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Aus: Ausgabe vom 05.12.2020, Seite 11 / Feuilleton
Liedermacher

»Die Bühne fehlt mir«

Liebender und Kämpfer gegen rechts: Konstantin Wecker, Gast der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2021, hält Rückschau auf 50 Jahre seines Lebens
Von Harald Justin
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Poesie als Antriebsmittel: Konstantin Wecker und der Funke Lebenslust (28.5.2017)

In Zeiten wie diesen gibt man sich nicht die Hand und kein Bussi. Trotzdem lässt sich Nähe herstellen. Konstantin Wecker, der Poet und Liedermacher, per Livestream zugeschaltet bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz am 9. Januar 2021, stellt Nähe gleich beim ersten Ton am Telefon her. Ein Wort, ein Satz, der Mann ist präsent. Obwohl er, wie er sagt, gleich weg sein wird. »Ich muss zum Physiotherapeuten, mir den Nacken einrenken lassen. Ich bin 73 Jahre alt, stehe seit Jahrzehnten auf der Bühne, spiele Klavier und muss immer nach rechts gucken!« Okay, beim Rechtsgucken schmerzt es, bei Wecker erzwingt die Mikrofonanordnung und die Zuwendung zum Publikum eine Körperhaltung, die einher mit seiner politischen Haltung geht. Er ist Warner gegen rechte Stimmungen, und er mahnt seit Jahrzehnten, Schäden bleiben da nicht aus, kräftigen aber anscheinend das Rückgrat.

Roter Faden

Um seinem besonderen Kunststück, seinem Lebenswerk und seiner aktuellen CD gerecht zu werden, ist es ratsam, dem roten Faden nachzuspüren, der sein Leben durchzieht. Von frühen bis heutigen Interviews zieht sich dieses Garn, und es erstaunt, wie eng Weckers politisches Engagement mit seiner Lust am Leben und der Liebe verbunden ist. Kaum ein Interview, wo er sich nicht gegen neue Faschisten und rechte Umtriebe ausspricht und nicht gleichzeitig für das Leben und die Liebe in die Bresche springt.

Genau so muss es sein, Protest und Widerstand aus unbändiger Lust am Leben, nicht etwa aus Angst, Wut, Beleidigtsein oder politischem Kalkül. Es reicht, einige CD-Titel der letzten Jahre in Erinnerung zu rufen, um sich dieses Zweiklangs zu vergewissern. Da hieß es »Poesie und Widerstand«, »Poesie in stürmischen Zeiten«, »Sage nein – Antifaschistische Lieder«, willensstark aktuell »Jeder Augenblick ist ewig«. Poesie ist ihm eben kein Krampf im Klassenkampf, sondern Antriebsmittel.

Klar, dass wir nach wenigen Minuten auf das Thema Nummer eins, Corona, zu sprechen kommen. »Die Bühne fehlt mir«, sagt er, der seine körperliche Präsenz wie kein anderer Liedermacher auf der Bühne ausspielt. »Aber ich komme schon irgendwie durch die Krise, schlimmer ist es für die anderen, die Techniker, die Roadies, die Veranstalter.« Man muss noch die Kulturjournalisten hinzuzählen, die nichts zu berichten haben, die Zeitungen, die keine Anzeigen von Auftrittsorten bekommen, das Cateringwesen und all die anderen Mehrwertschaffenden des Kulturbetriebs, die aus ihm sonst einen starken Wirtschaftsfaktor machen. »Ich habe den Verdacht«, sagt Wecker, »dass dieser Kahlschlag einigen Politikern ganz recht ist. Darum bin ich für ein menschenwürdiges Grundeinkommen. Es ist schlimm, dass die Linke in der Krise den Rechten die Straße überlassen hat.« Stimmt, schon heißt es: »Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht« – einst eine linke Parole, nun von »Querdenkern« und Covididioten skandiert. »Oh, das regt mich besonders auf. Sie tragen Bilder von Sophie Scholl mit sich und berufen sich auf sie. Ich habe seit zwanzig Jahren ein Porträt von ihr in diesem Zimmer hängen, und diese ›Querdenker‹ bemächtigen sich ihrer. Unverschämt!«

Ohren spitzen

Für einen Moment meint der von der Coronakrise und ihren rechten Gewinnlern gleichermaßen betroffene Kulturjournalist, dass sich das Zornesbeben Weckers mit einem Ruckeln am Telefonhörer entlädt, aber das ist sicher eine Täuschung.

Zurück zur Lebenslust. Schließlich gilt es, über das aktuelle Album zu reden, aufgenommen während der »Coronapause« im September, in Wien, im Theater im Park vor rund 1.100 Gästen. »Es ist so schön, dass ihr da seid«, begrüßt er das Publikum. »Endlich einmal wieder vor echten lebendigen Menschen spielen zu dürfen, es ist wunderbar.« Woraus sich die Frage ergibt: »Wie systemrelevant ist die Kunst in diesen Zeiten?« Fünfzig Jahre seiner Karriere lässt der 73jährige spielerisch und mit launigen Kommentaren versehen Revue passieren, seine Gäste Dörte Lyssewski und Michael Dangl rezitieren ausdrucksstark seine Gedichte. Man muss die Ohren spitzen, um neu mit vertrauten Texten leben zu lernen, und das ist gut so, denn im innigen Austausch zwischen ihm und dem Publikum springt einmal mehr jener Funke Lebenslust über, der diesen Künstler seit einem halben Jahrhundert zu einem Ausnahmemonument des gelebten Widerstands macht. »Streamingdienste sind keine Alternative zum echten Leben«, sagt er noch, bevor er sich den Nacken gegen die rechte Verspannung einrenken lässt.

»Jeder Augenblick ist ewig«: Lieder und Gedichte von Konstantin Wecker. Als Gäste Dörte Lyssewski und Michael Dangl (Sturm & Klang/Alive)

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