche, sprich: viel Armut.

Genau das sind die Ansatzpunkte, die sie sich suchen. Soziale Ungleichheit. Sie versuchen auch mit niederschwelligen Formaten wie offenen Abenden, vor allem junge Leute zu mobilisieren und zu radikalisieren. Die offenen Abende haben rechte oder rechtsextreme Jugendstrukturen angezogen, vor allem die Gruppierung »Jung und Stark«. Es funktioniert auch relativ gut, die nach und nach rüber in die Partei Die Heimat bzw. in die Jugendorganisation Junge Nationalisten zu ziehen.

Es handelt sich also in erster Linie um den Versuch, junge Rechte zu sammeln und Strukturen aufzubauen?

Sie wollen Einfluss auf diese Strukturen kriegen, sie auf Linie bekommen und sie noch mehr radikalisieren. Die Hauptakteure von Die Heimat waren immer eher älter. Sie wollen aber in die Strukturen, die vor allem auf Social Media unterwegs sind. Viele von denen haben Tik-Tok-Accounts. Da einen Fuß reinzukriegen ist wichtig für die Partei. Und dann werden Synergieeffekte genutzt, von den jungen Leuten, die »cool« auftreten, und von den Älteren, die eben Infrastruktur und Finanzen mitbringen.

Ihr Bündnis mobilisiert zur Gegendemo. Auch SPD und Grüne sind dabei. Kritiker könnten sagen, dass diese Parteien den Aufschwung der Rechten mitverursachen oder mindestens mitverwalten. Bringt die Zusammenarbeit mit ihnen etwas?

Ich finde schon. Der Konsens unseres Bündnisses ist der kleinste gemeinsame Nenner. Wir haben ein Selbstverständnis, in dem ausformuliert ist, wofür und wogegen wir stehen. Wer sich in diesem Selbstverständnis wiederfinden kann, kann auch bei uns mitmachen. Und dieser gemeinsame Nenner ist die Arbeit gegen die extreme Rechte. Wir sind überzeugt davon, dass es breite gesellschaftliche Bündnisse braucht. Denn wir werden nicht mit 30 Leuten den Faschismus aufhalten können. Die Geschichte hat gezeigt, dass es nicht funktioniert, wenn man sich in Lager spalten lässt. Auch wenn wir in ganz vielen anderen Fragen nicht einer Meinung sind. Diese Breite ist extrem wichtig, um eben dem wiederaufkommenden Faschismus entgegenzustehen.

Aber jetzt mal ganz konkret: Man steht dann zusammen auf der Straße gegen rechts, aber gleichzeitig regiert die SPD auf Bundesebene mit einer CDU, die sich immer weiter nach rechts bewegt. Das ist doch ein Widerspruch, oder?

Das ist nicht das, was unser konkretes Handeln vor Ort bestimmt. Wir sind ein lokales Bündnis gegen lokale Nazistrukturen. Und da muss ich wirklich sagen: Wir können uns alle in der Arbeit aufeinander verlassen. Wenn klar ist, Die Heimat kommt am 1. Mai nach Essen, dann ist es egal, ob SPD, DKP, DGB, AWO – für uns alle ist klar: Wir organisieren Gegenprotest und stehen zusammen.

Ihr Ziel ist: »1. Mai nazifrei«. Was planen Sie?

Das Schönste wäre selbstverständlich, wenn die Nazis keinen Meter laufen könnten. Wir wissen aber aus der Erfahrung des letzten Jahres, dass das schwierig werden kann. Die Polizei hat damals Gegenprotest verunmöglicht, die Nazis durch die Stadt geleitet und ihnen den Weg freigeräumt. Das erwarten wir jetzt auch am 1. Mai. Unser Ziel ist es, den Tag möglichst ungemütlich für die Nazis zu gestalten.

Sonja Baumann ist Sprecherin von »Essen stellt sich quer«

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