Was hat sich im Kampf um die Rechte der Dalit bewegt?
Interview: Thomas Berger, Kathmandu
Die Dalit Welfare Organization, kurz DWO, setzt sich seit 1994 für die in Nepal oft diskriminierte Bevölkerungsgruppe der Dalit ein. Diese steht im hinduistischen Kastensystem auf der untersten Stufe. Was hat sich seither verändert?
Tanka Bahadur Bishwakarma: Diskriminierung und Exklusion beginnen schon beim Bildungszugang. Auch die Einkommensungerechtigkeiten sind noch enorm, obwohl es zweifellos Verbesserungen gegeben hat. Es geht uns darum, kastenbasierte Gewalt zunächst als solche klar einzuordnen, aber auch Menschen zu mobilisieren. Da haben wir insbesondere in der Anfangszeit ganz viel Aufklärung betreiben müssen. Es gibt dafür ein Fernsehprogramm in Zusammenarbeit mit der Regierung und im Westen Nepals auch Radiostationen. Ein Stipendienprogramm für Dalit-Kinder soll den Bildungszugang verbessern.
Die Regierung geht also gegen die Diskriminierung vor?
T. B. B.: Die Verfassung hat seit 2008 kastenbasierte Diskriminierung formell abgeschafft, mit einem Gesetz wurde diese 2011 sogar unter Strafe gestellt. Durch solche Schritte hat die direkte Diskriminierung abgenommen. Dennoch hat die Regierung das in der Praxis noch immer nicht voll umgesetzt. Dalits sind noch immer in viele Entscheidungen nicht wirklich involviert. Anders als früher ist es leichter geworden, offen die Stimme für seine Rechte zu erheben.
Ganesh Kaliraj: Wenn wir uns nicht hörbar machen, passiert nichts. Ein sehr wichtiges Feld ist die Bildung. So haben wir uns dafür eingesetzt, dass Dalit-Jugendliche etwa Medizin studieren oder Lehrer werden. Wir geben regelmäßig Berichte heraus, um Fortschritte ebenso wie fortbestehende Mängel publik zu machen.
Wie unterscheidet sich die Lage in den Städten von der in den vielen ländlichen Gebieten?
T. B. B.: Beträchtlich. Zwar werden Dalits auch im Kathmandu-Tal noch diskriminiert. Etwa wenn man wegen eines Nachnamens, der auf diese Herkunft schließen lässt, bei der Wohnungssuche abgewiesen wird. Dennoch sind die Probleme auf dem Land größer, wenn Dalits von Tempeln und bestimmten Schulprogrammen ausgeschlossen werden. Es gibt einige Gebiete wie die Karnali-Provinz, eine ehemalige maoistische Hochburg, wo sich schon vieles bewegt hat. Doch in anderen Gegenden bleibt die Lage ernst. Dass die Dalit-Beteiligung an Entscheidungsgremien minimal bis nichtexistent ist, von der lokalen bis zur Provinzebene, lässt sich im Grunde über alle Gebiete außerhalb von Kathmandu sagen.
Der Bildungszugang ist gerade in Westnepal sehr gering und die Armut ein weiterer Grund für eine hohe Analphabetenrate. Viele Dalit-Jugendliche gehen deshalb als Tagelöhner nach Indien, um wenigstens etwas Einkommen zu haben. Vor Ort gibt es kaum Jobperspektiven. Dalits gehören auch im Gebirge zu 23 Prozent und im Terai-Tiefland zu 44 Prozent weit überproportional zu den Landlosen. Die Lebenserwartung liegt bei 58 Jahren gegenüber dem nationalen Schnitt von 71.
Bishni, Sie sind eine junge Dalit aus dem abgelegenen Jajarkot. Wie sieht die Lage dort speziell für die Jugend aus?
Bishni BK: Mein Bruder arbeitet zum Beispiel als Lehrer und wurde von einem Kollegen angegriffen, der aus einer höheren Kaste stammt. Wir haben da aber einen Prozess angestrengt und auf die Verfassung Bezug genommen. Der Fall liegt jetzt bei der Lokalverwaltung. Auch bei uns jungen Dalits hatte es bei der Gen-Z-Bewegung im September 2025 große Erwartungen gegeben. Wir hoffen für die Gebiete weit entfernt von der Hauptstadt auf Veränderungen. Ländliche Gebiete sind noch stark abgehängt, kommen im Bewusstsein vieler Politiker gar nicht vor. Gerade an Jobs für die Jugend besteht großer Mangel.
G. K.: Ein Grundproblem ist auch, dass die Politik generell sehr stark in Fünfjahreszeiträumen von Wahl zu Wahl denkt. Da fehlt es stark an langfristigen Konzepten, um alte Strukturen nachhaltig aufzubrechen. Insofern bleibt uns nur, kämpferisch zu bleiben und gerade die Erwartungen der Jugend noch stärker mit dem Einsatz für Dalit-Rechte zu verbinden.
Tanka Bahadur Bishwakarma und Ganesh Kaliraj sind Leiter der Dalit Welfare Organization (DWO). Bishni BK ist eine junge Mitarbeiterin in deren Zentrale in Kathmandu
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