Rudolf Jürschik tot
Von Detlef Kannapin
Es war gar nicht so einfach, den Chefdramaturgen der Defa und letzten künstlerischen Direktor des Spielfilmstudios in Babelsberg noch davon zu überzeugen, im Auftrag der Defa-Stiftung seine Erinnerungen zu dokumentieren. Rudolf Jürschik (Jahrgang 1935) bekleidete von 1977 bis 1989 den Posten des Chefdramaturgen, der für die künstlerische Grundrichtung der Defa im letzten Jahrzehnt der DDR verantwortlich war. Die Erinnerungen wurden 2021 in Form eines Interviewbuches vorgelegt.
Jürschik gehörte zur Aufbaugeneration der DDR. Geboren im Norden der Tschechoslowakei, war ihm 1945 die Durchfahrt durch das zerstörte Dresden Auftrag und Verpflichtung: Nie wieder Krieg! Die Verhältnisse, die dazu geführt hatten, mussten verändert werden. Er war Schiffbaustudent und Bühnenarbeiter, wurde diplomierter Filmökonom und dann im Hauptberuf zunächst Dozent für Ästhetik an der Parteihochschule »Karl Marx« beim ZK der SED. Seine Berufung zum Chefdramaturgen des Defa-Spielfilmstudios kommentierte die Direktorin der Hochschule, Hanna Wolf, mit den Worten: »Na, nun musste eben beweisen, dass das, was du hier lehrst, auch funktioniert, hast doch genug über Kunst geredet, und nun musst du’s beweisen.«
Die Verbindung von Theorie und Praxis wurde daher zu Jürschiks Lebenselixier. Filme wie »Insel der Schwäne« (1982), »Einer trage des anderen Last« oder »Fallada – Letztes Kapitel« (beide 1988) bezeugten dies genauso wie die vergeblichen Versuche, rebellische Projekte wie »Paule Panke« oder eine Simplicissimus-Verfilmung auf den Weg zu bringen. Jürschik stand hinter allem, was ihm für die Weiterentwicklung ästhetischer Beziehungen zum Wohle des Sozialismus hilfreich erschien. Dazu gehörte auch sein Bonmot: Wenn der Westen bessere Zerstreuungsfilme kann, dann kaufen wir die lieber ein, als uns an Genreimitaten zu verheben.
1989/90 kam der Abbruch. Jürschik musste als letzter künstlerischer Direktor brillanten Leuten wie Wolfgang Kohlhaase oder Günther Rücker die Entlassungspapiere aushändigen – ein Symbol für die folgende Verfallszeit. Er ließ sich aber nicht unterkriegen. In vielen öffentlichen Auftritten zu Defa-Filmen beharrte Jürschik auf einer Logik des Verhaltens, die Progressivität und Perspektive als elementare Lebensbedürfnisse aller tätigen Menschen beschrieb. Dass er vor einigen Jahren noch einmal einen seiner Lieblingsfilme, Michail Romms »Neun Tage eines Jahres« (1961), im Berliner Kino Brotfabrik selbst vorstellen durfte, war eine glückliche Fügung.
Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Rudolf Jürschik am 3. März 2026 in Berlin gestorben.
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