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Um den Schädel herum

Die Landesregierung hat angeordnet, dass man sich beim Friseurbesuch die Haare waschen lassen muss. Ist nicht schlimm. Haarwäsche mit Maske über Mund und Nase hat zwar etwas von Waterboarding, geht aber, wenn man dabei mit den Beinen strampelt und versehentlich den Lehrling tritt.

Nachdem mich der Lehrling wiederbelebt hatte, machte mir die Meisterin auf meinen Wunsch hin die Frisur, die Boris Johnson gerne tragen würde. Die Meisterin ist eine Schönheitsgöttin, die Wunder vollbringt. Wenn sie den umgehenden SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach frisieren würde, könnte der bei den Chippendales auftreten.

Ihre ganze Kunstfertigkeit war gefragt. Sie musste mir sehr viele lange Haare abschneiden. Weil es so viele waren, hat sie immer gleich mehrere auf einmal genommen. Deshalb war sie auch schon nach dreieinhalb Stunden fertig. Der Lehrling hat klaglos vier Schubkarren voller weißer Locken aus dem Salon geschafft und anschließend gekündigt.

Ich bin sehr froh, dass ich wieder zu meiner Friseurin gehen kann. Und nicht Hausverbot habe wie bei meinem Arzt, meinem Zahnarzt, meinem Rechtsanwalt, meiner Bank, bei allen meinen Verwandten und meinem Bewährungshelfer. Die sind alle nicht so wichtig. Wenn die Welt untergeht, ist es zivilisationsrelevant, dass man dabei gut ausschaut um den Schädel herum, den man verliert. Nicht?

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.05.2020, Seite 11, Feuilleton

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