Bürgerlicher Denker des Tages: Matthias Müller
Von Nico Popp
Die Kapazität einer Person, Urteile auf der Linie »das ist ja wie in der DDR« zu formulieren, ist ein zuverlässiger Maßstab für die eingetretene intellektuelle Verwahrlosung. In einer Ausbeutungsordnung, in der exakt nichts so ist wie in der DDR, ist die Bereitschaft, sich die Gegenwart als Vorschein einer »DDR 2.0« zu übersetzen, vor allem Beleg für die Reichweite jener Deutungsindustrie, die den Anlauf zu einer sozialistischen Alternative in Deutschland zum schlechthin unmöglichen Zustand erklärt hat.
Die Sache hat auch eine instrumentelle Seite. Es ist eine Technik des regressiven Neoliberalismus, den eingerichteten, von der Eigentümerklasse für unbefriedigend erklärten Zustand des Kapitalismus zum Beinahesozialismus zu erklären. Das funktioniert, wenn die Begriffslosigkeit des Publikums solche Manöver erlaubt.
Einer, der den Hebel hier ansetzt, ist der ehemalige VW-Chef Matthias Müller, der neuerdings in einer »Denkfabrik für neue bürgerliche Politik« namens »Republik 21« durchstartet. Der in Sachsen geborene Sohn eines Angestellten der Auto-Union, der nach festgestellter Unverträglichkeit mit dem sozialistischen Aufbau 1955 nach Bayern übersiedelte, hat jetzt dem Portal T-online bestätigt, dass er das Land auf der schiefen Bahn sieht: »Leider ja. Ich fürchte, wir sind auf dem Weg zu einer DDR 2.0.« Wieso denn? Na: »Vollkaskostaat«! Dazu ein »Volk von Egoisten, bei dem Gemeinnützigkeit keine große Rolle mehr spielt« – wer denkt da nicht an die DDR.
Wer kann, da Lindner, »Gesicht der FDP und Vertreter des liberalen Bürgertums«, »hinausgebissen« worden ist, noch helfen? Es ist »notwendig«, mit der AfD »zu reden« – da sind doch auch »ganz normale Menschen« drin. Für die Union, erläutert Müller, wird diese Frage »spätestens in drei Jahren« auch auf Bundesebene stehen. Mit der AfD gegen die DDR 2.0 – wenigstens die deutschen »Denkfabriken« sind konkurrenzfähig.
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