Helfer in Todesgefahr
Von Jara Nassar, Beirut
Drei Krankenwagen stehen vor der Tür des Gebäudes der SPL in Kola, benannt nach der Coca-Cola-Fabrik, die in dem Beiruter Stadtviertel früher stand. SPL steht für Secours Populaire Libanais, übersetzt Libanesische Volkshilfe. Sie widmet sich medizinischer Versorgung und sozialer Entwicklung im Libanon über alle Bevölkerungsgruppen hinweg und wurde 1972 im Süden des Landes gegründet, einer Region, die seit Jahrzehnten israelischer Aggression ausgesetzt ist. Während des Libanesischen Bürgerkriegs 1975–90 baute die Organisation ihre Aktivitäten stark aus, um Kriegsverwundete zu versorgen und die gesellschaftliche Entwicklung zu stärken. Inzwischen betreibt sie mehr als 40 Krankenhäuser sowie Schulen und Bildungszentren im ganzen Land.
Im Libanon wiederholt Israel die Taktik der systematischen Angriffe auf medizinisches Personal, die es auch in Gaza verfolgt hat. Rettungsdienste und Notfallsanitäter werden gezielt attackiert, oft in sogenannten Double-Tap-Strikes, bei denen nach einem ersten Bombardement gewartet wird, bis Rettungspersonal den Ort erreicht hat, um es mit einem zweiten Angriff zu töten. »Wir dürfen uns im Krankenwagen nicht anschnallen«, erklärt Fahrer Ali gegenüber jW, »damit wir schnell genug herausspringen können, wenn wir eine Rakete auf uns zukommen sehen.« Seit der Eskalation der Kämpfe am 2. März wurden mehr als 50 Beschäftigte im Gesundheitsbereich getötet, die meisten im aktiven Außeneinsatz, wobei medizinische Einrichtungen auch direkt zum Ziel genommen werden – der bisher verheerendste Angriff fand am 13. März statt, dabei wurden zwölf Rettungssanitäter im Gesundheitszentrum von Burdsch Kalawija getötet, als sie gerade ihr Fasten brachen.
All das hält die SPL nicht von ihrer Arbeit ab. Im Beiruter Hauptbüro schläft das Rettungsteam, bestehend aus jungen Männern zwischen 23 und 30 und einer Ärztin, jede Nacht auf dünnen Pritschen, um für einen Notfall sofort bereit zu sein. Viele von ihnen sind selbst aus dem Süden Libanons, den israelische Minister offen annektieren wollen, oder aus Dahija vertrieben worden, dem südlichen Vorort Beiruts, Heimat von schätzungsweise einer Million Menschen. Mit ihrem Einsatz verstehen sie sich als Teil des libanesischen Widerstands gegen den Aggressor Israel, ein Bündnis, dessen stärkstes Mitglied die Hisbollah ist: »Wir müssen die Leute versorgen, das gehört zur Verteidigung dazu«, sagt einer der Helfer. Tagsüber gehen die meisten ihrer normalen Arbeit nach, bevor sie später wieder in ihre Uniformen schlüpfen. Für andere hat der Krieg ihre eigentliche Beschäftigung unmöglich gemacht. Hamad ist Filmstudent und bringt jetzt seine Kamera mit in die Unterkunft. »Ich mache einen Dokumentarfilm über unsere Arbeit, ein französisches Festival hat schon Interesse angemeldet.«
Die Volkshilfe ist traditionell eng an die Kommunistische Partei des Libanon angebunden, aber organisatorisch unabhängig. Dies spiegelt sich in ihrem sozialen Programm wider. In einem Flyer zum 25jährigen Jubiläum beschrieb sie ihre Ziele als die »Verteidigung persönlicher und sozialer Freiheiten« und als »die Förderung der Zivilgesellschaft«. Unter anderem führte die Organisation Alphabetisierungskurse in Landesteilen mit ärmerer Bevölkerung durch, aber auch Strandsäuberungen und Wiederaufforstungskampagnen.
Nun ist die medizinische Arbeit angesichts der israelischen Bombardements sowie der Bodeninvasion wichtiger denn je. Die Leiterin des Beiruter Büros zeigt Kisten voller Medikamente, die sich im Hinterzimmer stapeln. Dort warten die Arzneien auf ihre Sortierung und Verteilung. Die Not ist enorm: In nur drei Wochen hat Israel eine der schlimmsten Massenvertreibungen der Welt bewirkt. Schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen sind vor den israelischen Bomben geflohen, etwa 20 Prozent der Bevölkerung. In Bardscha, einer Ortschaft in den Hügeln 30 Kilometer südlich von Beirut, wurde eine Grundschule der SPL in eine Notunterkunft für 211 Vertriebene umfunktioniert – was nicht ausreicht. Mitarbeiter der Volkshilfe verbringen viel Zeit damit, herumzutelefonieren und Medikamente zu finden. Aufgrund der Inflation ist es unmöglich, den enormen Bedarf aus eigener Tasche zu decken, die Helfer verlassen sich daher auf Spenden aus dem Ausland und von Partnerorganisationen.
In der aktuellen Situation des Libanon, in dem Israel wie in Gaza zuvor straflos medizinisches Personal und andere Zivilisten tötet, ist eine breit aufgestellte, sozialistische Basisversorgung der Bevölkerung und dessen Verteidigung wichtiger denn je. Alle Beteiligten sind sich daher einig: »Wir machen weiter, trotz allem.«
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