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Aus: Ausgabe vom 03.02.2026, Seite 12 / Thema
Digitaler Kapitalismus

Universale Verblendung

Johan Frederik Hartle und Gerhard Schweppenhäuser analysieren den digitalen Medienkapitalismus. Den Fallstricken der Kritischen Theorie entgehen sie nicht
Von Detlef Kannapin
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Wie der Ausbruch aus dem digitalen Panoptikum gelingen kann, diskutieren Johan Frederik Hartle und Gerhard Schweppenhäuser nicht. (Aufnahme aus dem Stateville Correctional Center in Crest Hill, Illinois/USA, 7.4.1928)

Um sogleich Missverständnissen vorzubeugen: Ich halte die Ausführungen zur Kulturindustrie von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno für eine der hellsichtigsten des 20. Jahrhunderts zu diesem Thema. Wünschenswert klar kann man mit ihrer Theorie sezieren, wie verheerend Kultur und Medien in der spätimperialistischen Warengesellschaft zugerichtet wurden und werden. Sie sahen Entwicklungen voraus, die sich erst heute in all ihrer Evidenz manifestieren. Die Aporien der Kritischen Theorie wirken allerdings heute wie damals.

Zum einen liegen sie in der Begriffsbezeichnung von Kritischer Theorie selbst, denn sie vereinigen, wie der Philosoph Gunnar Hindrichs festgestellt hat, zwei logisch sich widerstreitende Prozesse: Kritik, sprich Prüfen und Urteilen, versus Theorie, also Erkenntnisstruktur. Hindrichs nennt Kritische Theorie daher auch »scharfsinnigen Unsinn«.¹ Zum anderen mangelt es der Kritischen Theorie, auch in ihren elaborierten Formen, an praktischen Schlussfolgerungen. Ihre theoretischen Ableitungen und die an der Kritik gewonnenen Resultate sind meist richtig. Die Überführung in die notwendige politische Praxis unterbleibt aber. Daher muss sie in den als falsch apostrophierten gesellschaftlichen Strukturen auch utopische Momente sehen, die nicht vorhanden sind.

Mit dem Aufsatz »Traditionelle und kritische Theorie« setzte Max Horkheimer 1937 die theoretischen Leitlinien der Frankfurter Schule. Rückblickend ist das ziemlich erstaunlich, waren seine ausufernden Erwägungen doch nicht viel mehr als eine Anwendung der Kritik der politischen Ökonomie auf den wissenschaftlichen Betrieb. Die Resultate waren in Marx’ Lehre bereits angelegt und obendrein nicht bahnbrechend, von Marx’ hervorragendsten Schülern – etwa Wladimir Lenin und Georg Lukács – längst vorweggenommen und mit vortrefflichen Anwendungsbeispielen für die Verbindung von Theorie und Praxis versehen.

Niemand bleibt verschont

Eine kritische Theorie des digitalen Medienkapitalismus unter dem Titel »Universale Vermittlung« haben nun der Philosoph Johan Frederik Hartle und der Design- und Medientheoretiker Gerhard Schweppenhäuser vorgelegt. Mit universaler Vermittlung meinen sie, dass die komplette menschliche Lebenstotalität mit digitalen Werkzeugen und Prozessen aus dem Kosmos der Massenmedien durchdrungen ist, wovon aufgrund der inzwischen umfassend gewordenen, stetig zur Monopolisierung tendierenden Dominanz der Plattformökonomie kaum jemanden verschont bleibt.

Sie schließen dabei direkt an die kritische Kommunikationsforschung zu traditionellen Massenmedien (Buch, Zeitung, Kino, Radio und Fernsehen) an, indem sie folgende Zielsetzung formulieren: »Eine kritische Theorie der Medienkultur nimmt ihre Untersuchungsgegenstände (…) in bezug auf übergeordnete Problemkonstellationen in den Blick, die eine je besondere historische Situation kennzeichnen. Sie liefert potentiell überschreitendes Orientierungswissen im komplexen gesellschaftlichen Gefüge – auch und selbst dann, wenn dies von den Subjekten der Praxis nicht abgefragt oder angeeignet wird.«²

Das Buch gliedert sich in fünf Hauptkapitel, von denen das erste als Einleitung firmiert, die übrigen vier den Bereichen Kritik als Haltung, Kritik der politischen Ökonomie, Kritik der Soziologie der digitalen Massenmedien und Perspektiven der Dialektik von Daten gewidmet sind. Dazwischen finden sich drei Exkurse, die Auswege aus der gewaltsamen Totalität des heutigen Medienkapitalismus aufzeigen sollen, bezeichnenderweise alle – im Anschluss an Adornos Hoffnung auf Ästhetik als Seismographen von Nichtidentität – aus der zeitgenössischen Kunst.

Als wesentliche Ergebnisse von Hartle und Schweppenhäuser lassen sich fünf Punkte festhalten. Erstens hat digitaler Medienkapitalismus eine Verdopplung der bestehenden Welt erzeugt. Neben der schlechten Alltagsrealität ist eine zweite digitale Realität aus binären Codes und Zeichen entstanden, die eine »Verdopplung der basalen Strukturen gesellschaftlicher (Re-)Produktion« beinhaltet und, so ließe sich anknüpfend an Guy Debord ergänzen, durch die (digitale) Bildwerdung des Kapitals zu kompletter Verwirrung führt.

Digitaler Medienkapitalismus ist zweitens, und im kompletten Gegensatz zur Ideologie von der angeblichen Immaterialität der digitalen Sphäre, materiell und damit Maschinerie. Das kann allein mit dem exorbitant gestiegenen Stromverbrauch der Netzinfrastruktur belegt werden. Die technologische Entwicklung übt einen beträchtlichen Einfluss auf die Arbeits- und Sozialbeziehungen aus, so dass die Kritik hier deren Aneignungs- und Anwendungsformen zu gelten hat.

Digitaler Medienkapitalismus ist drittens Verdinglichung in Potenz. Nicht nur intensivieren digitale Prozesse die Warenströme, sie hysterisieren zudem sämtliche kulturindustriellen Produkte und integrieren sie damit in die Aufmerksamkeitsökonomie der Plattformen – in einem Ausmaß, das sich die Autoren der »Dialektik der Aufklärung« nicht hätten vorstellen können. Die gute alte marxistische Ideologiekritik, also das Entlarven des Zusammenhangs von Warenfetischismus und daraus resultierendem notwendig falschen Bewusstsein, ist beileibe nicht suspendiert; sie hat alle Hände voll zu tun, nicht nur die Coca-Cola-Scheiße abzuräumen, sondern auch deren millionenfache audiovisuelle Wiedergabe in allen möglichen sozialen Medien.

Viertens wird im digitalen Medienkapitalismus die Informationsüberflutung zur endgültigen politischen Strategie, die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse zu immunisieren und Alternativen zu desavouieren. Die praktische Umsetzung von Informationen in Erkenntnisse und selbstbestimmtes, gemeinsames Handeln geht verloren, wenn den Individuen jede Entscheidungskompetenz fehlt, wichtige von unwichtigen Nachrichten zu unterscheiden. Der Fakt an sich ist nicht neu, neu ist vielmehr, dass die Produktion gesellschaftlich wertloser Information zum primären Mittel im Spätimperialismus geworden ist, die fehlende Überzeugung von der eigenen Lebens- und Leistungsfähigkeit durch systematische Stupidität bis hin zur politischen Paranoia zu kompensieren.³

Fünftens schließlich ist der digitale Medienkapitalismus dadurch gekennzeichnet, dass er mit Hilfe von Computer und Internet »die textlichen, visuellen und auditiven Funktionen verschiedener herkömmlicher Medien« zusammenführt und dadurch die Wahrnehmungsweise der Gesellschaft radikal verändert. Die Funktionen werden gleichzeitig konserviert und erneuert, womit neben die Verdopplung der bestehenden Welt auch noch die Verdopplung der Ideologiehaftigkeit tritt, was die emanzipatorische Überwindung all dieser repressiven Strukturen und Institutionen überaus schwierig macht. Diese Einsicht von Hartle und Schweppenhäuser zeigt auf, dass die Digitalisierung des Kapitalismus nicht ex nihilo zu bewerten ist, sondern strukturelle Defizite der Vergangenheit mitgeschleppt werden.

Bedauerlicherweise fallen die drei Exkurse zur Illustration praxisrelevanter Umgehungsstrategien des digitalen Medienkapitalismus wenig überzeugend aus. Weder die angesprochenen Filme »Höhere Gewalt« (Ruben Östlund, 2014) und »Tron« (Steven Lisberger, 1982) noch die Videokunst von Natalie Bookchin sind in der Lage, den Spätimperialismus überwinden zu helfen. Wie denn auch? Kino und Kunsthalle sind zwar Orte kultureller Praxis und bei angemessenen politischen Bedingungen sicher auch Orte der Bewusstseinsentwicklung. Aber diese Rolle erfüllen sie eher schlecht bis gar nicht unter den gegenwärtigen kapitalistischen Bedingungen, da spätestens bei der nächsten Kürzungsrunde jegliche Abweichung vom Herrschaftsdiskurs wieder eingeebnet wird. Hartle und Schweppenhäuser hätten es hier besser wissen können.

Ungenügende Erörterungen

Ein Vorteil ihres Buches besteht hingegen darin, viele kritische, frühere und aktuelle Ansätze für die Analyse herangezogen zu haben. Dieser Vorteil markiert aber zugleich eine Schwäche, denn die meisten der aufgeworfenen Probleme werden oft nur angerissen, obwohl sie eine ausführlichere Erörterung verdient hätten. Die Einordnung, wie die Autoren zu den jeweiligen Theorien stehen, erschwert das ungemein.

Unkompliziert ist dies indes bei der Beschäftigung mit dem Buch »Automation« (1964) von Friedrich Pollock, der zum Kernteam der Frankfurter Schule gehörte. Nur ist die Behandlung seiner Thesen einigermaßen rudimentär und geht am Wesentlichen seiner Argumentation vorbei. Das Kapitel »Gesellschaftliche Perspektiven der Automation«, in dem unter anderem aufgezeigt wird, warum Computersimulationen zum Überdenken der gängigen Theorie über parlamentarische Demokratie zwingen, warum Automation unter Marktbedingungen zu Monopolisierung, Überproduktion, Staatsinterventionismus, Freisetzung von Arbeitskräften, einem höheren Anteil an sinnloser Arbeit sowie einer extremen Manipulationsdichte führt und dass dieser Prozess irreversibel ist, solange keine zentralen Planungsmechanismen installiert werden,⁴ greifen Hartle und Schweppenhäuser zwar auf, diskutieren es aber nicht. So erscheinen diese elementaren Fragestellungen für die Zukunft lediglich als Marginalien, die sie keinesfalls sind.

Ferner unterbleibt vor allem eine Erörterung derjenigen Publikationen, die sich auch im Anschluss an Pollock mit Planungsproblemen über rechnergestützte Ordnungsgrößen für alternative oder sozialistische Wirtschafts- und Sozialsysteme auseinandergesetzt haben.⁵ Das ist befremdlich, weil eine kritische Theorie des digitalen Medienkapitalismus an Planungsfragen größtes Interesse haben müsste. Die Autoren sinnieren statt dessen über eine sogenannte »Dialektik des Datenpositivismus«.

In einem anderen Fall kann man nur froh sein, dass Hartle und Schweppenhäuser den notorischen US-Imperialisten Zbigniew Brzeziński, meines Wissens zum ersten Mal in einer deutschsprachigen Publikation, in die Debatte über die politische Wirkungsweise der Computer zurückgeholt haben. In dem lange Zeit völlig unbeachteten und auch nicht ins Deutsche übersetzten Buch »Between Two Ages: America’s Role in the Technetronic Era« warb Brzeziński schon 1970 für einen konsequenten Ausbau der Computertechnologie. Sein Hauptargument lief darauf hinaus, dass der kapitalistische Westen den ideologischen Klassenkampf gegen den sozialistischen Osten nicht gewinnen kann, sehr wohl aber den technologischen, der die Legitimationsdefizite der sowjetischen Hemisphäre nach und nach durch technische Zurückgebliebenheit verstärken würde – bis zum Zusammenbruch, der schließlich tatsächlich eintrat.

Hartles und Schweppenhäusers lobenswerte Einbettung von Brzeziński in den Mediendiskurs krankt aber auch hier an ihrer Inkonsequenz. Wieder werden Einzelaspekte erwähnt, so zum Beispiel Computer als Legitimationsinstrumente zur Stärkung der US-Hegemonie oder die Verflechtung der Gesellschaft durch computergestützte Kommunikation und die damit einhergehenden Manipulationsmöglichkeiten gegenüber Abermillionen unorganisierten Bürgern. Die eigentliche Tragweite dieser Überlegungen, die stark von den US-amerikanischen Pionieren der Propaganda wie Walter Lippmann und Edward Bernays inspiriert sind, bleibt allerdings unterbelichtet, vor allem, was die weitgehende Um- und Durchsetzung jener Weltherrschaftskonzeption betrifft.

Auf diese und ähnliche Weise sind in »Universale Vermittlung« viele Theoreme und Hypothesen der kritischen Medientheorie verarbeitet worden. Es erstaunt dann aber doch, dass weitere kritische Elemente aus anderen Arbeiten zu und über Medien, die eine deutliche Bereicherung der Analyse hätten darstellen können, keine Verwendung gefunden haben.

Leerstellen

Natürlich wäre es unredlich, von einer einzelnen Monographie Vollständigkeit gegenüber einem so komplexen wie diffizilen Thema zu verlangen. Dass jedoch eine kritische Theorie des digitalen Medienkapitalismus selbst auf die Erwähnung bedeutender kritischer Einlassungen zum Gegenstand verzichtet, ist dann schon mehr als ein Makel oder ein Versehen. Auf Markus Metz und Georg Seeßlen ist schon hingewiesen worden (siehe Anm. 3). Das gleiche gilt selbst für Arbeiten, die sich eigens der Kritischen Theorie verpflichtet fühlen, zumindest in Bezug auf Massenmedien, zum Beispiel die Studien von Michael Kausch und Thomas Schuster, die einerseits ausführliche Kompendien der Kritik der traditionellen kapitalistischen Massenmedien sind und andererseits bereits die zukünftigen Digitalmodelle zur Herrschaftsstabilisierung mitbedacht haben. Hier ist auch Lothar Biskys Untersuchung zur »Unterhaltung am Konzernkabel« zu nennen, die in ihren Schlussteilen bereits die Computerisierung der kapitalistischen Medienlandschaft antizipierte.⁶

Sogar einschlägige aktuelle Analysen, die in den Kontext von Hartle und Schweppenhäuser gepasst hätten, fehlen, obwohl man sie nur schwer übersehen kann. Der Netzaktivist Geert Lovink wird schon seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht müde, in seinen periodisch erscheinenden Publikationen den digitalen Nihilismus unserer Zeit mit immer stärkeren empirischen Befunden zu untermauern.⁷ McKenzie Wark beschwört inzwischen sogar das Ende des Kapitalismus: Der zentrale Widerspruch, noch zwischen Kapital und Arbeit, verlagere sich mit der Herausbildung zwei neuer Grundklassen, die sie Vektoren- und Hackerklasse nennt, wobei die herrschende Vektorenklasse die Verteilungshoheit über das Netz innehätte und die Hackerklasse diesen Zustand subversiv bekämpfen würde. Auf den Kapitalismus würde »etwas Schlimmeres« folgen – was genau, muss offen bleiben.⁸ Das mag eine kritische Theorie des digitalen Medienkapitalismus fragwürdig finden, unbeachtet lassen sollte sie es nicht.

Universale Verblendung

Man fragt sich am Ende unweigerlich, woher die Autoren nach den auch von ihnen deutlich herausgestellten gefährlichen Tendenzen des digitalen Kapitalismus ihre Zuversicht nehmen, der medienimperialistischen Überwältigung unserer Tage mit ihrer umfassenden Informationsmanipulation noch eine produktive Dialektik abzugewinnen. Da heißt es: »Vermittlung ist – im Zeichen einer fortwährenden Dialektik von Öffentlichkeit und Privatisierung, einer Dynamik von Produktivkraftentwicklung, Commons und Copyright – aber auch eine normativ gehaltvolle Verheißung. Medien können Träger, Speicher und Vermittler von selbstbestimmter Verständigung sein. Sie sind zunächst einmal aber Instrumente der Profiterzeugung, der Macht und der Kontrolle. Dies geht nicht zwingend aus der Beschaffenheit der Medien, aus ihrer Materialität und Struktur, hervor, sondern aus der spezifischen Realdialektik ihrer Verwertung. Dort wird öffentliches Potential blockiert durch private Aneignung des Mehrwerts, der über Medien generiert wird. Die Dialektik der Daten bewegt sich konkret zwischen Datenpositivismus und Plattformkapitalismus einerseits sowie den Utopien von universaler Kommunikation und kybernetischem Kommunismus andererseits.«

Das ist beim heutigen Zustand des spätimperialistischen Zerfalls im besten Falle ein Trugschluss, im schlechtesten Fall ein normativer Optimismus, der sich durch nichts wirklich belegen lässt. Offenbar ist das Grundverhängnis der Kritischen Theorie, die zweite oben genannte Aporie, immer noch wirksam: Einer politischen Praxis, die entweder die Funktionen des Staates für die administrative Einführung des Sozialismus nutzt oder andersherum »von unten« eine Rätemacht befähigt, über Radikaldemokratisierung zur menschlichen Emanzipation fortzuschreiten, weichen die Autoren aus. Auch die erkenntnistheoretisch selbstproduzierte Angst, mit der Konsequenz des gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs und damit der gegenwärtigen universalen Verblendung der Möglichkeit verlustig zu gehen, überhaupt die Verblendung als solche erkennen zu können, ohne ihr verhaftet zu sein, schlägt sich nieder.

Das muss aber gar nicht zwingend sein. Materialistische Medientheorie nennt die Dinge beim Namen – vom Standpunkt des universalen Sozialismus aus. Sie ist gleichzeitig das beste Mittel gegen das Geheul über die »Lügenpresse«, die Phalanx aus neoliberalen Mont-Pelerin-Adepten, Querfront- und Verschwörungsaposteln und gegen den aufziehenden Faschismus.

Anmerkungen

1 Gunnar Hindrichs: Zur kritischen Theorie. Berlin 2020, S. 7

2 Johan Frederik Hartle u. Gerhard Schweppenhäuser: Universale Vermittlung. Zur kritischen Theorie des digitalen Medienkapitalismus. Berlin 2025, S. 24

3 Diesen Prozess haben Markus Metz und Georg Seeßlen schon früher erkannt. Vgl. Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität. Berlin 2011 sowie dies.: Blödmaschinen II. Die Fabrikation der politischen Paranoia. Berlin 2025

4 Friedrich Pollock: Automation. Materialien zur Beurteilung der ökonomischen und sozialen Folgen. Frankfurt/M. 1964, S. 342ff.

5 Georg Klaus: Rationalität – Integration – Information. Entwicklungsgesetze der Wissenschaft in unserer Zeit. Berlin 1974; W. Paul Cockshott u. Allin Cottrell: Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie. Köln 2006

6 Michael Kausch: Kulturindustrie und Populärkultur. Kritische Theorie der Massenmedien. Frankfurt/M. 1988; Thomas Schuster: Staat und Medien. Über die elektronische Konditionierung der Wirklichkeit. Frankfurt/M. 1995; Lothas Bisky: The Show must go on. Unterhaltung am Konzernkabel. Rock, Film, Fernsehen, neue Medien. Berlin 1984

7 Geert Lovink: In der Plattformfalle. Plädoyer für die Rückeroberung des Internets. Bielefeld 2022

8 McKenzie Wark: Das Kapital ist tot. Kommt jetzt etwas Schlimmeres? Kritik einer politischen Ökonomie der Information. Leipzig 2021

Johan Frederik Hartle u. Gerhard Schweppenhäuser: Universale Vermittlung. Zur kritischen Theorie des digitalen Medienkapitalismus. Berlin: Matthes & Seitz 2025, 416 S., 38 Euro.

Detlef Kannapin schrieb an dieser Stelle zuletzt am 20. Oktober 2025 über den DDR-Regisseur Konrad Wolf anlässlich von dessen 100. Geburtstag: »Da sollen wir uns in die Ecken verkriechen?«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfram A. aus Potsdam (3. Februar 2026 um 16:44 Uhr)
    Wunderbar. Endlich wieder ein Kannapin im Blatt, und zwar erwartbar marxistisch scharfzüngig, solide quellenbegründet, die entscheidenden Fragen herausarbeitend und bei allem in der Kritik fair und zum Weiterlesen anregend. Vielen Dank! - Beispielhaft der folgende Befund, wonach im besprochenen Buch »vor allem eine Erörterung derjenigen Publikationen [unterbleibt], die sich auch im Anschluss an Pollock mit Planungsproblemen über rechnergestützte Ordnungsgrößen für alternative oder sozialistische Wirtschafts- und Sozialsysteme auseinandergesetzt haben.« Das sei »befremdlich, weil eine kritische Theorie des digitalen Medienkapitalismus an Planungsfragen größtes Interesse haben müsste«. - Da ließen sich nun mancherlei Überlegungen zu Planungssystemen und -ideen im offenbar immer noch fernen China anfügen und auch dazu, was es für die Welt bedeutet, wenn die westlicherseits beschworene »Systemrivalität« tatsächlich in den Kampf zweier KI'n miteinander mündet. - Danke für soviel aufstörende Anregung!
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (3. Februar 2026 um 23:26 Uhr)
      Warten wir ab, wie KI’n miteinander kämpfen! Vielleicht entscheidet aber doch die Hälfte des Produkts von Masse und dem Quadrat der Geschwindigkeit über den Ausgang des Kampfes. Wenn es ganz schlimm kommt, kann die Formel auch mcQuadrat lauten.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (2. Februar 2026 um 22:20 Uhr)
    Nixverstehn, was sein Datenpositivismus? Als Schmalspuringeneur der Elektronik, der fünf Generationen Vermittlungs-, Daten-, Informationstechnik gesehen und vier davon gegen Geld ziemlich genau bearbeitet hat, inklusive des Miterlebens des Verschwindens eines nicht ganz kleinen Unternehmens dieser Branche (das bis etwa 1985 der ITT, dann Alcatel gehörte und 2009 verschwand), verstehe ich noch nichteinmal Bahnhof beim Lesen des Artikels. Da fällt mir nur die ultimative Definition von Digitaltechnik ein: Seagate oder sie geht nicht. Etwa auf diesem intellektuellen Niveau hantiert das besprochene Buch: Plattformökonomie, Plattformen, Plattformkapitalismus, Plattformfalle, platter geht es nicht. Dampfmaschine, Elektromotor, Siemens-Martin-Verfahren, Offsetdruck, Kathodenstrahlröhre, OLED und dann noch der Mikroprofessor mit dem RAM. Frau sollte in der Tat nicht anfangen, ex nihilo zu bewerten. Gut, das kann sie sich leisten, wenn alles in einen Brei gerührt wird. Eine Dampfmaschine kann ein Bergwerk belüften, einen Kran zum Anheben einer Kanone oder einen Stromgenerator betreiben. Ungefähr so ist es auch mit »digital«. Das Ethernet und die Internetprotokolle wurden erfunden, um einen Atomkrieg zu überleben, also die Netze würden teilweise überleben, wenn der EMP nicht zu groß wird. Wo bleiben (sind, waren?) die Ansätze, die diese Technik produktiv und emanzipativ nutzen? In »Ungenügende Erörterungen« wird sehr richtig gesagt, dass »eine kritische Theorie des digitalen Medienkapitalismus an Planungsfragen größtes Interesse haben müsste«. Dieses Interesse scheint aber anderswo auch nicht sehr groß zu sein. Da werden Leute wie Michael Heinrich, die numerische Modelle/Simulationen entwickelt haben, weil sie irgendwelchen orthodoxen Vorstellungen nicht entsprechen, verunglimpft und totgeschwiegen. Diese Seite der Medaille sollte auch beleuchtet werden.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Oliver S. aus Hundsbach (3. Februar 2026 um 21:01 Uhr)
      »Orthodoxe Marxisten« lehnen es selbstverständlich ab, Kaliber wie Heinrich als Gewährsleute zu benennen. Hierzulande gilt es schließlich als Schibboleth, das Kernstück der Marxschen Lehre »misszuverstehen«, um in den Genuss staatlicher Fürsorge in Form gut dotierter Universitätsposten zu gelangen. Das prominenteste Beispiel ist der Staatsphilosoph Nr. 1 der BRD, Jürgen Habermas. Auch für ihn werden die Proleten in der Produktionssphäre nicht beklaut. Aber gibt es jemanden, der durch den Gang der Geschichte so Lügen gestraft wurde wie Habermas? Detlef Kannapin ordnet die Dinge völlig richtig ein. Er stellt die Stärken und Schwächen der Kritischen Theorie richtig dar und aktualisiert sie anhand von Schweppenhäusers und Hartles Buch, die sich explizit in deren Tradition verorten. Horkheimer und Adorno haben m. E. nie die Hand gebissen, die sie fütterte. Selbst die Ästhetik Adornos schwitzt marxsche Wahrheiten aus allen Poren. Zwar haben sie durch ihr »Verhältnis zur Praxis« dem System Konzessionen gemacht und durften im Dienste des Staates ihr Brot verdienen. Aber sie haben nicht das theoretische Fundament der Kritik der Politischen Ökonomie mit fadenscheinigen Argumenten untergraben. Es tut gut, dass der Autor Lenin und Lukács als Meisterschüler von Karl Marx bezeichnet. Zudem schärft es den Blick für Adornos Ressentiments gegen Lukács, insbesondere gegen dessen Werk »Die Zerstörung der Vernunft«.
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (4. Februar 2026 um 14:55 Uhr)
        Mein Schibboleth ist also, dass ich Michael Heinrich zitiere? Oder ist etwas anderes gemeint? Im Übrigen habe ich nicht Kannapin, sondern das Buch, das er bespricht, kritisiert. Dass mir der Stil, in dem der Artikel geschrieben ist, nicht gefällt, steht auf einem anderen Blatt. Der Hinweis auf Lenin ist völlig korrekt, denn frau muss schon seine Auseinandersetzung mit dem Positivismus (und den Positivismus selber) kennen, um auch nur einen Hauch von Möglichkeit zu haben, den Artikel zu verstehen. Fünfhundert Seiten LW14 aus dem Jahre 1908/1909 hat halt nicht jeder gelesen. Wobei die Frage ist, was ein heutiger Datenpositivismus mit einem Positivismus, wie ihn z. B. Ernst Mach vertreten hat, zu tun hat. Ich könnte jetzt weiter lamentieren, wie der »Orthodoxe Marxismus« mit der (allgemeinen) Relativitätstheorie und der Quantenmechanik (Stichwort Teilchen-Welle-Dualismus) umgegangen ist bzw. umgeht. Angesichts der derzeitigen Realitäten des Sozialismus halte ich es durchaus für angebracht, dass orthodoxe Marxisten eine Nabelschau durchführen. Seit »Materialismus und Empiriokritizismus« hat sich einiges getan. Da könnte man mit Popper und seiner Wissenschaftsdefinition anfangen und konkret mit dem tendenziellen Fall der Profitrate weitermachen. Eine Selbstvergewisserung, auf welchen Beinen wir stehen, könnte nicht schaden.
        • Leserbrief von Onlineabonnent/in Oliver S. aus Hundsbach (4. Februar 2026 um 16:41 Uhr)
          Mit »Schibboleth« meinte ich lediglich, dass man bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, um ein gut dotierter Staatsbeamter werden zu können, und dass es selbst als »orthodoxer Marxist« oder Vertreter der Kritischen Theorie heute nicht mehr möglich ist, einen solchen Job zu bekommen. Die Zeit der Polemik um Michael Heinrich und die neue Marx-Lektüre liegt ja nun auch schon etliche Jahre zurück. Stichworte sind hier die »Arbeitswertlehre« und der »Fall der Profitrate«, deren Richtigkeit er infrage stellt. Ich halte seine Ausführungen dazu für falsch. Deshalb habe ich auf Ihren Leserbrief geantwortet und nicht, weil er Kritik an dem besprochenen Buch oder Kannapin enthält. Zudem interessieren mich seit jeher die Kontroversen zwischen »orthodoxen Marxisten« und den Vertretern der Kritischen Theorie. Und natürlich stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu: »Eine Selbstvergewisserung, auf welchen Beinen wir stehen, könnte nicht schaden.« Unter der Voraussetzung, dass die Welt nicht ins Reich der Freiheit und der Notwendigkeit geschieden wäre, könnte auch der schöne Satz von Habermas gelten, dass »dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments Folge zu leisten ist«.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (3. Februar 2026 um 12:10 Uhr)
      Also ich verstehe das so: Da haben zwei Leute ein Buch über etwas geschrieben, von dem sie offenbar nicht so richtig etwas verstehen, aber das weitschweifig mitteilen. Damit auch ich das weiß, wird mir das weitschweifig mitgeteilt. Damit ich dabei sein kann. Aber warum zum Teufel eigentlich, wenn ich es eh nicht verstehen soll, worauf die Stilistik des Artikels hindeutet?

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