junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Donnerstag, 26. März 2026, Nr. 72
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 26.03.2026, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

jW_Leserbriefe_Standart.jpg

Habermas avec Abendroth

Zu jW vom 16.3.: »Die Linke verabschiedet Habermas. Eine Lektüreempfehlung«

Die Bedeutung von Jürgen Habermas als Public Intellectual internationalen Ranges lässt sich nur ermessen, wenn man die Rolle von Wolfgang Abendroth als Förderer seiner späteren Karriere hervorhebt. In fast allen Nachrufen wird diese Verbindung unterschlagen. Der junge Habermas hatte sich in Frankfurt am Main als Assistent Adornos wohlwollend mit Karl Marx beschäftigt. Max Horkheimer, graue Eminenz der »­Frankfurter Schule«, behagte weder der Rückgriff auf die eigenen materialistischen Anfänge als Institutsdirektor des alten »Instituts für Sozialforschung« noch die »antiantikommunistische« Einstellung und die friedenspolitische Aktivität des ­Adorno-Assistenten. Auf Druck Horkheimers entließ Adorno Habermas und vermachte ihm ein DFG-Stipendium, der nach langem Suchen bei den Soziologen A. Bergstraesser, H. Plessner, W. E. Mühlmann und H. Schelsky nur beim einzigen Marxisten der Republik, Wolfgang Abendroth, Unterstützung für seine Habilitation fand. Habermas selbst hat diese Dankbarkeit in zwei herausragenden Artikeln 1966 (»Der Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer«) und 2006 (»Der Hermann Heller der Bundesrepublik«) bezeugt.

Ohne die außerordentliche Klugheit des wissenschaftlichen Politikers Abendroth wäre Jürgen Habermas nicht habilitiert worden, hätte möglicherweise die Karriere als Philosoph und Soziologe mit Weltruf nie einschlagen können, sondern wäre Journalist oder Publizist geworden. Was ­Abendroth im damals äußerst konservativen Marburg – mit einer Dominanz der Korporationen und der Juristischen Fakultät – zustande brachte, wäre um ein Haar gescheitert: Die Habilitationsschrift »Der Strukturwandel der Öffentlichkeit« wurde 1962 veröffentlicht, mit den Paragraphen 13 und 14, die den Philosophen K. Reich und J. Ebbinghaus ein Dorn im Auge waren, weshalb sie im Habilitationsverfahren nicht vorgelegt werden durften.

Inhaltlich war die Habilitationsschrift von Abendroths Sozialstaatsinterpretation stark beeinflusst, und zwar unter dem Gesichtspunkt der sozialstaatlichen Transformation des bürgerlich-­liberalen Rechtsstaates, bei Abendroth in Richtung auf einen legalen Weg zur sozialistischen Demokratie. Dass Habermas sich dann auf einen anderen Weg – die Theorie des kommunikativen Handelns (1981) – begeben hat, der für bestimmte Bereiche innovativ ist, aber die Politische Ökonomie des Kapitalismus in der Marxschen Traditionslinie ausgeblendet hat, steht auf einem anderen Blatt.

Der gegenwärtige Kapitalismus zeigt auf erschreckende Weise, dass seine systemischen Fehlbildungen die »Kolonialisierung der Lebenswelt« nahezu total im Griff hat. Diese offenkundigen Defizite im Werk von Jürgen Habermas schmälern nicht seine vielen Verdienste als öffentlicher Intellektueller: im Positivismusstreit der 1960er Jahre und der Systemtheoriedebatte mit N. Luhmann, in den Debatten um die »Legitimitationsprobleme des Spätkapitalismus« (1973), im Historikerstreit der 1980er Jahre, die Kontroversen um die Vereinigung der beiden deutschen Staaten (»DM-Nationalismus«) bis zum Ukraine-Krieg. Bei aller berechtigten Kritik an seiner Unterstützung des Jugoslawien-Krieges gehört der ältere Habermas zu den besonnenen Stimmen in der Frage des Ukraine-Krieges, der in der sonst ziemlich auf »Kriegstüchtigkeit« orientierten Süddeutschen Zeitung am 15. Februar 2023 den »bellizistischen Tenor einer geballten veröffentlichten Meinung« geißelte. Die Unterschiede zu einem der schlimmsten intellektuellen Bellizisten unserer Tage, Herfried ­Münkler, sind offenkundig. Unter anderem deshalb wird den meisten von uns seine Stimme fehlen.

Gerhard Schäfer (Sozialwissenschaftler aus der »Marburger Schule«), per E-Mail

Müllers Steuerprüfung

Zu jW vom 18.3.: »Chefmelker«

Arnold Schölzel und Roland Winkler in seinem Leserbrief haben ein hübsches Detail zum Thema Vaterlandsliebe bei Milliardären und ihrer AfD ausgespart, das vor gut zwanzig Jahren großes Thema war: Theo Müller als Steuerflüchtling. Er hatte seinen Wohnsitz 2003 in die Schweiz verlegt, um Erbschaftssteuer zu sparen, und zeitgleich auch die Müller-Holding dort gegründet – aus nämlichem Grunde. Aber – natürlich – kassierte Müller weiterhin Subventionen vom deutschen Steuerzahler: Alleine für den Betrieb im sächsischen Leppersdorf flossen 70 Millionen Euro. Offensichtlich für das »Gesamtwerk« gab es dann 2021 – von Ministerpräsident Kretschmer persönlich überreicht – den Sächsischen Verdienstorden. In einem Fünfsternehotel in der Schweiz, versteht sich.

Peter Tiedke, Golzow

Lust am Untergang

Zu jW vom 23.3.: »Festhalten am Formelkompromiss«

»Der heute real existierende Zionismus«: Diese Formulierung spielt bewusst auf den bekannten »real existierenden Sozialismus« an. Von dem kann man sich distanzieren, ohne damit dem Sozialismus prinzipiell die Berechtigung abzusprechen. Ebensowenig kann also aus der Rede vom »real existierenden Zionismus« – der ja spätestens seit dem Gazakrieg deutlich von der prinzipiellen Idee des Zionismus unterscheidbar ist – auf Antizionismus oder gar Antisemitismus geschlossen werden. Meines Wissens hat sich auch außerhalb der Partei Die Linke niemand über den Ausdruck beschwert, jedenfalls sind mir keine Berichte darüber bekannt. Dieses Thema aufzugreifen und öffentlich hochzukochen war also ein Beschluss, der innerhalb der Partei Die Linke ohne Not gefasst wurde. Wozu? So, wie es jetzt debattiert wird, kann man es drehen und wenden, wie man will: Es lässt sich immer der Partei Die Linke ein Vorwurf daraus machen. Ist diese Partei mittlerweile von einer Art Lust am Untergang beseelt?

Rudolf Netzsch, Pöcking

Ohne die außerordentliche Klugheit des wissenschaftlichen Politikers Abendroth wäre Jürgen Habermas nicht habilitiert worden, hätte möglicherweise die Karriere als Philosoph und Soziologe mit Weltruf nie einschlagen können.

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.