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Aus: Literatur, Beilage der jW vom 15.10.2025
Belletristik

»Die rechte ­Meute will den Umsturz, und wir ­produzieren Pillepalle«

Über seinen unveröffentlichten Roman »Bullshit Houellebecq«, vier Kategorien Glückskeksprosa und einen Literaturbetrieb mit Schnappatmung. Ein Gespräch mit Asjadi
Von Tim Klein
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In Ihrem Debütroman »Tric-Trac« ist ein Kunstwerk abgebildet mit dem Titel: »Mohammed-Karikatur – Nichts auf Leinwand«. Ein weißer, vollkommen leerer Bildträger: Mohammed als Nichts gewissermaßen. Seitdem sind Sie mit einer Fatwa belegt. Wie lebt es sich damit?

Ich lebe noch. Aber ich passe auf. Mohammed sagt: »Die Engel betreten kein Haus, in dem sich ein Hund oder ein Bild befindet.« Beides gilt als haram. Damit aber die Engel bei mir Zutritt haben, habe ich ein Bild gemalt, auf dem Mohammed nicht ist. Ein Nichts. Eine Leerstelle. Null und nichtig. Für muslimische Engel, die Abbilder scheuen, eigentlich sehr einladend. Aber diese islamistischen Burschen haben einfach keinen Humor. Man sollte ihnen einen Sammelband Charlie Hebdo schenken.

Kritiker haben von pubertären Provokationen gesprochen …

Pubertär? Nein, diese lebenslange Sehnsucht nach einem Vater ist pubertär. Nach Allah, nach Mohammed, nach diesen apokalyptischen Zombies. Entwicklungspsychologisch sind sie auf dem Stand von vierjährigen Kleinkindern, Kleinkindern mit langen, gruseligen Zauselbärten. Infantile, die nicht von Papa loskommen, nie die Autonomiephase erlangt haben, wahrscheinlich zu früh aufs Töpfchen mussten. Schlimmer noch: Sie retardieren ins Vorvergangene, bis zur Schlacht von Kerbela im 7. Jahrhundert nach Christus, als sich die Schiiten und Sunniten kloppten. ­Exorzieren wäre eine Lösung.

Für Ihren neuen Roman »Bullshit Houellebecq« hat sich bislang kein Verlag gefunden. Was ist passiert?

Ein renommierter Verleger fand den Roman sehr gut, aber »zu wild«. Nun ja, wild war mein Debüt »Tric-Trac« auch. Mein damaliger Verleger, Michael Faber, hat sich aber von Wildheit nicht schrecken lassen, er war ein mutiger Mann, der sich dem Markt widersetzte. Aber er hat ja seinen Verlag mittlerweile eingestellt. Die Guten gehen. Leider! Ich schätze, es ist ihm langweilig geworden in diesem Metier, das nur kuscht.

Das Metier kuscht?

Na ja, es gibt sie noch, die Ausnahmen, die die Unvernunft feiern: den Verbrecher-Verlag, Diaphanes, Kookbooks und einige andere. Aber das Gros? Ich unterteile in drei Kategorien: die Kochbücher der Seele, also Befindlichkeitsromane über Demenz und bipolare Störung und Mutterschaft, gerne queer oder trans; zweitens Vergangenheitsgedusel mit großen Namen: Till Eulenspiegel, Georg Wilhelm Pabst, Greta Garbo, Marlene Dietrich – Celebrity sells! Bei den Großen fühlen wir uns einfach mummelig wohl. Übrigens: Dieser gerade gehypte Roman »Lázár« von Nelio Biedermann – ganz unabhängig von seinem literarischen Rang – gehört auch in die Kategorie Vergangenheitszirkus; der große Name wird hier durch Adelsseligkeit ersetzt. Und drittens dieser quietschbunte, die Buchhandlungen verstopfende Romantasy-Kram mit Titeln wie »Princess of Souls« und »Moonlight Academy«. Da hat es das Entlegene schwer. Alles folgt der Marktgängigkeit, frönt dem schnöden Konsumismus. Der Literaturwissenschaftler Gianluigi Simonetti nennt es IKEA-Literatur.

Etwas schiefmäulig. Hört man da Missgunst heraus?

Ups! Soll ich neidisch sein auf das ordentlich Langweilige eines Peter Stamm, auf das katholisch gut Abgehangene eines Martin Mosebach, auf das gemütlich Linksbürgerliche einer Juli Zeh? Gewiss nicht. Nein, die Independent-Verlage, das Abseitige, haben es einfach schwer, zum Buchhandel durchzudringen. Die großen, durchmonetarisierten Konzernketten wie Thalia oder Hugendubel dominieren das Geschehen. Aber das Geld ist nun mal die Scheiße des Teufels. Das kann man sehr gut an diesem ganzen New-Adult-Krampf sehen, an dieser Denis-Scheck-gepamperten Caroline Wahl etwa, dieser pipifarbenen Literatur für Onlinesternchen vergebende Good-Feeling-Girlies mit ihrer gerade einsetzenden Geschlechtsreife.

Auch Verlage müssen überleben.

Gewiss! Aber doch nicht auf Kosten der Kunst. Ich hätte auch nichts gegen eine clevere Mischkalkulation. So, wie das manche Kunstgalerien machen: David Hockney und Lucian Freud für die Qualitätsbewussten, für die Leute des gehobenen Feinsinns, und zur Querfinanzierung und Firmenstabilisierung dann mal was gänzlich Unbegabtes – Katharina Grosse etwa – fürs bunte, leichte Gemüt. Aber wir haben ja nur noch leichtes Gemüt. Literatur für Hafermilch trinkende Formfleischmenschen.

Was genau war denn nun zu wild an ­Ihrem aktuellen Roman?

Ich schätze, es waren einzelne Sujets. Es gibt da perverse Träume, es gibt ein, sagen wir mal, nicht jugendfreies Kunsthappening; so was ist thematisch nicht unbedingt opportun. Wissen Sie, wenn Roswitha Quadflieg, wie gerade eben geschehen, ihren narzisstischen Nazipapa Will Quadflieg rauskramt und ihm posthum achtsam gediegen sein Herrenmenschendenken, seine kreuzverlogene Vergangenheit unter die tote Nase reibt, dann freut sich das Volk der Täter über die Absolution, und auch das Feuilleton ist entzückt über die Reinwaschung der deutschen Seele. Aber wenn, wie bei mir, ein paar rüpelige Jungnazis ihr Unwesen treiben, dann zuckt das Leserlein zusammen, dann kriegt der Betrieb Schnappatmung. Zumal, wenn die Chose auch noch auf recht garstige Weise endet. Es gibt ja Tote im Politbusiness, aber ich will nicht spoilern. Wissen Sie, die rechte Meute rottet sich zusammen, will den Umsturz des Systems, und wir produzieren Pillepalle, fernab von den akuten Bedrohungen der Alltagswirklichkeit. Apropos Alltag, da fällt mir noch eine vierte Kategorie ein: die realitätsfliehenden Oberflächenartisten à la Leif Randt, die an ihrem kümmerlichen Ü40er-Leben entlangschreibenden, nie erwachsen werdenden Gefühlstrutschen mit ihrer Labubu-Prosa.

Was bitte ist Labubu-Prosa?

Labubus, das sind diese kindischen, breit grinsenden Plüschtierchen, mit denen die Ecstasymillennials ihr hippes Outfit schmücken. Labubu-Prosa ist Literatur von und für Louis-Vuitton-Täschchen-tragende Lifestyleschnullis und ihre eskapistischen Markenprobleme. Literatur mithin für den biedermeierlichen Rückzug ins private Idyll. – Die Generation Y fragt nicht »Why?« sie trinkt Matcha-Latte to go.

Nicht nur die Themen sind ruppig, auch die Sprache ist es. Es ist da von »zelotischen Wichten« die Rede, von »Juden mit überheblicher Außergewöhnlichkeitsattitüde«. Maxim Biller würde sie antisemitisch nennen. Verstörend ist auch die Verwendung des N-Worts.

Ach, der Maxe, bei dem ist doch nur nicht antisemitisch, was er selbst sagt. Was soll ich sagen: Nazis sind keine säuselnden Sirenen. Diese ewig Untoten sind ein raubauziges Kotzbrockenvolk. Ich war dabei, ich habe mich eingeschleust, undercover, auf Schießübungsplätzen, auf Grillfesten, in Burschenschaften, das habe ich mit dem Protagonisten meines Romans gemein. Und da gibt’s nun mal keine Schwiegersohnprosa. Da geht’s fies zur Sache: der pralle Faschosprech. Irgendwas zwischen strategischer Selbstverharmlosung und prolliger Fäkalsprache. Und dann kommen noch die vulgären Sprüche der misogynen Incels dazu. Alles reinste O-Töne also. Hofbräuhauscharme. Das wollen aber die bundesrepublikanischen Mauerblümchenleser auf ihrem Nachttisch nicht haben, könnte das Bürgerlein ja aufrütteln, zu Schlimmem verführen. Auch die Verleger und Lektoren zucken zusammen. Dann doch lieber den gemütlichen Plot in einer gemütlichen Sprache. Kuschelliteratur. Nur ja keine Figurenrede von Nazis. Ich halte es aber mit Gottfried Keller: Ein Buch darf »mit Absicht nichts verschweigen, was in den notwendigen Kreis seines Stoffes gehört«. Außerdem: Es geht ja nicht durchweg so rabiat zu in »Bullshit Houellebecq«, es gibt auch eine ganze Menge Zartgefühl, ist also alles da zwischen derbem Szenesprech und distinguiert-elaboriertem Bürgerdiskurs. Öffentlich-rechtlich ausgewogen.

Sprache und Sujet, das ist das eine. Es sind wohl auch die Klarnamen, die Verleger schrecken: Wir erleben Martin Sellner im schwulen Darkroom, Tino Chrupalla beim Pimmelfechten, Björn Höcke schläft mit dem SS-Obergruppenführer Heydrich, und es ist vom »schlimmschleimigen Woelki-Gezücht« die Rede. Was über Alice Weidel gesagt wird, ist hier gar nicht zitierfähig. Schmähungen und Injurien en gros. Da macht man sich als Autor keine Freunde. Und da sind Juli Zeh und Daniel Kehlmann noch gar nicht dabei, die bei Ihnen als »Tantchen und Tanterich« firmieren.

Nicht bei mir, bei Daniel, einem der Protagonisten von »Bullshit Houellebecq«. Daniel betrachtet Juli Zeh und sieht: ein allseits präsentes Ephemerchen, stets auf dem Hochseil. Hat er recht? Erst gerade wieder hat sie ein Buch gemacht, mit Roger Federer, diesem Tennismenschen, da beantworten sie die großen Fragen des Lebens. Ja, so ist sie, unser Julchen, drunter geht’s nicht. Schaut auf uns runter und erklärt die Welt. Das macht sie gern: die herzallerliebste Präzeptorin der Nation geben. Wer sagt denn, dass es keine Klarnamen geben darf? Die Leute unterhalten sich nun mal über reale Personen. Und was demokratische Leute dürfen, darf auch die demokratische Literatur.

Was wird das Thema Ihres nächsten Romans sein?

Auf alle Fälle nichts mehr mit meinen Freunden, den Islamisten. Die wissen zwar nicht, wo mein Haus wohnt, aber man weiß ja nie. So blöd sie sind, so verschlagen sind sie. Und auch nichts mehr mit der Nazibagage. Deren Denke kann einem psychisch ganz schön zusetzen. Vielleicht mal etwas Wohltemperiertes, vielleicht sollte ich mir Krebs zulegen. Ja, eine warmherzige Novelle über Krebs; das Adjektiv »warmherzig« im Klappentext ist die halbe Miete. Etwas Achtsames, das ordentlich betroffen macht, ein bisschen Glückskeksprosa für den Markt. Schließlich muss ich Windeln bezahlen.

Asjadi wurde als Sohn eines deutsch-jüdischen Kulturattachés und einer persischen Journalistin 1980 in Teheran geboren. 1982 zog die Familie nach Deutschland. Er studierte Germanistik und Komparatistik in Tübingen und politische Wissenschaften in Zürich. Asjadi ist als Filmemacher, Schriftsteller und Ausstellungskurator tätig. Er lebt in Mecklenburg-Vorpommern und Zürich. 2022 erschien sein Debütroman »Tric-Trac« (Faber & Faber)

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