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Spanischer Krieg

Flucht aus Málaga

Als die andalusische Mittelmeerstadt Anfang 1937 in die Hände der Faschisten fiel, flohen ihre Einwohner. Francos Leute, deutsche und italienische Luftwaffe attackierten die Wehrlosen gnadenlos. Zeitzeugenberichte, zusammengestellt von

Von Victor Grossman
Foto: Djordje Andrejevic-Kun/gemeinfrei

Mitte Januar 1937 waren drei italienische Divisionen mit zwanzigtausend Mann an der Südspitze Spaniens unweit von Gibraltar gelandet. In dieser Region waren die Anarchisten sehr stark, die Milizeinheiten gebildet hatten und sich der Formierung einer zentralen Armee widersetzten. Das Resultat: Es gab keine organisierte Verteidigung der Stadt Málaga. Sie war praktisch ungeschützt. Dazu kam der Verrat einiger alter Offiziere, die sich insgeheim für Franco entschieden hatten. Am 8. Februar fiel die Stadt fast kampflos den Faschisten in die Hände. Diese ermordeten sogleich mehr als zehntausend Zivilisten.

Ludwig Renn, Deutschland:

»Als Oberst Villalba (der republikanische Befehlshaber – V. G.) nach Málaga kam, wurde die Stadt täglich von deutschen und italienischen Flugzeugen bombardiert. Er fragte nach dem Verteidigungsplan sowohl der Stadt wie des gesamten Frontabschnitts. Es gab nichts dergleichen. Er musste erst selbst an die Front fahren, um festzustellen, wo seine Truppen standen. Da fand er Steinbarrikaden quer über die Straßen, die bei Tage von Milizionären mit praktisch keiner Ausbildung besetzt waren. Es gab keine Anschlussstellungen, keine Zwischenposten und sonstige Verbindungen, keine Reserven. Dazu fehlte es an Artillerie und Maschinengewehren. Die Munition war selbst für diese klägliche Truppe zu knapp. (…)

Am 5. Februar kamen drei spanische Kreuzer der Faschisten und drei kleinere Schiffe vor die Küstenstraße und schossen aus ihren weitreichenden Kanonen. An diesem Tage gingen die Italiener weiter vor, aber es gelang Villalba, an diesem Abend eine Art Front wiederherzustellen. Am 6. Februar aber löste sich die Ordnung. Die Anarchisten verließen einfach die Front. Niemand meldete mehr, wo er sich befand. So erhielt der Oberst nur noch Schreckensnachrichten, ohne eine Möglichkeit zu haben, noch etwas zu tun. Kurz nach Mittag verließ der Zivilgouverneur die Stadt.

Im Nu verbreitete sich diese Nachricht. Wer es sich leisten konnte und kein Freund der Faschisten war, packte in aller Eile etwas zusammen und schloss sich dem Strom der Flüchtlinge an, die sich nach Osten aus der Stadt schoben. Auf der Küstenstraße bewegten sich bald auf einer Länge von Dutzenden Kilometern Lastautos, Frauen mit Kindern, Bauernwagen, Esel, Zivilisten und Soldaten. Von Valencia kamen Lastwagen mit Munition, sie konnten aber gegen den Strom der Flüchtlinge nicht durch.

Am nächsten Tage, dem 7. Februar, nahm die Flucht noch zu, da die faschistischen Kriegsschiffe die Stadt aus geringer Entfernung beschossen. Häuserfassaden stürzten ein und schreckten die Menschen noch mehr. Flugzeuge kamen angebraust und ließen ihre Bomben fallen. Entsetzt flohen die Menschen hinaus. Ihnen folgten die Flugzeuge. Sie sausten niedrig über die Straße hin und schossen mit Maschinengewehren in die Fliehenden. Vom Meere donnerten die Kanonen der Kriegsschiffe, deren Granaten von der Seite in den Flüchtlingsstrom hineinbrausten und mit wüstem Krachen explodierten.

Oberst Villalba versuchte, die fliehenden Milizionäre aufzuhalten, um mit ihnen wenigstens östlich der Stadt noch eine neue Front aufzubauen. Dabei half ihm eine Reihe energischer Offiziere und Politkommissare, aber die Besten fielen.

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Am Abend dieses Tages waren die italienischen Panzer noch fünf Kilometer von Málaga entfernt. Den nächsten Morgen, den 8. Februar, besetzten sie kampflos die Stadt.« (Aus: »Im Spanischen Krieg«, S. 171–173)

Rudolf Kohler, Schweiz

(…) Was jetzt begann, ist wohl das Schrecklichste, das die Kriegsgeschichte kennt, die Flucht nach der 220 Kilometer östlich liegenden Stadt Almería. Verfolgt im Rücken von den feindlichen Tanks, marschierte die Karawane Tag und Nacht, Frauen, Kinder, Greise und Milizen auf Karren, Pferden, Eseln und auf Lastwagen natürlich – die überwiegende Masse zu Fuß, ungefähr 250.000 Menschen wälzten sich auf der Straße dahin. Für die faschistischen Barbaren war es nicht genug, dass sie im Rücken der Kolonne morden konnten. Nein! Alles sollte vernichtet werden, die ganze Zeit waren die Bomben- und Jagdflugzeuge über unseren Köpfen. Vom Meer aus schleuderten die Kriegsschiffe ihre Granaten in die Menschen, die sich zu Hunderten an Orten sammelten, wo sie glaubten, Deckung zu finden. (…) Nach wenigen Minuten einer solchen Beschießung blieb nur noch ein schrecklicher Haufen blutiger Glieder und Lumpen. Verwundete und Tote versperrten die Straße. Die ganze Straße war ein Massengrab.

Am schlimmsten ging es den Kindern, die die ganze Straße zu Fuß gehen mussten, zum Teil ohne Schuhe, ohne zu essen, an Ausruhen war nicht zu denken. Es starben viele vor Hunger und Ermattung. Kinder wurden sogar im Straßengraben geboren, meist viel zu früh. Wahnsinnig gewordene Soldaten verschossen ihre Munition und richteten noch mehr Unheil an. Ist es nicht begreiflich, dass es einem Mann den Verstand nahm, wenn er zusehen musste, wie seine Frau starb und mit ihr das junge Leben, auf das er sich vielleicht gefreut hatte? Wenn er zusehen musste, wie ihm ein anderes von einer Granate zerfetzt wurde? Manches Kind schrie nach seinen Eltern, die es im unheimlichen Wirrwarr verloren hatte. Einer, der es nicht mehr ertragen konnte, hat seine ganze Familie erschossen, nur um den Faschisten nicht in die Hände zu fallen. Sehr viele Menschen schieden dort freiwillig aus dem Leben! (…)

Über Nacht landeten die Feindestruppen, stellten MG auf die Straße und zwangen viele Flüchtlinge zur Umkehr. Nach fünf Tagen Marsch und elendem Hunger gelangten wir endlich nach Almería. Für die Stadt, die normalerweise 50.000 Einwohner hat, war es nicht leicht, die ankommenden Menschenmassen zu ernähren, sie unter Dach zu bringen war unmöglich. So kampierten die Flüchtlinge überall, auf der Straße, vor dem Bahnhof, vor den Hotels und im Hafen. Es sollte aber nicht sein, dass sie einmal für ein paar Stunden zur Ruhe kommen konnten, denn schon am selben Abend wurde die Stadt bombardiert. Die Abwehrgeschütze des republikanischen Panzerkreuzers »Jaime« schossen wie wild auf die feindlichen Flugzeuge, konnten aber nicht verhindern, dass Hunderte unschuldige Menschen ihr Leben einbüßten. (Aus: »… dass Friede und Glück Europas vom Sieg der spanischen Republik abhängt. Schweizer im Spanischen Bürgerkrieg«)

Ein kanadischer Arzt wurde zur Legende im Spanienkrieg. Er nahm auf spanischen Schlachtfeldern Bluttransfusionen vor und überwachte die Einrichtung von »Blutbanken« – das geschah zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte. Wenige Jahre später half Dr. Bethune auch in China bei der Verteidigung gegen die japanischen Faschisten. (…)

Norman Bethune, Kanada

Da gab es Tausende von Kindern – mindestens fünftausend von ihnen waren noch nicht einmal zehn Jahre alt, und mehr als tausend gingen barfuß und waren kaum bekleidet. Nach 88 Kilometern flehte man uns an, nicht weiterzufahren, denn die Faschisten seien den Flüchtenden direkt auf den Fersen. Nun waren wir an so vielen Frauen und Kindern vorbeigefahren, dass wir es vorzogen zu wenden, um diejenigen in Sicherheit zu bringen, denen es am schlimmsten ging. Es war schwer auszuwählen, wen wir mitnehmen sollten. Unser Lastwagen wurde umlagert von Müttern und Vätern, die dem Wahnsinn nahe waren und deren schwache Arme uns die Kinder entgegenstreckten. Stellen Sie sich vor: vier Tage und vier Nächte, da man nachts marschierte und sich tagsüber hinter den Hügeln versteckte, um der Verfolgung durch die faschistischen Flugzeuge zu entkommen. Wie konnten wir entscheiden, ob wir eher ein sterbendes Kind mitnehmen sollten oder eine Mutter, die uns schweigend, mit großen Augen und einen nackten Säugling an die Brust gepresst hielt, den sie vor zwei Tagen auf der Landstraße zur Welt gebracht hatte? Sie hatte ihren Marsch nur für zehn Stunden der Geburt unterbrochen! Viele alte Menschen gaben einfach auf, legten sich an den Straßenrand und warteten auf den Tod.

Und dann der letzte barbarische Akt: Am Abend des 12. Februar, als der kleine Hafen von Almería brechend voll war von Flüchtlingen, als vierzigtausend erschöpfte Menschen glaubten, einen sicheren Unterschlupf gefunden zu haben, wurden sie von deutschen und italienischen Flugzeugen bombardiert.

Die Sirene ertönte dreißig Sekunden vor dem Auslösen der ersten Bombe. Die Flugzeuge versuchten nicht, die republikanischen Schiffe im Hafen oder militärische Einrichtungen zu treffen; sie warfen absichtlich zehn große Bomben über dem Stadtzentrum ab, wo in der Hauptstraße die Flüchtlinge auf dem nackten Boden schliefen. Als die Flugzeuge verschwunden waren, nahm ich drei tote Kinder in den Arm. Sie wurden vor dem Provinzkomitee für Flüchtlingshilfe getroffen, wo sie, zusammen mit vielen anderen, auf eine Tasse Kondensmilch und ein Stück trocken Brot gewartet hatten – für manche von ihnen seit Tagen die einzige Nahrung. (Aus: Christiane Barckhausen: »Auf den Spuren von Tina Modotti«, S. 387–389)

Der 1928 geborene und Ende des vergangenen Jahres verstorbene US-amerikanische Publizist Victor Grossman, der Anfang der 1950er Jahre aus der US Army desertierte und in die DDR ging, schrieb einmal in dieser Zeitung, dass die Solidarität mit der Spanischen Republik in den Straßen von New York eine seiner frühesten und zugleich stärksten politischen Erinnerungen sei. 2006 veröffentlichte er das Buch »Madrid, du Wunderbare. Ein Amerikaner blättert in der Geschichte des Spanienkrieges.« Im August erscheint eine überarbeitete Neuauflage des Bandes im Deutschen Militärverlag – Antikriegsverlag (500 Seiten, 29 Euro). Wir veröffentlichen aus Victor Grossmanns Buch einen Auszug aus dem Kapitel »Die Málaga-Flucht«. Der fett gesetzte Text stammt von Grossman selbst. (jW)

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Erschienen in der Beilage vom 22.07.2026, Seite 7, Geschichte

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