Matzes Lomographie
Mathias Döpfner hat Röntgenaugen. Was dem anderen Teil der Welt – dem, der nicht er ist – schwarz scheint, scheint ihm weiß. Und umgekehrt. Die USA bombardieren ein Land, das nicht eben zu den angenehmsten gehört. Auch der Iran allerdings genießt als Staat Souveränität, die nicht abhängt davon, was für Zustände dort herrschen. Wäre das anders, gäbe es gar keinen Grund mehr, internationale Verhältnisse überhaupt zu kodifizieren. Es träte eben der Naturzustand an den Tag, in dem Staaten ohnehin miteinander stehen.
Mit diesem Paradoxon hält sich ein Döpfner nicht auf. Er holt den gröbsten Hammer aus dem Kasten. Am Dienstag teilte er der Welt in der Welt seine Gedanken zum Krieg gegen den Iran mit. Mordsmutig die Hauptthese. Der Satz »Das ist nicht unser Krieg« sei »objektiv falsch«, »strategisch unklug« und unamerikanisch. Die Reaktionen »auf den amerikanischen Militäreinsatz im Iran werden immer unerträglicher«. Bei Döpfner haben selbst absolute Verneinungen Komparative. Egal, wie döpf, er ist döpfner. »Feierabendstrategen«, fährt er fort, als gehöre er nicht selbst zu dieser Gattung, »wissen dieser Tage genau, wie dumm und unüberlegt der Einsatz der Amerikaner im Iran ist«. Ganz anders, so Döpfners Meinung über Döpfner, seine eigene Prognose: Endlich versuche die amerikanische Regierung, »die Terrorherrschaft der Mullahs mit Waffengewalt zu schwächen«. Und wann hätte diese Sorte Regime-Change je geklappt? Militärische Interventionen führen praktisch nie zu Frieden und Stabilität, eher zu mehr Chaos und Vertiefung der Konflikte. Der Afghanistan-Krieg zum Beispiel hat grob gerechnete 180.000 Menschen das Leben gekostet, das Ergebnis ist bekannt.
Allein, Döpfner hat sich derart in der Pose des Besserbescheidwissers verloren, dass Evidenzen nicht mehr zählen. So schreibt er denn, und auch nicht eben durch Evidenzen gedeckt, von einer »Unterwanderung europäischer Gesellschaften durch islamistische Netzwerke«. Verschwörungsspinner sind natürlich immer die anderen. Dieses Aufblähen der Gefahr aus dem Orient aber dient, neben einer Exploitation im Zusammenhang bundesdeutscher Asyldebatten, der Verdrehung der globalen Kräfteverhältnisse. Das Zaudern europäischer Regierungen im Angesicht Trumpscher Impulsivität fasst Döpfner in den Worten zusammen: »Was den Westen zurückhält, ist die Angst vor dem Recht des Stärkeren.« Was nun gar keinen Sinn mehr hat, denn was immer gegen den Iran spricht, der Stärkere im globalen Konflikt sind die USA, sind die europäischen Staaten. (fb)
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