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Belletristik

Logik des Feminismus

»Jenseits der Grenzen«: Der abschließende dritte Band der Joanna-Russ-Werkausgabe im Carcosa-Verlag

Von Marie Hewelt
Foto: Moebius/Avant Verlag

Nach »In fernen Gefilden« und »Erwachende Welten« ist jetzt der abschließende dritte Band der Joanna-Russ-Werkausgabe im Carcosa-Verlag erschienen. Wie die bisherigen zwei Bände ist auch dieser voller Schätze. Im Roman »Die Todgeweihten …« (»We Who Are About to …«), der den Band eröffnet, gibt es zwar keine Gladiatoren, die dem Tod geweiht sind, aber gestrandete Weltraumreisende auf einem fremden Planeten, fernab von jeder möglichen Rettung. Der größte Teil der kleinen Gruppe will sofort damit ­beginnen, den Planeten zu »kolonisieren«, noch bevor Essbares oder Wasser gefunden wurde. Eine Frau widersetzt sich der Gruppe, möchte nicht als wandelnde Gebärmutter für die Verlängerung einer aussichtslosen Zukunft missbraucht werden. Sie besteht darauf, sich der Realität zu stellen: »Ihr müsst begreifen, dass das Patriarchat zurückkehrt, dass es (genau genommen) schon zurückgekehrt ist, und das nach zwei Tagen. Ihr müsst begreifen, dass ich keine Musik habe, keine Bücher, keine Freunde, keine Liebe. Keine Zivilisation ohne Industrialisierung!« Statt ein Leben wie in der Steinzeit zu akzeptieren, kämpft die Erzählerin und frühere Kommunistin für einen selbstbestimmten Tod.

Neben »Die Todgeweihten …« sind in dem Band die zwei sehr unterschiedlichen Erzählungen »Seelen« und »Körper« abgedruckt sowie mehrere Rezensionen und ein Essay. Darin wird ihre politische Haltung immer wieder deutlich. Russ fordert von sich selbst und anderen Feministinnen, insbesondere weißen Mittelschichtsfeministinnen, ein, sich nicht darauf zurückzulehnen, dass man selbst die »richtige« Hautfarbe oder Klasse habe und deswegen von manchen Unterdrückungsformen nicht betroffen sei. Ihre Kritik an Charlotte Perkins Gilmans utopischem Roman »Herland« (der zwar 1910 geschrieben wurde, aber in den 70er Jahren zum ersten Mal als zusammenhängender Roman erschien), ergänzt Russ durch einen Brief, in dem sie einerseits scharfe Kritik an Perkins Gilmans Rassismus und ihrer Haltung zur Eugenik äußert und andererseits mit sich selbst dafür ins Gericht geht, darauf in ihrer Besprechung des Buchs nicht genug eingegangen zu sein.

Der Begriff Feminismus wird von einigen Marxistinnen zurecht abgelehnt, weil er entsetzlich schwammig ist und für zu vieles herhalten kann, unter anderem auch Politikern als Feigenblatt dienen kann, die unter dem Mantel des Feminismus alles Mögliche bezwecken, aber keine Frauenbefreiung. Bei ­Joanna Russ zeigt sich der Feminismus dagegen von seiner besten Seite, sie macht deutlich, was Feminismus mit einer konsequenten Herangehensweise bedeuten kann: »Die Logik des Feminismus zwingt ihn, sich zu genereller Radikalität auszuweiten.«

Jeanne Cortiels Zusammenstellung der Werkausgabe macht deutlich, wie gleichberechtigt Joanna Russ’ theoretische Arbeiten und Rezensionen neben ihrem fiktionalen Werk stehen. Ihre so anregenden wie unterhaltsamen Texte können auch dann, wenn man schon einiges von Russ gelesen hat, überraschen: In ihrem Essay »Pornographie von Frauen für Frauen, mit Liebe« schreibt Russ über K/S-Literatur, also von Frauen geschriebene, herausgegebene und gelesene erotische Fanfiction zu den »Star Trek«-Figuren Captain Kirk und Spock. Sie macht darin ein Bedürfnis von Frauen nach intensiven, gleichberechtigten sexuellen Beziehungen aus, in denen traditionell weiblich oder männlich besetzte Eigenschaften wie Emotionalität, Stärke, Initiative, Passivität zwischen den Partnern wechseln können.

Der Titel des Bandes, »Jenseits der Grenzen«, lässt sich auf alle enthaltenen Texte beziehen und bezeichnet neben räumlichen Grenzen auch zeitliche, körperliche, geistige und sexuelle Grenzen, die teilweise überschritten, ausgehandelt oder in Frage gestellt, teilweise auch verteidigt werden.

Die Übersetzungen von Charlotte Krafft und Hannes Riffel machen die Werkausgabe auch für Leserinnen interessant, die die Texte lieber in der Originalsprache lesen, zumal es eine vergleichbare englischsprachige Ausgabe bisher nicht gibt. Das einzige Manko an dieser inhaltlich wertvollen und liebevoll gestalteten dreibändigen Ausgabe ist, dass sie leider nur ausgewählte und nicht sämtliche Werke von Joanna Russ enthält.

Joanna Russ: Jenseits der Grenzen. Werke 3. Herausgegeben von Jeanne Cortiel. Aus dem amerikanischen Englisch von Charlotte Krafft und Hannes Riffel. Carcosa-Verlag, Wittenberge 2026, 355 Seiten, 26 Euro

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Erschienen in der Beilage vom 18.03.2026, Seite 12, Feuilleton

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