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Aus: Ausgabe vom 26.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Sauhaxlsuppe und Gedächtnis

Dieter Sperls Prosa zwischen Festhalten und Weglassen
Von Florian Neuner
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»Das Gefühl, von einem Schneeball getroffen worden zu sein« – Dieter Sperl

Textblöcke, oft nur wenige Zeilen kurz, manchmal eine halbe Seite lang, selten länger, getrennt durch Leerzeilen. Alle ungefähr zehn Seiten unterbrechen Schwarzweißfotos die Abfolge der Fragmente, Bilder von Landschaften, Details, teils grobkörnig und verwischt, sich dem Betrachter entziehend. Dieter Sperls Prosa präsentiert sich auf den Buchseiten von »Vom Festhalten und Loslassen der Welt in Jahreszeiten« wie eine Sammlung von Notaten oder Aphorismen, wie das Arbeitsjournal eines Schriftstellers, der Einfälle und Gedanken festhält, Traumberichte, Beobachtungen und Dialogfetzen. Das tut Sperl auch, wenn er etwa die Beobachtung notiert, dass in den Wartezimmern niemand mehr Bücher liest, oder feststellt, dass früher mehr Menschen bei den Fenstern hinausgeschaut hätten als heute. Oder: »Das Gefühl, von einem Schneeball getroffen worden zu sein.«

Und doch ist das Buch keine bloße Materialsammlung, mit der ein Autor die Entstehung seiner »eigentlichen« Werke vorbereiten und flankieren würde. Diese Sammlung aus Notaten und Erinnerungsfragmenten, zwischen denen sich immer wieder auch »Erzählinseln« (Zsuzsanna Gahse) und poetologische Erwägungen finden, erweist sich als sorgsam komponiertes Mosaik, das nicht zuletzt auch von den Aussparungen lebt. Wo der Autor Raum lässt, an welchem Punkt er einen Gedanken nicht weiter ausführt oder eine sich andeutende Handlung nicht weiter verfolgt, das ist ein ganz entscheidendes Merkmal dieser Prosa, die sich in der Spannung zwischen »Festhalten und Loslassen« bewegt. Den poetologischen Kerngedanken formuliert Sperl so: »Im Wechselspiel von Festhalten und Loslassen bewegen wir uns, und so verstehe ich auch mein Schreiben und Leben.« Poesie ereignet sich »zwischen Entstehen und Vergehen von Bedeutung«.

Dieter Sperl, aufgewachsen im steirischen Murtal und heute wohnhaft in Wien, wo er seit 2012 auch die Flugschrift, ein Hybrid zwischen Literaturzeitschrift und Plakatkunst, herausgibt, beschäftigt sich, wie das nicht wenige Autoren tun, mit seiner Herkunft, Kindheit, Jugend, mit der sein Aufwachsen begleitenden Popularkultur usf. Aber er zwingt dieses Erzählanliegen nicht in das Korsett einer linearen Handlung und langweilt seine Leser nicht mit der abgestandenen Form des Romans. Und er weiß natürlich, dass seine Biographie, sein Heranwachsen in der österreichischen Provinz der 1970er und 80er Jahre, kontingent ist wie jede denkbare andere: »Was ich an einem Buch interessant finde, ist nicht der Inhalt, sondern das Wie des Erzähltseins, also die Form, in der etwas erscheint.« Er weiß auch: »Ereignisse vergilben. Verwildern. Lösen sich auf. Verschwinden. Langsam. Immer schneller.« Sich dem gewaltsam entgegenzustellen ist nicht das Anliegen des neuen Bandes.

»Wenn ich schreibe, habe ich keine Idee davon, was ich schreibe.« Bekennt oder behauptet Dieter Sperl an einer Stelle. Man kann, muss aber nicht mitdenken, dass seine Poetologie auch vom Zen-Buddhismus beeinflusst ist: »Der Ankerpunkt meines Schreibens ist der Null-Punkt, den weder Worte noch Gedanken erreichen, denn alles feiert dort seinen Ursprung: Moment für Moment.« Sperls Schreiben bewegt sich in der Spannung zwischen dem Festhalten und dem Weglassen, immer bestrebt, den »Jetzt-Geist wirken« zu lassen. Mit manchen Notaten geht er bis an die äußerste Grenze der Reduktion, lässt nur noch nackte Begriffe stehen, stellt ihren Bedeutungshof aus und schafft Raum für Assoziationen. »Januarregen und Schnapsdrossel« lesen wir an einer Stelle. Oder: »Halbschuhe, Fliegerhorstsiedlung. Saftwasser.« In einem Abschnitt wiederum heißt es: »Und Sätze, an denen alles stimmt, bedeuten nichts, denke ich. Irgendwo bei Lind. Was dort geschah, weiß ich nicht.«

Ephemeres, Beobachtungen, aus den Medien herangewehte Informationen wie die Geschichte von dem Belugawal, der der Spionage für Russland bezichtigt wird, stehen gleichwertig neben der Einschätzung, in welchem der ortsansässigen Gasthäuser die Klachl- oder Sauhaxlsuppe, jene bemerkenswerte steirische Spezialität mit Schweinshaxe als Suppeneinlage, am besten geschmeckt habe. Dialektzitate verorten die Handlungsfragmente in der Obersteiermark, ein wiederkehrendes Motiv ist das Zusammensein mit dem alten Vater, in dessen Wohnhaus es ruhig geworden ist, seit die meisten Männer gestorben sind. Dann wieder ein Fundstück: »Eine Familie aus dem Bezirk Mattersburg fiel dieser Tage aus allen Wolken.« Wo der Autor diese Formulierung aufgeschnappt hat, wird nicht weiter ausgeführt, darauf folgt die Zeile: »Er sagt: ›Sunst no wos!‹«

Das Buch beginnt und endet mit verpassten Augenblicken: Vater und Sohn bringen Tante Gerti die »besten Krapfen der Steiermark« aus der Konditorei Brandl ins Altersheim und warten vergeblich darauf, von ihr einen Krapfen angeboten zu bekommen. Als sie bei der Rückfahrt noch einmal bei der Konditorei vorbeifahren, hat diese bereits geschlossen. Und es endet mit einer Begebenheit im Café Lugmayr zu Knittelfeld: Eine Evelyn wählt in der Jukebox den Song »Words don’t come easy to me, how can I find a way to make you see I love you …« Der Erzähler reagiert nicht, und irgendwann steht Evelyn auf und geht: »Der Moment, in dem du dir selbst begegnest, als sie aufsteht und du sitzenbleibst. Jahrzehnte später sitzt du immer noch da.«

Dieter Sperl: Vom Festhalten und Loslassen der Welt in Jahreszeiten. Ritter-Verlag, Klagenfurt 2026, 144 Seiten, 21 Euro

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