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20.03.2026
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Unterversorgt und hilflos
Paritätischer Gesamtverband: Hunderttausende Bedürftige erhalten in Deutschland keine gesetzliche »Hilfe zur Pflege«
Der Teller mit dem klumpigen Haferbrei steht noch auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel mit abgewetztem Polster. Der Tee ist längst kalt geworden. Ihr fehlt die Kraft, selbst Löffel und Tasse zu heben. Die Decke, die sie sich über die Knie gelegt hatte, riecht nach Urin. Niemand fand Zeit für frische Wäsche. Die Augäpfel liegen tief in ihren Augenhöhlen, die Mundränder sind rissig und trocken, die Haare kleben an Stirn und Nacken. So ergeht es Hunderttausenden armen und pflegebedürftigen Menschen in häuslicher Pflege in Deutschland. Sie sind chronisch unterversorgt, obwohl sie Anspruch auf »Hilfe zur Pflege« seitens der Sozialämter haben, berichtete die Frankfurter Rundschau am Donnerstag.
Der Bericht stützt sich auf eine gleichentags veröffentlichte Studie des Paritätischen Gesamtverbandes – Titel: »Hilfe, die nicht ankommt: Armut in der häuslichen Pflege«. Demnach werden rund 4,9 Millionen Menschen hierzulande ambulant gepflegt. Etwa 390.000 von ihnen hätten Anrecht auf die Sozialleistung »Hilfe zur Pflege«, weil Einkommen, Vermögen und Pflegeversicherung ihre Bedarfe nicht decken. Tatsächlich erhalten jedoch nur 76.000 diese Unterstützung. Damit belegt die neue Studie, dass im Bundesschnitt nur einer von fünf Armutsbetroffenen in häuslicher Pflege die Hilfe bekommt, die ihr oder ihm zusteht. Zahlen, die laut Paritätischem mittels Modellrechnungen von Daten des Statistischen Bundesamtes zur Grundsicherung ermittelt wurden.
Der Verband spricht von verdeckter Pflegearmut. Die Studienmacher zeigten, »dass finanzielle Hilfe in der häuslichen Pflege erschreckend oft ausbleibt – obwohl sie dringend gebraucht wird und rechtlich vorgesehen ist«, wurde der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, Joachim Rock, am Donnerstag in einer Mitteilung zitiert. Bund und Länder müssten endlich Armutsbetroffene in der ambulanten Pflege in den Blick nehmen und die Ursachen bekämpfen.
Neben mangelndem Wissen, Schamgefühlen und fehlender Beratung tragen auch die uneinheitlichen Verwaltungspraxen der zuständigen Sozialämter maßgeblich zu der in der Studie aufgezeigten Unterversorgung bei, erklärt der Verband. Diese Unterschiede führen nicht nur zu erheblichen regionalen Ungleichheiten, sondern erschweren Betroffenen oft den Zugang zu berechtigten gesetzlichen Leistungen.
Diese regionalen Differenzen sind eklatant: Im Saarland nutzt nur etwa jede zehnte zu Hause gepflegte Person die zustehende Unterstützung, in Sachsen-Anhalt bereits jede fünfte – und in Hamburg sogar mehr als jede dritte. Rock: »Der Wohnort entscheidet derzeit darüber, wie gut Pflegebedürftige zu Hause unterstützt werden. Das ist schlicht ungerecht. Gute Pflege muss überall möglich sein – unabhängig von der Postleitzahl.«
Der Paritätische warnt: Ohne eine konsequente Umsetzung der gesetzlichen Ansprüche auf Hilfe zur Pflege droht die Armut Pflegebedürftiger sich weiter zu verschärfen – und die Qualität der Versorgung bleibt abhängig vom Wohnort. Für den Verband ist das ein unhaltbarer Zustand.
Um das Pflegesystem aus der Dauerkrise zu holen, fordert der Verband eine solidarische Pflegevollversicherung. Dahinter steht ein einfaches Prinzip: Alle zahlen entsprechend ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit ein, und die Versicherung übernimmt im Pflegefall sämtliche notwendigen Kosten – sowohl ambulant als auch stationär. Eigenanteile, die heute viele Betroffene in die Armut treiben, würden damit deutlich sinken oder ganz entfallen. Kurz gesagt: weg vom Flickenteppich aus Teilkaskoleistungen, hin zu einem System, das Pflegebedürftigkeit nicht länger zum Armutsrisiko macht.
Ein Risiko, das immer mehr betrifft: auch pflegende Angehörige. Nach Angaben des unlängst vorgelegten DAK-Pflegereports kümmern sich etwa 16,6 Millionen Menschen in Deutschland informell um Pflegebedürftige. Wer Angehörige zu Hause pflegt, zahlt dafür oft einen hohen Preis: verkürzte Erwerbsarbeitszeit, geringeres Einkommen und mitunter existenzielle finanzielle Folgen.
Doch während Millionen Angehörige versuchen, Systemlücken mit eigener Kraft zu schließen, bleibt die Realität für viele arme Pflegebedürftige beim alten – und das bedeutet: Niemand hat Zeit, niemand hilft. Der Rollator steht im Türrahmen, zu weit weg, um ihn zu erreichen.
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