Herr und Magd
Von Stefan Ripplinger
Meistens suchen Theorie und Praxis einander tastend wie Blinde. Aber es gibt auch Gebiete, auf denen sie kaum voneinander zu trennen sind. Zu ihnen zählen der Feminismus und der Antirassismus. Sobald sich irgendwer zum Feminismus äußert, ist es schon nicht mehr gleichgültig, was für eine Person das ist, die da spricht, noch welchem »Geschlecht« sie angehört oder wie sie lebt. Mag die Erfüllung der Utopie auf übermorgen verschoben sein, das Geschlechterverhältnis besteht bereits heute.
Deshalb gibt es nicht nur unendlich viele feministische Theorien, deshalb berühren sie auch die Praxis aller. Ja, es lässt sich bereits über die Geschichte dieser Theorien streiten, insbesondere darüber, wie sie einzuteilen wären. Eine Gruppe von französischen Forscherinnen und Forschern unter der Leitung der Philosophin Camille Froidevaux-Metterie (geboren 1968) hat sich nun in einem wahren Backstein von einem Handbuch eine Einteilung ausgedacht, die Widerspruch hervorrufen wird.
Gewöhnlich wird von drei »Wellen« des Feminismus gesprochen – gemeint sind drei Etappen, wobei sich die erste etwa von der historischen Aufklärung bis zu den Suffragetten erstreckt, die zweite die bürgerlichen Anerkennungskämpfe nach dem Zweiten Weltkrieg umfasst und die dritte mit den Revolten nach 1968 einsetzt. Froidevaux-Metterie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter dagegen kennen nur zwei Wellen: Die erste beginnt im Mittelalter und läuft im späten 19. Jahrhundert aus, die zweite schäumt um 1970 hoch, als allenthalben die Revolution ausgerufen wird.
Diese Genealogie klingt nicht nur verdächtig nach einem Muttermord an Simone de Beauvoir (1908–1986), sondern stutzt auch die lange Geschichte des feministischen Sozialismus und Anarchismus. Zwar kommen in dem Band als Vorkämpferinnen die Bolschewistin Alexandra Kollontai (1872–1952) und die Anarchistinnen Emma Goldman (1869–1940) und Madeleine Pelletier (1874–1939) vor, August Bebels »Die Frau und der Sozialismus« (1879) aber wird nicht erwähnt. Das Leben der Frauen in Sowjetunion und Ostblock bleibt ausgeblendet.
Erfahrung des Körpers
Immerhin, Beauvoir ist noch an Bord, wenn sie auch nicht mehr auf der Kommandobrücke steht. Von den 130 Artikeln, die das Team um Froidevaux-Metterie zusammengetragen hat, beschäftigen sich gleich mehrere mit Beauvoir. Sie erscheint hier zwar nicht als Integrationsfigur einer Bewegung, aber immerhin noch als Phänomenologin, die unter anderem das Erfahren und Denken des (weiblichen) Körpers in den Mittelpunkt gestellt hat. Wer den Paradigmenwechsel, den die feministische Praxis dank Beauvoir vollzogen hat, mit wenigen Worten erfassen wollte, müsste von »Anti-Naturalismus« und vor allem von der »Erfahrung des Körpers« sprechen.
Das Subjekt der bürgerlichen Philosophie ist autonom, männlich, unkörperlich. René Descartes erklärte: »Ich denke, also bin ich.« Aus Beauvoirs Perspektive ist das Subjekt kein überzeitliches, abstraktes und isoliertes »Ich denke«, sondern ein historisches, verkörpertes und mit anderen verbundenes »Ich kann«. Die Formulierung schleppt einige Probleme mit, die der frühe Existentialismus aufgeworfen hat, insbesondere eine zu optimistische Auffassung von Freiheit. Doch die Richtung stimmt bereits: Feminismus ist eine historische Praxis, sie hängt wesentlich von dem ab, was Jahrzehnte später »Standpunkt« genannt werden soll (die »standpoint theory«), und sie kann weder von persönlicher und überpersönlicher Erfahrung noch vom Körper abstrahieren.
Bereits an dieser Stelle lässt sich sagen, an welchem Leitstern sich im Gegensatz dazu der bürgerlich-liberale Feminismus orientiert: an der Gleichheit. Gleichheit ist ein unhistorisches, formales Prinzip, das sich, wie Friedrich Engels spottete, lediglich für »systemfabrizierende Flachköpfe« eignet (»Anti-Dühring«, 1877). Das wird belegt von einer frappierenden Passage des Sammelbandes über die Französische Revolution, welche bekanntlich neben Freiheit und Brüderlichkeit auch die Gleichheit propagiert hat.
Der Revolutionär Pierre Guyomar sah 1793 die Demokratie in Gefahr, wenn Frauen nicht stärker an der Macht beteiligt würden. Aber er stand mit dieser Ansicht allein auf weiter Patriarchenflur. Derweil gingen die Jakobiner brachial gegen Aktivistinnen vor, die »die Natur geopfert haben, als sie sich über sie stellen wollten«. Unter anderem mit dieser Begründung schickten sie die Frauenrechtlerinnen Olympe de Gouges und Manon Roland aufs Schafott. Frauenvereine wurden geschlossen, ja, ab 1795 war es verboten, dass sich mehr als fünf Frauen auf der Straße versammeln.
Die Revolutionäre bedienten sich also des auch bei Reaktionären beliebten Mittels, mit einer »natürlichen« Differenz politische Gleichheit auszuhebeln. Der dialektische Gegensatz von Gleichheit und Differenz wird in der Geschichte des Feminismus auch unter dem Begriffspaar »Partikularismus« und »Universalismus« wiederkehren. Bereits 1866 kritisierte die schwarze Dichterin und Aktivistin Frances Harper (1825–1911), dass die weißen Frauen nicht »universalistisch« für alle einstehen könnten. Gerade die bürgerliche Suffragettenbewegung aber forderte häufig ein Wahlrecht lediglich für ihre Klientel. So wollte etwa die Bürgerrechtlerin Elizabeth Cady Stanton (1815–1902) nicht nur schwarzen Männern das Wahlrecht verweigern, sie empfahl auch, lediglich gebildete Personen zur Wahl zuzulassen (»educated suffrage«). Und wie sich in den letzten Jahrzehnten dank der postkolonialen Forschung erwiesen hat, verbirgt sich hinter der »Gleichheit« oder dem »Universalismus« nicht selten das angemaßte Recht einer hegemonialen Macht, die durchaus auch von europäischen Frauen ausgeübt werden kann. Weiße Frauen, so spottete die indische Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak (geboren 1942), sähen es als ihre heilige Mission, sie müssten »dunkelhäutige Frauen aus den Klauen dunkelhäutiger Männer retten«.
Trotz der aufkommenden Suffragettenbewegung waren bis ins 19. Jahrhundert konkrete politische Forderungen von Frauen relativ selten. Lange Zeit ließ sich nur die »feminine« Position beobachten, die einforderte, dass Frauen als Frauen sprechen. Die heute auf »Anerkennung« orientierte liberale Philosophie steht noch immer in dieser Tradition. Schließlich bildete sich aber auch eine feministische Bewegung im strengen Sinn aus, die weibliche Praxis im Rahmen einer umfassenden Vergesellschaftung angeht: die »Frau« als wesentliche Funktion, mitunter sogar als Effekt der kapitalistischen Reproduktion und Ausbeutung.
Es hat Vor- und Nachteile, die Geschichte so einzuteilen. Zu den Vorteilen zählt, dass sie nicht erst mit der Schriftstellerin Mary Wollstonecraft (1759–1797) und sogar noch vor Christine de Pizan (»Das Buch von der Stadt der Frauen«, 1404) einsetzt. Schon die Nonne Hildegard von Bingen (1098–1179) besaß Kenntnisse, die nach der Pestzeit als Hexenwerk galten. So stellen sich diese Kämpfe jedenfalls innerhalb der anregenden Theorie von Silvia Federici dar (»Caliban und die Hexe«, 2004).
Ursprung der Familie
Laut Federici kam es infolge der Pest seit dem 14. Jahrhundert zu einem erheblichen Arbeitskräftemangel. Bestimmten selbstbewussten Frauen wurde unterstellt, in die biologische Reproduktion hemmend einzugreifen. Zur Hexen- gehörte die Hebammen- und insbesondere diejenige Kunst, Abtreibungen durchzuführen. Folgt man dieser Auslegung, beginnt die sexistische Abrichtung der Frauen, ihre Einfügung ins Räderwerk der Reproduktion, ungefähr zeitgleich mit der frühesten ursprünglichen Akkumulation des Kapitalismus. Und doch sind mit Pest und Hexenverfolgung äußere Faktoren benannt, die dem Kapitalismus nicht wesentlich sind.
An dieser Stelle trennen sich zwei große Richtungen der linken Frauenbewegung voneinander: Auf der einen Seite der materialistische Feminismus, etwa der Soziologin Christine Delphy (geboren 1941), der annimmt, dass sexistische Unterdrückung und patriarchale Herrschaft auch unabhängig vom Kapitalismus bestehen, und auf der anderen Seite der marxistische Feminismus, der Patriarchat und Kapital stets als Einheit sieht. Federici weist aber bereits einen Weg aus diesem Widerspruch: Ganz gleich, wie sich Sexismus geschichtlich oder kulturell herleitet, wird er unter kapitalistischen Verhältnissen zu einer kapitalistischen Destruktivkraft.
Françoise d’Eaubonne (1920–2005) – neben Maria Mies und Vandana Shiva eine der Begründerinnen des Ökofeminismus – schrieb, Phallokratie sei »die Grundlage einer Ordnung, die nicht anders kann, als die Natur abzutöten – ob im Namen des Profits, wenn sie kapitalistisch, oder im Namen des Fortschritts, wenn sie sozialistisch ist«. Das ändert nichts daran, dass die Phallokratie und der männliche Chauvinismus selbst keine Naturkräfte sind. Sie sind stets integraler Teil der kapitalistischen Ausbeutung. In der Nachfolge von Beauvoir haben die Feministinnen gelernt, die historische Bedingtheit des Sexismus einzusehen. Weil der Sexismus geschichtlich entstanden ist, muss er sich auch in der Geschichte beseitigen lassen. Eine Frau, erklärte Beauvoir, wird immer erst zur Frau gemacht. Nichts anderes gilt für die Männer. Diese funktionalistisch-konstruktivistische Lesart schließt die meisten Versionen des Feminismus potentiell an den Marxismus an.
Zum neueren marxistischen Feminismus wesentlich beigetragen hat die US-amerikanische Soziologin Lise Vogel (geboren 1938) mit ihrem Buch »Marxismus und Frauenunterdrückung« (1983). Im Zentrum ihrer Überlegungen steht, wie sie gegenüber ihrer Kollegin Frigga Haug (geboren 1937) erläuterte, die »gesellschaftliche Reproduktion der Arbeitskraft im gesamt-kapitalistischen Reproduktionsprozess«. Ein wesentlicher Teil dieser Reproduktion liegt in Händen von unbezahlten Frauen, die so in der Familie zu Ausgebeuteten innerhalb eines größeren Ausbeutungssystems werden. Wie Vogel erkannte, dehnt sich diese unter heterosexuellen Vorzeichen in der Familie verrichtete Haus- und Carearbeit zunehmend auch auf »Arbeitslager, Kasernen, Waisenhäuser, Krankenhäuser, Gefängnisse« aus. Als abgewertete Arbeit verlässt Hausarbeit das Haus. Eine Digitalisierung und »Uberisierung« greifen auf den außerhäuslichen Feldern Raum.
Feminismus der CIA
Wenn schon der Marxismus die enge Verwobenheit des Sexismus mit den wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen nachgewiesen hat, lässt die postkoloniale Theoriebildung die Lage noch wesentlich komplexer, aber auch reicher erscheinen. Nicht nur die nigerianische Soziologin Oyèrónk Oyĕwùmí (geboren 1959) weist darauf hin, in welchem Maß der Begriff des »Geschlechts« europäisch aufgeladen ist. Die Yoruba etwa hätten vor der Besatzungszeit keine geschlechtsbezogene Hierarchisierung gekannt. Auch ganz unabhängig von solchen Einwänden ist leicht zu erkennen, dass der Kampf gegen Rassismus und Kolonialismus mitunter die feministischen Anliegen überlagert. So wies bereits die brasilianische Aktivistin Lélia Gonzalez (1935–1994) darauf hin, ihre Kämpfe hätten ihren Ursprung in der Bewegung der Schwarzen, nicht in der der Frauen. »Intersektionalität«, also die Überschneidung der Unterdrückungsformen, wirkt da mehr wie der Strohhalm, nach dem die Ertrinkende greift, zumal Intersektionalität oft nichts weiter bedeutet als eine Bündelung unhistorischer, fixer Identitäten.
Eine der wichtigsten Feministinnen Afrikas, die Senegalesin Awa Thiam (geboren 1950), hat sich, um der oft grausamen Empirie ins Auge zu schauen, bei den Menschen vor Ort umgehört. Der von ihr zusammengestellte Band mit Protokollen, »Die Stimme der schwarzen Frau« (1978), ist nicht nur eine Pioniertat, er bleibt aktuell, weil Zwangsehen, Genitalverstümmelungen oder Hautaufhellungen weiterhin an der Tagesordnung sind. Zugleich ist mit der palästinensisch-US-amerikanischen Soziologin Lila Abu-Lughod (geboren 1952) vor dem Versuch westlicher Mächte zu warnen, imperialistische Kriege mit einer Hilfe für muslimische Mädchen zu begründen.
Nicht erst seit Annalena Baerbocks »feministischer Außenpolitik« bedient sich der Imperialismus ganz ungeniert feministischer Motive. Die kanadische Soziologin Sirma Bilge (geboren 1967) weist auf ein besonders skurriles Beispiel für diese Vereinnahmung hin: »Humans of CIA«, ein Rekrutierungsvideo des US-Geheimdienstes vom Beginn der Regierungszeit Joseph Bidens. In Zeitlupe sehen wir eine 36jährige Latina, die in das George-Bush-Center-for-Intelligence in Langley, das Hauptquartier der CIA, schreitet. Auf ihrem Hemd prangt das pinke Venussymbol mit Faust, darunter das Wort »mija« (von »mi hija«, meine Tochter). Aus dem Off rekapituliert die junge Frau ihr Leben. Bereits mit 17 habe sie die schwarze Schriftstellerin Zora Neale Hurston (1891–1960) in einem Schulaufsatz zitiert. Schwarzsein sei nicht tragisch, im Gegenteil, sei sie stolz darauf, schwarz zu sein. Sie sei kompetent, brillant und voll »intersektional«. Von irgendwelchen »fehlgeleiteten patriarchalischen Vorstellungen« lasse sie sich nicht die Karriere bei der CIA ausreden. Fraglich, ob sie in der Ära Donald Trump diese Karriere fortsetzen durfte, doch war die CIA schon unter Biden, ja, seit ihrer Gründung, eine kriminelle Organisation.
Gerade dass die Ausbeutung und Misshandlung von Frauen immer schon untrennbar mit den Machtstrukturen unserer Gesellschaften verbunden ist, erlaubt es Feministinnen, wichtige Beobachtungen auch abseits der üblichen Schlachtfelder zu machen, zu nennen sind die Militarisierung und der Nationalismus. Die Soziologin Andrée Michel (1920–2022) führt in ihrem Band »Féminisme et antimilitarisme« (2012) die ganze Schar der üblen Kerle vor Augen, die den »militärisch-industriellen Komplex« ausmachen: Wissenschaftler, Industrielle, Bankiers, Waffenhändler, Diplomaten, Staatssekretäre, Journalisten (die eine oder andere Strack-Zimmermann wird wohl dabei sein). Weil das Militär von einem patriarchalischen Muster geprägt ist, wirkt die Militarisierung immer auch auf das Leben von Frauen ein. Michel vermutet außerdem einen Zusammenhang zwischen Finanzkapitalismus und Militarisierung. Wenn sich der Kapitalismus von der Güterproduktion ab- und der Börsenspekulation zuwendet, ist die Rüstungsindustrie oft genug sein Rückgrat.
Geschlecht der Nation
Auch Nationen haben ein Geschlecht, wie die jugoslawische Philosophin Rada Iveković (geboren 1945) herausarbeitet, und dieses Geschlecht ist männlich. Wie die Familie ist die Nation eine patriarchalische Selbstgründung, die in einer eigens hinzuerfundenen Mythologie stolz auf eine männliche Erbfolge zurückblickt. Dabei bestimmt Geschlechtlichkeit nicht nur über das Verhältnis von Frauen und Männern, sondern auch über Hierarchie und Herrschaft ganz allgemein, ja, die Einführung des Geschlechts ist, wie Iveković formuliert, ein »erster Einschnitt im Denken selbst«. Auf diesem Einschnitt basiert eine heterosexuell-normative Herrschaft, die viele soziale und politische Grausamkeiten rechtfertigt. Nicht ohne Grund reagieren die aktuellen Nationalisten so hysterisch auf den Anblick von trans Personen.
Unter diesen Voraussetzungen muss es auffallen, dass der bürgerliche Feminismus von jeher mit queeren und trans Personen fremdelt. Beauvoirs Anti-Naturalismus drang nicht zu allen ihren Leserinnen durch, doch der Konflikt selbst ist viel älter: Die bereits erwähnte Madeleine Pelletier berichtet aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg, dass sie von Mitkämpferinnen angefeindet worden sei, weil sie Männerkleidung trug.
Pelletier, die bedeutendste französische Feministin vor Beauvoir, wich auch darin vom Mainstream ab, dass sie als Ärztin bei Abtreibungen behilflich war. 1939 half sie einer Jugendlichen, die von ihrem Bruder vergewaltigt und geschwängert worden war. Die Jugendliche, die das Kind abtrieb, wurde zu einer zweijährigen Haft und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Der Täter kam unbestraft davon (die Sache blieb ja, wie Friedrich Merz oder Wolfram Weimer sagen würden, »in der Familie«). Pelletier selbst warf man in ein Asyl, wo sie kurz darauf starb. Unbeliebt hatte sie sich bereits damit gemacht, dass sie das heterosexuelle Normativ grundsätzlich zu einer Unterwerfung der Frau erklärte.
Noch energischer bestand die am meisten faszinierende Schriftstellerin des französischen Feminismus, Monique Wittig (1935–2003), auf diesem Punkt. Nach ihrer Lehre bezeichnet »Frau« nichts anderes als eine Versklavte. Allein die Lesben könnten diesem Schicksal entkommen, weshalb sie für Wittig auch keine »Frauen« sein sollten (»Das straighte Denken«, 1992). Mit dieser radikalen Einstellung war selbst im ansonsten theoriefreundlichen Frankreich der Siebziger kein Blumentopf zu gewinnen – Wittig übersiedelte in die USA.
Der materialistische Feminismus nahm die vor allem von Judith Butler (geboren 1956) befeuerte Diskussion um »Gender« dankbar auf, trennte das Konzept des gesellschaftlichen Geschlechts jedoch sorgfältig von einer eng ökonomistischen Betrachtung ab. Wie der Kapitalismus Klassen und der Rassismus Rassen, so bringe der Sexismus Geschlechter hervor, wobei »Gender« stets ein gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis voraussetze. Christine Delphy, die wichtigste Vertreterin dieser Spielart des Feminismus, nannte in einem gleichnamigen Buch (»L’Ennemi principal«, 2012) das Gender-System den »Hauptfeind«.
Illusion von Stabilität
Wie die niederländische Historikerin Geertje Mak (geboren 1961) in »Doubting Sex« (2012) anhand von Dokumenten über den Umgang mit sogenannten Hermaphroditen berichtet, war Geschlecht vor dem 19. Jahrhundert noch nicht mit dem »Selbst« einer Person verschmolzen. Vielmehr sei Geschlecht zunächst Zuschreibung einer Gemeinschaft gewesen und habe einer Person ihre jeweilige Stellung zugewiesen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich im Zuge der Verwissenschaftlichung staatlicher Herrschaft die Auffassung durch, Geschlecht sei biologisch bestimmt. Erst in jüngerer Zeit hätten Einzelne eine Verbindung zwischen Geschlecht und Selbst hergestellt. Mak erkennt in diesem neuen »Narrativ« auch eine Illusion von Stabilität. Geschlecht werde nun »auf die Leinwand einer echt empfundenen, stabilen inneren Wahrheit authentischer geschlechtlicher Individualität projiziert«.
So erfreulich die Möglichkeit ist, aus dem heteronormativen Schema auszubrechen, ist es doch vorerst fast niemandem vergönnt, dem Verhältnis von Herr und Magd zu entkommen. Das Aufweichen der Binarität von männlich und weiblich ist ein zivilisatorischer Erfolg, aber wie die derzeit besonders aggressiven Attacken gegen queere und trans Personen beweisen, haben die Herrschenden begriffen, dass wer Geschlecht in Frage stellt, Macht in Frage stellt. Auch für solche Fragen hat ein Feminismus sensibilisiert, dessen Praxis auf gesellschaftliche Totalität abzielt.
Camille Froidevaux-Metterie (Hg.): Théories féministes. Paris: Seuil 2025, 760 Seiten, 25,65 Euro
Stefan Ripplinger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 1. Dezember 2025 über den Schriftsteller Oscar Wilde, der vor 125 Jahren starb: »Die heilige Familie«
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