Irgendwo da unten
Von Andreas Schäfler
Es ist gar nicht lange her, dass die heutige Balkanroute als Flüchtlingsweg vor allem in umgekehrter Richtung genutzt wurde: Nach Hitlers Machtübernahme verließen viele Verfolgte – Juden wie Nichtjuden, Widerstandskämpfer wie Unpolitische – ihre Heimat, um sich im Südosten Europas zumindest vorübergehend in Sicherheit zu bringen. Allein in Jugoslawien kamen 55.000 Exilanten an, darunter viele mit dem Fernziel Britisch-Palästina. Ihre Zahl hatte nach den Novemberpogromen und dem »Anschluss« Österreichs sprunghaft zugenommen, weil die Flucht auf bis dahin bevorzugten Routen zu den westlichen Mittelmeerhäfen oder in die Sowjetunion kaum noch möglich war. Als Italien Ende 1940 Griechenland überfiel und Hitler den Einmarsch in die Balkanländer vorbereitete, war auch Südosteuropa keine Option mehr – und wer es bereits dorthin geschafft hatte, saß in der Falle.
Die Autorin der »Balkan-Odyssee« legt es in ihrer Schilderung zahlreicher Einzel- und Familienschicksale glücklicherweise nicht auf die wohligen Schauer an, die für Flucht- und Exilgeschichten oftmals idealtypisch erscheinen und in der einschlägigen Literaturproduktion gerade schwer Konjunktur haben. Da mag auch zu Buche schlagen, dass die Quellenlage meist dürftig und auf der Balkanroute eher die B-Prominenz unterwegs war – die Schauspielerin Tilla Durieux und der Schriftsteller Manès Sperber sind hier noch die mit den bekannteren Namen. Etwas irreführend wirkt, dass auf dem Buchumschlag auch mit Ernst Toller um die Gunst des Lesepublikums geworben wird. Der hielt zwar 1933 auf dem PEN-Kongress in Dubrovnik eine vielbeachtete Rede gegen Nationalismus und Rassenhass, wurde danach aber nicht mehr auf dem Balkan gesichtet und emigrierte 1937 in die USA.
Da und dort trafen die Geflüchteten zunächst noch auf die Annehmlichkeiten einer k. u. k.-geprägten städtischen Bohème, ein Akademiker wie der Krebsforscher Ferdinand Blumenthal kam an der Uni Belgrad unter, der Maler Richard Ziegler verkroch sich auf der Insel Korčula, während der Dramatiker Franz Theodor Csokor unstet von einem Ort zum nächsten irrte. Marie-Janine Calic, als Professorin für südosteuropäische Geschichte an der LMU in München eine ausgewiesene Kennerin der Materie, saugt für ihr neues Buch keinen künstlichen Honig aus den Fluchtgeschichten ihrer Protagonisten. Vielmehr lässt sie die wenigen zuverlässigen Ego-Dokumente, auf die sie sich stützen kann, für sich selbst sprechen und setzt diese sorgsam gehüteten Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und Fotos (hinreißend, wie Ado von Achenbach & Ko. 1939 in Zagreb das Münchner Abkommen kabarettistisch nachspielten) fortlaufend mit den sich überschlagenden machtpolitischen Prozessen in Beziehung.
Besonders anschaulich sind da die Briefe des jüdischen Flüchtlings Walter Klein aus Wien, der 1940 auf der zugefrorenen Donau im Grenzgebiet zwischen Serbien, Bulgarien und Rumänien in einem überfüllten Flussdampfer festsaß. Seine Eltern hatten es schon früher nach Palästina geschafft, während er ihnen über Wochen und Monate zwischen Mut und Verzweiflung mitteilte, wie er mit seinen Leidensgenossen unter immer schlimmeren Bedingungen ausharrte. Hier wird das Buch seinem Titel mehr als gerecht, wobei die meisten der beschriebenen Balkan-Odysseen anders als in der griechischen Sage unglücklich endeten. Walter Klein wurde, wie auch die übrigen 400 Männer des sogenannten Kladovo-Transports, 1941 zur Zwangsarbeit verschleppt und kurz darauf von einem Spezialkommando der Wehrmacht exekutiert.
Calic verknüpft die Erzählfäden nicht so virtuos und auf literarischen Effekt erpicht wie etwa Uwe Wittstock in seinem ähnlich konzipierten Buch »Marseille 1940«, doch wer will es der Autorin angesichts der balkanischen Unübersichtlichkeit verdenken? In fast jedes beschriebene Ereignis war von den äußeren Umständen mindestens ein doppelter Boden eingezogen, fast jede handelnde Person konnte zwischen Freund und Feind kaum unterscheiden: hier die überraschend hilfsbereite Bevölkerung, dort das Netz aus Schleppern, Spitzeln und undurchsichtigen Figuren wie der ukrainischen Zionistin und Mossad-Agentin Ruth Klüger (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Holocaustüberlebenden, die später als Schriftstellerin reüssierte).
Wenn in diesem Buch mal etwas Idylle aufkommt – etwa im dalmatischen Fischerdorf Zaton Mali, wohin die Heilpädagogin Annemarie Wolff-Richter mitsamt der Kinderschar ihres Berliner Heims fliehen konnte –, wird sie von den rasch wechselnden Machtverhältnissen gleich wieder zerstört. Man sieht hier schon in detaillierter Vertracktheit ausgebreitet, was bald einmal das große Betätigungsfeld von Tito werden sollte.
PS 1: Halb als Medizinstudent, halb als Tourist getarnt tigerte damals ein 22jähriger Schlaks namens William Burroughs durch Europa und besuchte 1936 auch Dubrovnik, wo die queere Community gern Urlaub machte. Dort begegnete der nachmalige Beat-Dichter der Toller-Vertrauten Ilse Klapper, die er zum Schein heiratete und der Jüdin, die kurz darauf ein Ausreisevisum in die USA ergattern konnte, damit wohl das Leben gerettet hat.
PS 2: War beim Korrekturlesegang im Hause C. H. Beck vielleicht eine KI im Spiel? Das würde erklären, warum in der Endfassung des Texts nebst etlichen lässlichen Tippfehlern auch ein »Vorwort« von Sarajevo (oder war’s Zagreb?) stehengeblieben ist.
Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa. Verlag C. H. Beck, München 2025, 383 Seiten, 28 Euro
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