Ausgezeichnet
Von Felix Bartels
Preisverleihungen sind immer gleich. Johannes Rau eröffnet den Abend, in der ersten Reihe sitzt neben Vorjahrespreisträger Johannes Rau der diesjährig Designierte: Johannes Rau, aber er darf noch nicht auf die Bühne, weil erst mal Johannes Rau am Pult steht, die Laudatio auf Johannes Rau zu halten, während das Publikum, sämtlich bestehend aus Johannes Rau, der Heiligung zulauscht. So teilt Rau Rau über Rau mit, was für ein famoser Rau dieser Rau doch sei. Wenn die Parodie ihr Rau in Rau malt, ist eine Gestalt des Lebens Kalk geworden.
Anders in Göttingen. Hier regiert das Besondere, aber aus allgemeinen Gründen. Der Elch ist nicht Deutschlands wichtigster, er ist sein einziger Satirepreis. Ganz allein füllt er die Lücke, die dreißigtausend Hochliteraturpreise ihm nicht hinterlassen haben. Rattelschneck muss an diesem Platz nicht vorgestellt werden, er gehört zum Inventar. Für die junge Welt hat er schon gezeichnet, als es sie noch gar nicht gab. Präziser ist er Teil des Teils dieser Zeitung, der seit Jahrzehnten vorwegnimmt, was sie sein könnte. Eine linke Tageszeitung braucht Stand- und Spielbein, Aufschrei und Humor, Ernst und Leichtigkeit, Kampflinie und gedankliches Breitband. Nur Narren glauben, dass das jeweils erste reicht. Außer die echten Narren, die wissen das natürlich genau.
Womit wir bei den Elchen sind. Ich schreibe hier »Rattelschneck«, obwohl er eigentlich zu zweit ist. Markus Weimer (nicht verwandt oder verschwägert mit dem berüchtigten Kulturvernichter) und Olav Westphalen (nicht verwandt oder verschwägert mit Frau Marx) ließen sich am Sonntag Punkt 11 im Deutschen Theater Göttingen nieder, ihrer Initiation beizuwohnen. Ebenfalls anwesend ein Sack voll Altelche: Knorr, Hurzlmeier, Sowa, Rösinger. Nala Tessloff sang, als hätte sie Apollon ihre Seele verkauft, Anouk Schöllähn moderierte so spritzig wie ein gut gezapfter Crémant, Vorjahresneuelchin Rösinger gab ihr Grußwort in Melodie, Ulrike Sterblich laudierte, Göttingens Bürgermeisterin Petra Broistedt war auch von der schnellen Sorte. Irgendwann mussten die Rattelschnecken auf die Bühne, unzweifelhafter Höhepunkt: eine Lesung ihrer Cartoons. Knappe 70 Minuten lang heiter bis zotig, jeder, aber auch jeder Witz zündete. Loben macht gar keinen Spaß, aber die Leute da lassen einem keine andere Wahl.
Fachkräfte für Humor verkörpern eigentlich weniger jenes Verhältnis von Stand- und Spielbein selbst. Ihr Akzent liegt auf letzterem, sie wirken als Korrektiv in einer allzu bitteren Welt. Rattelschneck demnach als Korrektivkollektiv.
Humor ist eine Erlaubnis. Lachen eine körperliche Reaktion auf Gegenstände des Geistes. Leiblich impulsiv, nicht geplant und bestenfalls nachträglich reflektiert. Für einen kurzen Moment gestatten wir uns, Freud schrieb darüber, wieder Kinder zu sein, noch einmal jene urwüchsige Heiterkeit zu fühlen, die nur möglich ist, wo die Pflicht, dass alles Sinn ergeben muss, alles anständig sein soll, noch nicht alles überlagert. Lachen ist Entlastung. Allein, das Leben in seiner verwickelten und stets paradoxen Natur besorgt, dass in der lachenden Befreiung vom Sinnergebenmüssen, ein Sinn liegen kann. Dieser Sinn kann sehr vordergründig sein, wie beim politischen Kabarett, oder subkutan, wie beim Nonsens, der ja als Haltung auch schon wieder einen Sinn hat. Er kann aber auch dazwischen liegen, weder plakativ noch gesetzter Nichtsinn sein. Und eben in dieser Zone bewegen die Rattelschnecken sich mit ihren Cartoons. Das ist, wofür wir sie lieben und wofür sie von einer kleineren, doch lautstarken Zelotenschar gehasst werden.
Diese durch und durch charmanten, heiteren, im äußersten Fall liebevoll boshaften, diesen gestischen Charakter auch im grob-flüchtigen Duktus spiegelnden Zeichenstorys polarisieren durchaus. Vielleicht lässt die Abneigung sich genau aus der Stärke des Duos erklären. Rattelschneck sprechen einen hintersinnigen Humor an, der ohne Sensibilität, Lebenserfahrung und Sinn fürs Paradoxe nicht zu haben ist. Die unmittelbare Wirkung ist Ratlosigkeit. Der Rattelschneck als Banane: reift beim Kunden. Und manchmal gar nicht. Zur Reife nämlich gehört auch, über einen Witz lachen zu können, den man nicht ganz versteht. Der sich vielleicht grundsätzlich einer Erklärung entzieht.
Die Welt kann von vielen Seiten angeeignet werden. Durch Wissenschaft, politische Tat, religiöse Besinnung, philosophischen Weitblick oder vermittelt der Künste. Humor kann als eigene Welthaltung, eigene Form der Kommunikation betrachtet werden, in der nicht zählt, was sonst zählt. Rattelschneck beherrschen eine Sprache, deren Grammatik nie vollends wird entschlüsselt werden können.
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