Aus: Ausgabe vom 20.07.2018, Seite 1 / Titel

Tod mit Ansage

Libysche »Küstenwache« überlässt schiffbrüchige Flüchtlinge ihrem Schicksal. Hilfsorganisation erhebt schwere Vorwürfe

Von André Scheer
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Josefa hat überlebt: Sie als einzige konnten die Helfer lebend bergen. Für eine andere Frau aus Kamerun und ein kleines Kind kam jede Hilfe zu spät

Die Rettungsschiffe »Open Arms« und »Astral« der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms sind auf dem Weg nach Mallorca, wo sie am Sonnabend anlegen wollen. Das teilte die NGO am Donnerstag über Twitter mit. An Bord der »Astral« befinden sich eine gerettete Frau sowie die Leichen einer weiteren Frau und eines Kindes, die ihre Flucht nicht überlebt haben.

Die Retter hatten die drei Personen am Dienstag in den Trümmern eines Schlauchbootes entdeckt, das etwa 80 Seemeilen (148 Kilometer) vor der Küste Libyens im Meer trieb. Nach Einschätzung der Besatzung waren sie von der als »libysche Küstenwache« agierenden Miliz, die von der Europäischen Union unterstützt wird, ihrem Schicksal überlassen worden. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP erklärte die Hilfsorganisation, die Schiffe hätten das Gebiet angesteuert, nachdem die Besatzung den Funkverkehr zwischen einem Schiff der »Küstenwache« und einem Frachter über ein in Not geratenes Boot mitgehört hatten. Demnach blieb der Frachter vor Ort, bis die »Küstenwache« mitteilte, auf dem Weg dorthin zu sein. Proactiva Open Arms warf der libyschen Miliz vor, andere Menschen gerettet, die zwei Frauen und das Kind aber ihrem Schicksal überlassen zu haben. Die Miliz wies das zurück.

Die Aussagen von Josefa, der geretteten Frau, scheinen die Vorwürfe der Retter jedoch zu bestätigen. Das italienische Onlineportal Internazionale zitierte sie mit der Aussage, die Gruppe sei bereits zwei Tage und zwei Nächte auf hoher See gewesen, als »libysche Polizisten« gekommen seien: »Sie haben uns geschlagen.« Sie wisse nicht, was danach geschah.

Zudem scheint inzwischen klar zu sein, dass das Kleinkind erst kurz vor dem Eintreffen der Retter gestorben ist. Proactiva Open Arms macht deshalb die Blockadepolitik Italiens und anderer EU-Staaten für dessen Tod mitverantwortlich: Alles sei blockiert, »aufgrund derselben Diskussionen und derselben Verzögerungen, die ein namenloses Kind zum Tod verurteilt haben, das nun in einem weißen Sack im Schiffsbauch ruht.«

Italien hatte der Organisation zwar einen Hafen zugewiesen, wollte sich aber nur um die Überlebende, nicht jedoch um die beiden Todesopfer kümmern. Die »Open Arms« und die »Astral« steuerten daraufhin Spanien an. Die Regionalregierung der Balearen bot ihre Hilfe an. »Es darf weder Gleichgültigkeit geben, noch dürfen wir in die andere Richtung schauen. Lasst uns jetzt handeln!« schrieb die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Francina Armengol auf Twitter.

Die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch verbreitete am Donnerstag die Aufnahmen der Rettungsaktion der spanischen Kollegen und schrieb dazu auf Facebook: »Wie lange können sich Angela Merkel, Horst Seehofer und die Bundesregierung angesichts dieser Bilder noch vor ihrer Verantwortung drücken?« Ihre eigene »Sea-Watch 3« liegt seit nunmehr 23 Tagen im Hafen der maltesischen Hauptstadt Valetta fest, ebenso wie die »Lifeline« und die »Seefuchs«. Auf ihrer Homepage spricht Sea-Watch deshalb von einem politisch motivierten schmutzigen Spiel: »Die migrationsfeindlichen Protagonisten der europäischen Politikerriege ziehen die Mauern der Festung Europa weiter hoch. Das Leben afrikanischer Flüchtlinge spielt dabei keine Rolle, im Gegenteil: Tote werden im Sinne einer vermeintlichen Abschreckung billigend in Kauf genommen.«

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Debatte

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  • Beitrag von Barbara H. aus Hamburg (19. Juli 2018 um 21:58 Uhr)

    Wieder wird deutlich, dass die Blockade der NGO-Schiffe nicht weniger, sondern mehr Tote im Mittelmeer fordert. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass, seit nicht nur das Retten, sondern auch das Beobachten aus politischem Kalkül verhindert wurde, die Dunkelziffer viel höher ist.
    Es sollte inzwischen jedem denkenden Menschen klar sein, dass die NGO-Schiffe keinen Pull-Faktor darstellen, sondern dass der Push-Faktor, die grotesk ungleich verteilten Lebenschancen zwischen Europa und Afrika, weiter flüchtende Menschen »produzieren« wird.
    Wir werden sie nicht stoppen können, und aufhalten können wir sie offensichtlich nur durch Waffengewalt, die wir nach Libyen outsourcen.
    Auch allen NGOs, die im Mittelmeer (gerne) retten (würden), ist völlig klar, dass die Fluchtursachen zu bekämpfen das vorrangige Ziel sein muss. Aber im Gegensatz zu den Tausenden Shitstormern, die uns beschimpfen, weil wir ja nicht die Welt, sondern »nur« Flüchtlinge retten, engagieren sich die meisten von uns auch durchaus in den Herkunftsländern oder setzen sich für benachteiligte Menschen im eigenen Land ein.
    Aber sollen wir wirklich darauf warten, dass ein wie auch immer gearteter Marshallplan für Afrika erdacht und in ferner Zukunft mal Früchte tragen wird? Und in der Zeit die ertrinken lassen, für die der Druck jetzt zu groß ist?
    Ich habe auf meinen Einsätzen auf »Sea-Watch« und »Seefuchs« tote Kinder gesehen. Das Schicksal von Josefa und den beiden namenlosen Opfern der Abschottungspolitik berührt mich zutiefst. Ich wünsche Josefa, dass sie irgendwann wieder wird lachen können.

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