Zum Inhalt der Seite
Nazidemo in Essen am 1. Mai

Bringt die Zusammenarbeit mit der SPD gegen rechts etwas?

Breite Bündnisse sind wichtig, um sich dem Faschismus entgegenzustellen, meint Sonja Baumann

Foto: IMAGO/Justin Brosch
Die faschistische Partei Die Heimat zog bereits am 11. Juli 2025 durch Essen. Das Bündnis »Essen stellt sich quer« versuchte, den Aufmarsch zu verhindern

Für den 1. Mai mobilisieren die Neonazis von den Parteien Die Heimat, ehemals NPD, und Die Rechte bundesweit nach Essen – Ihren Angaben nach das vierte Mal seit dem Jahr 2000. Was erwarten Sie?

Angemeldet sind nach offiziellen Informationen 450 bis 500 Nazis. Wir halten das für eine realistische Einschätzung, weil Die Heimat gerade versucht, in Essen wieder mehr Fuß zu fassen. Sie hat seit 2012 ihre Parteizentrale in Essen. Bei ihren monatlich stattfindenden offenen Abenden rekrutiert sie gerade.

2025 hatte Die Heimat nach Gelsenkirchen mobilisiert. Warum hat sie so ein Auge auf die Region?

Ich glaube, dass das Ziel ist, Fuß im Westen zu fassen und hier nachhaltig rechte Strukturen aufzubauen. Im Osten hat das über viele Jahre sehr gut funktioniert. Nachdem vor allem Dortmund-Dorstfeld nicht mehr so eine Hochburg für Faschisten ist, könnte jetzt das Ziel sein, sich das Ruhrgebiet noch mal genauer anzugucken. Für ihre Antimigrationsrhetorik ist der Ruhrpott mit seiner vielfältigen Struktur ein guter Ankerpunkt für ihre Anliegen.

Nicht nur vielfältige Strukturen, auch Strukturschwäche, sprich: viel Armut.

Genau das sind die Ansatzpunkte, die sie sich suchen. Soziale Ungleichheit. Sie versuchen auch mit niederschwelligen Formaten wie offenen Abenden, vor allem junge Leute zu mobilisieren und zu radikalisieren. Die offenen Abende haben rechte oder rechtsextreme Jugendstrukturen angezogen, vor allem die Gruppierung »Jung und Stark«. Es funktioniert auch relativ gut, die nach und nach rüber in die Partei Die Heimat bzw. in die Jugendorganisation Junge Nationalisten zu ziehen.

Anzeige

Es handelt sich also in erster Linie um den Versuch, junge Rechte zu sammeln und Strukturen aufzubauen?

Sie wollen Einfluss auf diese Strukturen kriegen, sie auf Linie bekommen und sie noch mehr radikalisieren. Die Hauptakteure von Die Heimat waren immer eher älter. Sie wollen aber in die Strukturen, die vor allem auf Social Media unterwegs sind. Viele von denen haben Tik-Tok-Accounts. Da einen Fuß reinzukriegen ist wichtig für die Partei. Und dann werden Synergieeffekte genutzt, von den jungen Leuten, die »cool« auftreten, und von den Älteren, die eben Infrastruktur und Finanzen mitbringen.

Ihr Bündnis mobilisiert zur Gegendemo. Auch SPD und Grüne sind dabei. Kritiker könnten sagen, dass diese Parteien den Aufschwung der Rechten mitverursachen oder mindestens mitverwalten. Bringt die Zusammenarbeit mit ihnen etwas?

Ich finde schon. Der Konsens unseres Bündnisses ist der kleinste gemeinsame Nenner. Wir haben ein Selbstverständnis, in dem ausformuliert ist, wofür und wogegen wir stehen. Wer sich in diesem Selbstverständnis wiederfinden kann, kann auch bei uns mitmachen. Und dieser gemeinsame Nenner ist die Arbeit gegen die extreme Rechte. Wir sind überzeugt davon, dass es breite gesellschaftliche Bündnisse braucht. Denn wir werden nicht mit 30 Leuten den Faschismus aufhalten können. Die Geschichte hat gezeigt, dass es nicht funktioniert, wenn man sich in Lager spalten lässt. Auch wenn wir in ganz vielen anderen Fragen nicht einer Meinung sind. Diese Breite ist extrem wichtig, um eben dem wiederaufkommenden Faschismus entgegenzustehen.

Aber jetzt mal ganz konkret: Man steht dann zusammen auf der Straße gegen rechts, aber gleichzeitig regiert die SPD auf Bundesebene mit einer CDU, die sich immer weiter nach rechts bewegt. Das ist doch ein Widerspruch, oder?

Das ist nicht das, was unser konkretes Handeln vor Ort bestimmt. Wir sind ein lokales Bündnis gegen lokale Nazistrukturen. Und da muss ich wirklich sagen: Wir können uns alle in der Arbeit aufeinander verlassen. Wenn klar ist, Die Heimat kommt am 1. Mai nach Essen, dann ist es egal, ob SPD, DKP, DGB, AWO – für uns alle ist klar: Wir organisieren Gegenprotest und stehen zusammen.

Ihr Ziel ist: »1. Mai nazifrei«. Was planen Sie?

Das Schönste wäre selbstverständlich, wenn die Nazis keinen Meter laufen könnten. Wir wissen aber aus der Erfahrung des letzten Jahres, dass das schwierig werden kann. Die Polizei hat damals Gegenprotest verunmöglicht, die Nazis durch die Stadt geleitet und ihnen den Weg freigeräumt. Das erwarten wir jetzt auch am 1. Mai. Unser Ziel ist es, den Tag möglichst ungemütlich für die Nazis zu gestalten.

Sonja Baumann ist Sprecherin von »Essen stellt sich quer«

Themen:
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 02.04.2026, Seite 2, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→Leserbriefe
  • gerhard keller aus Nordrhein-Westfalen - Witten 2. Apr. 2026 um 09:45 Uhr
    Brandstifter als Feuerwehr? Nein! Die SPD hat auf Antifa-Demos nichts zu suchen. Denn sie trägt die politische Mitverantwortung für die Formen struktureller Gewalt (Frontex z. B.), durch die Tausende von Flüchtenden im Mittelmeer, dem größten Friedhof Europas, ertrinken. Diese Barbarei ist kein zu verhindernder Zustand. Dies ist keine neue Erkenntnis, doch haben wir das Bewusstsein darüber ebenso ausgesperrt wie die Geflüchteten. So kann die SPD weiter von Demokratie und Menschenrechten reden, während sie Kinder ertrinken und erfrieren lässt. Die Gewalt, auf der unsere Ordnung aufbaut, wird uns gerade schonungslos vor Augen geführt. Im Jahr 2024 ertranken 10.400 Menschen auf der Flucht in Booten im Mittelmeer, darunter 20 % Kinder. Das wollen auch viele Linke nicht hören, sie haben sich auf die Logik des kleineren Übels eingelassen, und damit auf die Logik der bürgerlichen Herrschaft. Sie reden sich ein, hierzulande würden Rechtsstaat und Demokratie herrschen, und ignorieren, dass das nur für uns gilt, die Folterlager bloß exterritorialisiert wurden. All die Gewalt an den Grenzen, die Abschiebungen und Asylrechtsverschärfungen, die Lagerzentren und push backs sind das Werk von Demokratinnen und Demokraten an der Macht. Natürlich wäre alles noch viel schlimmer, würden sich die neuen Faschisten und ihre noch autoritäreren Krisenlösungen durchsetzen. Aber der Normalzustand, den wir gegen noch beschissenere Verhältnisse verteidigen, ist längst die Katastrophe. Außerdem war es die SPD, die die AfD nach der Bundestagswahl 2017 zur größten Opposition im Bundestag gemacht und sie damit mit besonderen parlamentarischen Privilegien ausgestattet hat. Nach dem seinerzeit das Getöse der Parteioberen, nicht schon wieder mit der CDU eine GroKo einzugehen, Frank-Walter Steinmeier zu einem Machtwort »im Interesse des Lands« animierte, brach die SPD mal wieder ihr Wort und es kam doch zur Koalition.
    • Bernd Scherwatzki aus Mönchengladbach 3. Apr. 2026 um 07:43 Uhr
      Jetzt sind es also wieder die »Sozialfaschisten« gewesen. Es geht doch nichts über die Methode, sich einen »schlanken Fuß« zu machen. Seit über 30 Jahren warte ich auf den Aufschrei von PDS/Die Linke gegen die vom Kapitalismus installierte Verblödungsmaschine werbefinanziertes Fernsehen/Internet. Hier werden jedes Jahr Abermilliarden von der Wirtschaft an die Wirtschaft weitergegeben, um eine nie dagewesene Manipulationsmaschine – Josef Goebbels würde seine helle Freude haben, Gianni Infantino sowieso – am Laufen zu halten, um Oberflächlichkeit und Schaumschlägerei zum Maß aller Dinge zu erheben. Sehr gut war das an dem Aufschrei zu erleben, als die Bahn mit Schmarotzern dieses Systems Werbung machte und Boris Palmer fragte: Welche Gesellschaft soll das abbilden? Dass hier Gutverdiener den Hals nicht vollkriegen konnten – warum muss die Bahn eigentlich so Werbung machen? – Das hat hier kein Linker so gesehen. Man war empört, ob des Übersehens von so viel Vielfalt. Die Verblödungsmaschine hatte volle Arbeit geleistet. Der Schaumschlägerfeudalismus hat gesiegt. So ist es auch die ganzen Jahre unterblieben, öffentlich die Frage zu stellen, ob dieses Geld nicht besser in die Fürsorge, Bildung und Ausbildung unserer Kinder, die Infrastruktur, den Umweltschutz und sonstige dem Gemeinwesen förderliche Dinge zu investieren wäre. Man lies die Kapitalisten gewähren, während man vom Zusammenbruch des Kapitalismus träumte. Jetzt, wo die Wirtschaft abschmiert, 1929 lässt grüßen, und Unsummen in die Rüstung fließen, ist wieder nichts übrig für die, die unserer Hilfe dringend bedürfen. Hier nun wieder mit dem Finger auf andere zu zeigen, ist schon sehr dreist. Aber wir kennen das ja. Wenn Wahlen gewonnen werden, lässt man sich feiern. Werden sie verloren, will man analysieren, woran es denn gelegen haben könnte. Das unterbleibt selbstredend, denn wer keine Weitsicht hat, kann diesbezüglich auch keine Fehler finden. Und Selbstkritik ist ja auch eher was für die Andersdenkenden.
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!