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10.01.2021 19:30 Uhr

Ein Lied bleibt im Kopf

Das war die XXVI. Rosa-Luxemburg-Konferenz
»Theater kann Mut machen, die Welt zu verändern« (Studiobühne: Margarete Steinhäuser, Anja Panse, Peter Wittig, v. l. n. r.)

Kultur ist keine Politik, auch wenn sie bisweilen so tut. Ein Song hat noch keinen Krieg verhindert, ein Roman kaum die Situation der Ärmsten zum Besseren gewendet. Der Glaube an die Wirkkraft politisch aufgeladener Werke ist trotzdem nicht verkehrt. Und mehr als nur schmückendes Beiwerk ist vor allem kritische Kultur allemal. Ein spitzer Stachel im faulen Fleisch fieser kapitalistischer Verhältnisse, Taktgeber der Motivation, die Dinge zu ändern, kämpfend, wenn’s sein muss. So was und einiges mehr.

Die Gruppe Tendenzen kann dazu längst eine stattliche Reihe von Werken präsentieren. Seit vielen Jahren kuratiert sie die Kunstausstellung der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz (RLK), so auch die aktuelle, XXVI. Konferenz am vergangenen Samstag, in der die tatkräftige Revolutionärin Rosa Luxemburg in Form von Kunst geehrt wird. Die Frage, die sie einst stellte, bleibt schließlich aktuell: Können wir eine menschengerechte Welt erkämpfen, oder werden Krieg und Barbarei triumphieren? Man kann dazu ziemlich kluge Bilder malen.

Ein kluger, außerdem ausgesprochen sympathischer Typ ist Ezé Wendtoin, der uns um die Mittagszeit herum aus Burkina Faso herzlich grüßte, aus seiner Heimatstadt Ouagadougou, in der er sich seit drei Wochen befindet. Wendtoin hat dort einen Traum verwirklicht und gerade eine Schule eröffnet. In Dresden, wo Wendtoin lebt, hat er seinen Master in Germanistik gemacht, er findet die deutsche Sprache »witzig, spielerisch und herausfordernd«. Hierzulande bekannt wurde er mit der originellen Coverversion des Konstantin-Wecker-Klassikers »Sage nein« – ein Album u. a. mit antirassistischen Songs folgte.

Und Sonnabend eben, für die RLK, ein unterhaltsamer Auftritt mit befreundeten Musikern – Keyboard, Gitarre, Bass, Drums, Wendtoin an Mikro und Gitarre. Und natürlich legt er gleich los mit »Sage nein«, mit »Wenn sie jetzt ganz unverhohlen / Wieder Nazilieder johlen …«. Und die Band groovt lässig, macht spielerisch Druck, spielt ein paar ernste, ein paar niedliche Songs, und am Ende landet der Gig bei einem schönen Liebeslied, einem Lied der Suche, Wendtoin singt: »Wie kamst du auf die Idee, bei der Zugabe wegzugehen …« Stimmt, geht gar nicht.

Ernster ging es zu beim Auftritt des Ensembles des Simon-Dach-Theaterprojekts (Sidat!), das Szenen aus Bert Brechts »Die Tage der Commune« (1949) spielte. Es sei vor allem ihre Sorge angesichts des rechten Rollbacks gewesen, erklärte Peter Wittig, die 2017 zu der Inszenierung der Urfassung bewegt hätte. »Theater kann nicht die Welt ändern, aber kann Mut machen, die Welt zu verändern«, formuliert der Regisseur und Mitbegründer des Sidat die Überzeugung der Beteiligten gegenüber RLK-Moderatorin Anja Panse. Es wurde eine der erfolgreichsten Arbeiten der Truppe um ihn und Margarete Steinhäuser.

Warum die Inszenierung soviel Anklang fand, demonstriert die für die RLK erstellte Videofassung. Stark wirkt die Musik von Hanns Eisler, die in der Sidat-Fassung deutlich mehr Raum bekommt als in der klassischen Inszenierung von Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert, wie Wittig herausstellt.

Welche technische wie ästhetische Herausforderung die Zwanzigminutenversion der zweieinhalbstündigen Aufführung war, merkt man kaum. Auch im Schnelldurchlauf wird dem Zuschauer deutlich: Es geht hier um keine staubige Geschichtslektion, sondern um Realität. Der Kampf der Reichen gegen die Armen hört nicht auf, der organisierte Aufstand der Ausgebeuteten bleibt unumgänglich.

Die Bühne würde ihm in Coronazeiten schon sehr fehlen, erzählte Konstantin Wecker kürzlich der jW. Danach ging’s um die »Querdenker«: »Sie tragen Bilder von Sophie Scholl mit sich und berufen sich auf sie. Ich habe seit zwanzig Jahren ein Porträt von ihr in diesem Zimmer hängen, und diese ›Querdenker‹ bemächtigen sich ihrer. Unverschämt!« Eine andere Widerstandskämpferin, die dieser leidenschaftliche, politische Liedermacher sehr schätzt, heißt, na klar, Rosa Luxemburg, von der wir, so Wecker in seiner gestreamten Botschaft, »gerade heute sehr viel lernen« könnten, »weil sie vom Herzen und vom Verstand eine grenzenlose Solidarität dachte und lebte«.

Aufgezeichnete wie ausgezeichnete Bühnenauftritte gab’s danach, am späten Nachmittag, gleich zwei zu sehen: einmal mit großem Rockaufgebot inklusive Riesenstreicherhimmel, das andere Mal die kleinere Nummer, Wecker und Gäste am Mikro, begleitet von Cello und Flügel. Politische Eindringlichkeit von links als große Unterhaltung. Nein, das ist kein Widerspruch. Andersherum formuliert: Schon Folklegende Woody Guthrie wusste, dass eine Akustikgitarre bestenfalls eine Art Maschine sein kann, um Faschisten zu bekämpfen. Der US-Musiker David Rovics pflegt diese Tradition weiter: Wie Joe Hill, Guthrie und Pete Seeger nutzt er seine Sechssaitige, um auf Demos und Streiks seine politischen Botschaften zu verbreiten. Ein Flugblatt ist schnell zerknüllt und weggeworfen, ein Lied bleibt im Kopf – wenn es gut gemacht ist. Das sind Rovics’ Lieder – und eingängig, klug, humorvoll dazu. Schnell reagiert er mit ihnen auf tagespolitische Ereignisse. Sein 200-plus-Repertoire, entstanden in einer langen »Karriere« als Straßenmusiker und Protestsänger, stellt er kostenlos über seine Homepage zur Verfügung.

Anders als bei vielen seiner Landsleute kann man das Wort »Socialism« bei Rovics wirklich als »Sozialismus« übersetzen. Der Anarchist kennt den Unterschied zwischen der US-amerikanischen Ausprägung von Sozialdemokratie und einer wirklich kapitalismuskritischen Politik. Das zeigte sich im Livegespräch mit Susann Witt-Stahl, der Musiker war aus seiner Heimat Portland zugeschaltet. Das Problem der USA sei weit größer als »bloß« Rassismus, so Rovics. Vielmehr werde man gerade Zeuge des Aufstiegs einer neuen faschistischen Bewegung – eine Folge der immer tieferen gesellschaftlichen Spaltung durch den Klassenkampf von oben seit den 1970er Jahren.

Danach gab er, das erste Mal seit knapp 20 Jahren wieder Gast der RLK, Kostproben seines Könnens, sang von politischen Lügen und coronakranken Arbeitern am Band, den zahllosen von einer rassistischen Polizei ermordeten Schwarzen, deren Namen man nie vergessen darf (»Say Their Names!«) und den Vorzügen von Laubbläsern im Kampf gegen Tränengas. Einer der emotionalsten Momente der diesjährigen Konferenz.

Zum Abschluss, gegen 20 Uhr, dann noch einer: »Die Internationale«. Das weltweit am weitesten verbreitete Kampflied der Arbeiterklasse wird dieses Jahr 150 Jahre alt. Traditionell singen alle Besucherinnen und Besucher das Stück aus voller Kehle. Geht ärgerlicherweise nicht. Dafür brachten die Musiker Nicolás Miquea und Tobias Thiele das Lied in gleich drei Sprachen auf die Studiobühne in Berlin. Ein kämpferisches Finale für eine besondere Konferenz. (jW)

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