Schule im Kriegszustand
Von Jara Nassar, Bardscha
Der Wagen quält sich die schmalen, steilen Straßen zur ehemaligen Grundschule in Bardscha hoch, einer Ortschaft etwa 30 Kilometer südlich von Beirut in den libanesischen Bergen. Sie liegt in einem Verwaltungsbezirk, der unmittelbar an das Gouvernement Südlibanon angrenzt, und ist deswegen Anlaufstelle für Zehntausende Menschen, die vor dem israelischen Flächenbombardement und der Bodeninvasion Richtung Norden fliehen. »Wir hatten mehr als 2.000 Anfragen, mussten den meisten aber absagen – wir können nur Leute aufnehmen, deren Familienmitglieder schon hier sind«, erklärt Adham Sajed, einer der Verantwortlichen für die Schule, die nun als Notunterkunft dient. 217 Menschen aus 55 Familien sind hier momentan in ehemaligen Klassenräumen untergebracht, und es werden mehr.
Die Schule war kurz nach Ende des 15jährigen Libanesischen Bürgerkriegs 1990 und noch mitten in der israelischen Besatzung des südlichen Libanon eröffnet worden. Geleitet wird sie von der Libanesischen Volkshilfe (Secours Populaire Libanais, SPL), einer sozialistischen Basisorganisation für medizinische Versorgung und soziale Entwicklung im Libanon. Während der Coronaepidemie musste die Schule schließen. Nun ist sie nach 2024 zum zweiten Mal zu einer Notunterkunft für Kriegsvertriebene umfunktioniert worden.
»2024 hatten wir hier etwa 130 Menschen, jetzt sind es fast doppelt so viele«, sagt Sajed. In den Zimmern liegen dünne Stoffmatratzen und dicke Decken. Hier oben ist es in diesem außergewöhnlich kühlen März deutlich kälter als an der Küste. Manche Zimmer sind mit improvisierten Vorhängen getrennt, um den Menschen eine Illusion von Privatsphäre zu bieten. Einige Familien haben Gaskocher und eine kleine Geschirrsammlung. Sie versuchen, es sich, so gut es geht, gemütlich zu machen. »Wir sind nachts von den Bomben aufgewacht und sind mit nichts als den Kleidern an unserem Leib geflohen«, erzählt eine ältere Frau aus der Nähe von Bint Dschubail an der libanesisch-israelischen Grenze. Israel hat in den vergangenen Wochen angekündigt, im Süden Libanons eine »Pufferzone« errichten zu wollen. In der Praxis würde das die permanente Vertreibung der lokalen Bevölkerung und Landraub bedeuten.
»Hier würde ich gerne einen Anbau machen, um vier weitere Badezimmer unterzubringen.« Sajed zeigt auf den hinteren Teil des Schulgebäudes. Momentan teilen sich alle Bewohner vier Badezimmer. An der Tür ist ein handschriftlicher Plan für die Duschzeiten angebracht. »Die Stromkosten werden uns umbringen.« Er zuckt mit den Schultern: »Aber was sollen wir machen?« Im Libanon läuft die staatliche Stromversorgung nur ein paar Stunden am Tag, ansonsten bedient man sich teurer privater Stromversorgung. Normalerweise könnte man sich danach richten, wann es den günstigeren staatlichen Strom gibt. Aber das ist angesichts der Zahl der Aufgenommenen gerade unmöglich.
Adham Sajed ist eigentlich Wirtschaftsprofessor an einer Universität in China. Er war gerade zu Besuch in seinem Heimatort Bardscha, als Israel seinen Angriffskrieg gegen Libanon am 2. März in vollem Umfang wiederaufnahm, nachdem es die vorhergehende Waffenruhe regelmäßig missachtet hatte. Seitdem wurden laut Gesundheitsministerium in Beirut mehr als 1.400 Libanesen getötet, darunter 126 Kinder. »Ich habe meiner Universität gesagt, dass ich hier gebraucht werde. Ich kann meine Leute nicht alleine lassen«, sagt Sajed. Er ist Mitglied in der Libanesischen Kommunistischen Partei, die im Süden des Landes stark vertreten ist. In Bardscha betreibt die LKP eine weitere Notunterkunft in einer Schule, in der mehr als 500 Vertriebene untergebracht sind. Außerdem kommen im Parteibüro 31 Leute unter. Parteizugehörigkeit ist für die Aufnahme nicht notwendig.
»Ich selbst schlafe hier in der Schule, in meinem Haus wohnen 14 Menschen aus dem Süden«, sagt Sajed. Bardscha hat etwa 35.000 Einwohner und laut Sajed seit Kriegsbeginn etwa 24.000 Vertriebene aufgenommen. In anderen Schulen und lokalen Zentren sind ebenfalls Schutzsuchende untergebracht. Im letzten Angriffskrieg Israels gegen den Libanon 2024 zählte die Ortschaft etwa 27.000 Vertriebene und wurde zweimal von Israel bombardiert. Mindestens 24 Menschen wurden dabei getötet, unter ihnen Kinder.
Neben den bei ihr Untergebrachten versorgt die Schule weitere Vertriebene vor Ort mit Lebensmitteln und Medizin. Im ehemaligen Sekretariat stellen Freiwillige der SPL Listen mit benötigten Medikamenten zusammen, sortieren Kleidungsspenden und organisieren die Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse. Mehr als 55 Freiwillige halten die Unterkunft am Laufen, einige von ihnen sind selbst Vertriebene. Kinder rennen jauchzend durch die Flure – aus denen Bildung und Schulunterricht durch eine Krise nach der anderen vertrieben wurden.
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