Gegründet 1947 Donnerstag, 21. November 2019, Nr. 271
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 02.11.2019, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Verbrechen des Faschismus

»Die Debatten gingen nicht tief genug«

Ein Gespräch mit Hannes Heer. Über das Ende der Wehrmachtsausstellung vor 20 Jahren, historische Legenden und den neuen Revisionismus
Interview: Ronald Weber
D01D1201NPDDemo174-35.jpg
Wo immer die Wehrmachtsausstellung gezeigt wurde, mobilisierten Faschisten dagegen, zeitweise auch im Bündnis mit Konservativen (Berlin 1.12.2001)

Eines Ihrer Bücher heißt »Hitler war’s«. Das ist die Legende von der »sauberen Wehrmacht« in Kurzform. Wie funktionierte diese Legende?

Das Grundkonzept lag schon vor mit einer unaufgeforderten Denkschrift von fünf Generälen an den Nürnberger Prozess. In dieser wurde klargestellt: Wir hatten mit Hitler nichts zu tun; wir haben nur unsere Pflicht erfüllt; von den verbrecherischen Befehlen hatten wir keine Kenntnis; und zur SS haben wir keine Kontakte gehabt. Das war die strategische Linie für alle ehemaligen Kameraden, quasi wie ein Befehl. Mit der Gründung der Bundesrepublik kam dann ein anderer Faktor hinzu: Die Angloamerikaner wollten unbedingt eine westdeutsche Armee, schließlich war die BRD im Kalten Krieg jetzt Grenzgebiet. Die Gruppe der ehemaligen Generäle, die dann die Aufstellung der späteren Bundeswehr organisiert hat, hat daraufhin als Vorbedingung gefordert, dass es von seiten der Westalliierten eine Erklärung geben müsse, die die Ehre der Wehrmachtsoffiziere wiederherstellt. Ansonsten rühre man keinen Finger. Das führte dazu, dass Dwight D. Eisenhower 1951 öffentlich erklären musste, dass »ein wirklicher Unterschied zwischen deutschen Soldaten und Offizieren als solchen und Hitler und seiner kriminellen Gruppe bestanden habe«.

Wie wurde das dann offizielle Politik? Eine solche Position musste ja auf Widerspruch treffen.

Ja, bei der Friedensbewegung und den Kommunisten. Aber die Legende von der sauberen Wehrmacht wurde in der BRD von den Medien getragen, die ja in ihrer übergroßen Mehrheit nach dem Rückzug der Alliierten aus Rundfunk und Presse stramm rechts waren. Dazu kam die Repression. Mit dem KPD-Verbot ist der Bewegung gegen die Remilitarisierung der Hals gebrochen worden. Und das dritte ist, dass alle Stimmen, die mit diesem Kurs nicht einverstanden waren, mundtot gemacht worden sind. Heinrich Bölls erster Roman »Kreuz ohne Liebe«, der an der Ostfront spielt und die Verbrechen benennt, wurde verhindert. Siegfried Lenz’ Roman »Der Überläufer«, eine Partisanengeschichte, durfte bei Hoffmann und Campe nicht erscheinen. Erich Maria Remarques Ostfrontroman »Zeit zu leben, Zeit zu sterben« wurde bei Kiepenheuer und Witsch von vorne bis hinten von einem externen Lektor, einem ehemaligen SS-Angehörigen, umgeschrieben, und Remarque musste sich mit Ekel fügen, weil er Geld brauchte. Anne Franks Tagebuch wurde in der deutschen Übersetzung aus dem Niederländischen gefälscht, so dass der Eindruck entstand, es habe in Holland gar keine SS und keine Wehrmacht gegeben. Das war flächendeckend. Dann kommt noch die Propaganda hinzu: die Offiziers- und Generalsmemoiren, die Landserheftchen, und die heroischen Kriegsfilme, in denen die Ostfront einfach nicht vorkam.

Die Ausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944« griff diese Legende dann auf breiter Front an.

Ja, aber sie war natürlich nicht die erste Verlautbarung zu dem Thema. Es gab einen Vorlauf. Eine der wenigen bleibenden Taten der Scheel-Brandt-Regierung war, dass Manfred Messerschmidt, ein fortschrittlicher Historiker, zum Leiter des militärgeschichtlichen Forschungsamtes ernannt wurde. Messerschmidt hatte 1969 mit »Die Wehrmacht im NS-Staat« ein bahnbrechendes Buch veröffentlicht, in dem er untersuchte, wie die Reichswehr bzw. Wehrmacht von innen her durch die eigenen Leute auf Nazikurs gebracht worden war. Er erhielt dann den Auftrag, ein großes Werk über die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zu verfassen. Am Ende wurden es zehn Bände. So erschien zum ersten Mal eine kritische deutsche Militärgeschichte. Auch wenn da vieles noch unerforscht blieb, die verbrecherischen Befehle waren klar herausgearbeitet, ebenso die radikale Ausbeutung der besetzten Gebiete. Eine weitere Voraussetzung war das 1979 erschienene Buch »Keine Kameraden« von Christian Streit, in dem erstmals nachgewiesen wurde, dass von 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen 3,3 Millionen umgebracht worden sind. Auf der Grundlage dieser Publikationen ist dann 1991 eine erste Ausstellung über die Wehrmacht bei der Gedenkstätte Topographie des Terrors entstanden. Diese enthielt notwendigerweise Fehler – sie betonte sehr stark die Rolle der SS. Die Wehrmacht blieb noch im Halbschatten, die Soldaten galten eher als Opfer. Aber das war eine wichtige Vorarbeit.

Wie kamen Sie eigentlich zur Wehrmachtsausstellung hinzu? Sie waren ja kein Mitarbeiter des Hamburger Institut für Sozialforschung.

Nein. Ich machte Dokumentarfilme für die ARD und arbeitete zu der Zeit an einem Projekt über die Naziverbrechen in Weißrussland, war in Weißrussland gewesen, hatte dort mit Zeitzeugen gesprochen, in Deutschland Gerichtsakten studiert und mich in das Thema Verbrechen der Wehrmacht eingearbeitet. Über Karl-Heinz Roth, den ich noch gut aus der gemeinsamen Arbeit im Sozialistischen Deutschen Studentenbund kannte, kam dann ein Kontakt zu Jan Philipp Reemtsma zustande, der sich für mein Material interessierte. Ich hatte u. a. ein Interview mit der Partisanin Jelena Grigorjewna Masanik gemacht, die im September 1943 den Generalkommissar für Weißrussland, Wilhelm Kube, mit einer Bombe getötet hatte. Reemtsma forderte mich auf, mich an der Wehrmachtsausstellung zu beteiligen. So landete ich bei dem Projekt und wurde dessen Leiter. Im Grunde genommen war es ein Zufall.

Die Wehrmachtsausstellung, die im März 1995 erstmals in Hamburg gezeigt wurde, sorgte von Beginn an für großes Aufsehen.

Die Ausstellung sollte eigentlich nur für kurze Zeit stattfinden. Aber wir hatten das Glück, dass Karl-Heinz Janßen von der Zeit gemeinsam mit einem jüngeren Redakteur ein Geschichtsheft zu den Verbrechen der Wehrmacht herausgab und parallel dazu eine Konferenz veranstaltete, bei der auch Messerschmidt auftrat. Das erhöhte die Aufmerksamkeit für das Thema, und bald kamen Anfragen von überall her, so dass die Ausstellung bis zu ihrem vorzeitigen Ende in 34 Städten in der Bundesrepublik und in Österreich gezeigt wurde.

Es gab aber auch von Anfang an Protest, nicht nur von Faschisten.

Die ersten Gegner waren natürlich die Traditionsverbände, die Reemtsma und mich mit Klagen überzogen. Auch Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, äußerte sich negativ. Für ihn war die Wehrmacht »ein anständiger Verein«. Dann war da der Journalist Rüdiger Proske, ein ehemaliger Jagdflieger, der mittels eines Rundschreibens an alle Ministerien und Bundestagsabgeordneten Stimmung machte, indem er behauptete, die Ausstellung sei »von Altkommunisten und Spätachtundsechzigern« gemacht und von der »Roten Zelle des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes«, also von Messerschmidt unterstützt worden. In diesen Chor stimmte schließlich zu Beginn des Jahres 1996 auch die FAZ ein, und dann kippte der Verteidigungsminister um. Volker Rühe (CDU) hatte seinen Soldaten zunächst einen Besuch der Ausstellung empfohlen. Das änderte sich nun. Angehörigen der Bundeswehr wurde fortan per Erlass jede offizielle Beteiligung an Veranstaltungen rund um die Ausstellung verboten. Auch in Uniform durfte sie nicht mehr besucht werden. Ab dann ging der öffentliche Widerstand richtig los.

Der Höhepunkt war dann im Frühjahr 1997 in München. Am 1. März demonstrierten 5.000 Faschisten, aufgerufen von der NPD, gegen die Ausstellung. Peter Gauweiler (CSU) ließ ein Flugblatt mit 300.000er-Auflage in München verteilen – Tenor: Der Tabakmillionär Reemtsma sei selbst für genug Tote verantwortlich und solle nicht die Ehre der deutschen Soldaten beleidigen. Der Bayernkurier schrieb, die Ausstellung komme einer »Verschärfung der Strafmaßnahmen des Nürnberger Gerichtshofes« gleich und ähnele einem »moralischen Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche Volk«.

Dass der Protest in München so stark war, hing natürlich mit der CSU zusammen. Franz-Josef Strauß galt ja als »Vater der Truppe«. Und in München saß das Institut für Zeitgeschichte, das über Jahrzehnte eine verheerende Rolle gespielt hatte: mittels Gegengutachten wurde das Erscheinen von Publikationen jüdischer Historiker über den Holocaust und die Wehrmacht verhindert – man denke nur an das Standardwerk von Raul Hilberg »Die Vernichtung der europäischen Juden«, dessen Erscheinen um mehr als 15 Jahre verzögert wurde. Und in München saß die Redaktion des Focus.

Nicht nur Reemtsma wurde persönlich angegriffen. Auch Sie standen als Linker, als ehemaliges SDS-Mitglied, das nach dem Staatsexamen sofort Berufsverbot bekommen hatte, in der Kritik. Es hieß, Sie seien ein linksradikaler Ideologe, kein richtiger Historiker. Hatten Sie vorher damit gerechnet?

Nein, überhaupt nicht. Der Druck war dann schon enorm. Ich bekam Drohungen, Pakete mit Scheiße landeten in meinem Briefkasten, das volle Programm.

WE-Gespräch.jpg
Hannes Heer

Man könnte meinen, dass sich mit dem Antritt der Regierung von SPD und Grünen im Oktober 1998 die politischen Rahmenbedingungen für die Ausstellung verbessert hätten. Aber das Gegenteil war der Fall.

Die Gegner der Ausstellung in der SPD wie Helmut Schmidt waren eigentlich eine Minderheit. Erhard Eppler hat damals die Ausstellung in Stuttgart eröffnet, und wenn man an die Bundestagsdebatte vom April 1997 denkt, da äußerten sich die Abgeordneten von SPD und Grünen ganz klar für die Ausstellung. Die Änderung kam dann mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Der neue Außenminister, den wir 1998 baten, die Ausstellung in Osnabrück zu eröffnen, ließ sich wegen Terminschwierigkeiten entschuldigen, schickte aber auch keinen Staatssekretär. Und der neue Verteidigungsminister Rudolf Scharping verlängerte sofort das Kontaktverbot von Rühe.

Dann kam der Krieg gegen Jugoslawien.

Und dieselben Orte, die in der Ausstellung auftauchten – ein Schwerpunkt war ja der damalige Militärbezirk Serbien –, wurden bombardiert, und Fischer verstieg sich zu der Lüge, es gäbe ein neues Auschwitz. Das war schon wahnsinnig.

Das Ende der Ausstellung im November 1999 kam dann wegen einiger falsch zugeordneter Fotos.

Ja, das ging aber schon vorher los. Wir hatten ja sehr viel Fotomaterial in der Ausstellung benutzt, viele Landser verfügten über Kameras und knipsten eifrig. Im April 1997 pickte sich der Focus ein Foto heraus, das sogenannte Badefoto. Ich hatte das Foto im Landeskriminalamt in Baden-Württemberg gefunden, die Bildunterschrift lautete: »Juden müssen sich vor ihrer Ermordung entkleiden«. Der Focus behauptete nun, das stimme nicht und legte zum Beweis ein Foto aus dem Nachlass des Onkels von Peter Gauweiler vor, der in dem von Nazideutschland geschaffenen «Generalgouvernement« für die Propaganda zuständig gewesen war. Das Foto war seinerzeit in einer Broschüre veröffentlicht worden, mit der Bildunterschrift: »Zum ersten Mal in ihrem Leben nehmen die Juden ein Bad.« Daraus machte der Focus eine Riesenkampagne. Ende 1999 erschienen dann Aufsätze der Historiker Bogdan Musial und Krsitian Ungary, die behaupteten, weitere Bilder seien falsch zugeordnet bzw. es handle sich bei den darauf abgebildeten Leichen um Opfer des sowjetischen Geheimdienstes.

Und Reemtsma knickte ein.

Ja, das war bitter. Schon seitdem die Ausstellung im April 1997 in Frankfurt gezeigt worden war, wollte Reemtsma nicht mehr weitermachen. Er sagte damals zu mir, ich solle dafür sorgen, dass die Ausstellung beendet werde. Und das ging natürlich nicht. Es gab zig Anfragen, alleine 20 aus dem Ausland. Dieses anhaltende große Interesse bedeutete natürlich auch eine Verpflichtung unsererseits. Nachdem der Versuch gescheitert war, einen anderen Träger zu finden, habe ich dann mit Ignaz Bubis, Hans-Jochen Vogel, Margarete Mitscherlich und anderen einen Verein gegründet, dem Reemtsma 1998 die Ausstellung übergeben hat. In dieser freien Trägerschaft haben wir dann noch eine Ausstellung in Osnabrück gemacht. Und so wäre es weiter gegangen. Aber dann kamen, unterstützt vom Institut für Zeitgeschichte und dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt, dem die »Mes­serschmidt-Gruppe« nicht mehr angehörte, Musial und Ungary. Reemtsma zog die Ausstellung zurück und verkündete ein Moratorium, dann wurde eine internationale Historikerkommission eingesetzt, die die Ausstellung bewertete. Sie kam zu dem Schluss, dass es in der Ausstellung zwar sachliche Fehler, aber keine Fälschungen gebe und dass die Quellenarbeit korrekt sei. Zudem bestätigte sie ausdrücklich, dass die Grundaussagen über den von der Wehrmacht geführten Vernichtungskrieg richtig seien. Die Zeit schrieb damals: »Die Ausstellung ist rehabilitiert.« Das aber interessierte Reemtsma nicht mehr, denn er hatte sofort, ohne den Befund der Kommission abzuwarten, begonnen, ohne uns eine neue Ausstellung zu konzipieren. Ich habe mich damals von Reemtsma getrennt – aus politischen und wissenschaftlichen Gründen.

Die neue Ausstellung, die dann ab 2001 gezeigt wurde, war wesentlich entschärft.

In ihr fehlten die Täter. Die Landserfotos der ersten Ausstellung waren komplett herausgenommen worden. Man zeigte jetzt nur noch die Taten, aber nicht mehr die Millionen Täter und kehrte zu der simplen These zurück, es habe eben gute und böse Wehrmachtsangehörige gegeben. Ideologische Prägungen, Radikalisierung durch Propaganda, der Genuss der totalen Macht, alle solche Phänomene spielten jetzt keine Rolle mehr. Die FAZ jubelte: »Die Wehrmacht war keine Mörderbande«.

Trotz dieser Niederlage kann man sagen, dass die Legende von der sauberen Wehrmacht nachhaltig zerstört wurde?

Es dauerte noch bis 2011, bis der Bundestag offiziell feststellte, dass der Krieg im Osten verbrecherisch war und dass kein Land so viele Opfer zu verzeichnen hatte wie die Sowjetunion: 30 Millionen sowjetische Menschen, davon ca. drei Millionen Juden. Hinzu kommen zwei Millionen Jugoslawen, sechs Millionen Polen, davon drei Millionen Juden. Das ist heute offiziell anerkannt. Wissenschaftlich hat sich das durchgesetzt. Aber über Reparationen verhandelt die Bundesregierung trotzdem nicht, und auf eine Gedenkstätte für die sowjetischen Opfer warten wir bis heute. Statt dessen gibt es hohle Inszenierungen von »Betroffenheit«. Bei Exbundespräsident Joachim Gauck war das geradezu ekelhaft.

Und was die öffentliche Debatte angeht, hat man seit Martin Walsers Rede in der Paulskirche 1998 doch eher den Eindruck, dass es sich wieder gedreht hat, dass das Terrain, das mit der Ausstellung ab 1995 erobert wurde, wieder verlorengegangen ist.

Definitiv. Walsers Kampfansage an eine angeblich erzwungen »Schuldkultur« markierte den Beginn. 2002 erschien Jörg Friedrichs Buch »Der Brand« über den in raffinierten sprachlichen Wendungen behaupteten »Bombenholocaust«, im selben Jahr folgte Günter Grass’ Novelle »Im Krebsgang« über die 5.000 Ertrunkenen der »Gustloff«. Die Deutschen erschienen hier in erster Linie als Opfer, die Alliierten als Täter. Eine noch größere Rolle als diese Bücher spielten aber die Filme: Bernd Eichingers »Der Untergang«, in dem die Generäle alle als vernünftig erscheinen, Hitler und Goebbels die Irren sind, und am Ende Hitlers Sekretärin erzählen darf, wie nett der »Führer« war. Der totale Durchbruch des Geschichtsrevisionismus war dann der ZDF-Dreiteiler »Unsere Mütter, unsere Väter« im Jahr 2013. Ähnlich wie beim »Untergang« war die Vorgeschichte der Jahre 1933 bis 1941 ausgeblendet. Die jungen Protagonisten sind unbeschriebene Blätter, keine Hitlerjugend, kein Bund Deutscher Mädel, kein unbedingter Glaube an den »Führer«, nichts. Dann die Schilderung des Krieges: Auch hier fehlte jeder Kontext: Plötzlich ist Krieg, warum, ist ebenso unklar wie die Tatsache, dass sie gegen die Russen kämpfen. Dass dieser Krieg als Vernichtungs- und Rassenkrieg gegen die bolschewistischen »Untermenschen« geplant war und jeder Offizier die entsprechenden Befehle in der Tasche trug, um sie der Truppe vor dem Überfall einzubleuen, das alles erzählt der Film nicht. Unsere Mütter und unsere Väter waren unschuldig in diesen Krieg verwickelt worden, sie hatten sich den Umständen entsprechend anständig verhalten, und wenn sie einmal gefehlt hatten, dafür gebüßt. Die Historiker schwiegen. Nur der Freiburger Professor Ulli Herbert brachte es auf den Punkt: »So wären die Deutschen gerne gewesen.«

Mit den Wahlerfolgen der AfD hat sich das Klima noch einmal verschlechtert.

Zeitweilig gab es eine kritische Debatte, eine Tendenz, aber diese ganze Aufklärungsarbeit hat ein Ende gefunden. Seit der Walser-Rede geht es in eine andere Richtung. Das ist somit auch die Geschichte einer Niederlage, weil die Geschichtsdebatten nicht tief genug gegangen sind und es nicht gelungen ist, einen gesellschaftlichen Konsens über die Beteiligung der Mehrheitsgesellschaft am Nazismus herzustellen. Das fällt uns jetzt auf die Füße, denn an die von mir erwähnten neuen Legenden wie »Unsere Mütter, unsere Väter« können die neuen Nazis wie die alten, bürgerlichen Revisionisten anknüpfen.

Hannes Heer ……(Jg. 1941) ist Historiker. Er studierte in den 1960er Jahren Geschichte und Literatur und engagierte sich im SDS. Nachdem er als Lehrer Berufsverbot erhielt, arbeitete er als Dramaturg und Filmemacher. Der breiteren Öffentlichkeit wurde er als Leiter der ersten Wehrmachtsausstellung bekannt.

Im Rahmen der Reihe »Der Skandal als vorlauter Bote. Die großen deutschen Geschichtsdebatten« hält Hannes Heer am 3. November um 11 Uhr in der Berliner Urania einen Vortrag über Rolf Hochhuths Stück »Der Stellvertreter« und das Schweigen der Kirche über den Völkermord an den Juden. Weitere Informationen zur Reihe unter: https://t1p.de/Urania-Skandal

Ähnliche:

  • Lange zugesagt, spät umgesetzt: Am 6. Juni 1944 landeten die Wes...
    06.06.2019

    Die zweite Front

    Vor 75 Jahren landeten anglo-amerikanische Truppen in der Normandie und nahmen den Kampf gegen Nazideutschland auf. Großoffensiven der Roten Armee im Osten unterstützten den Vormarsch der Westalliierten
  • Bedingungslose Anhängerschaft an Hitlerdeutschland – der ungaris...
    19.03.2019

    Die letzte Okkupation

    Vor 75 Jahren marschierte die Wehrmacht in Ungarn ein und besetzte nach Italien ein weiteres verbündetes Land. Die Kollaborationsbereitschaft in der herrschenden Klasse kam den Nazis entgegen
  • Die jüdischen Kämpfer im Warschauer Ghetto setzten sich den SS-T...
    20.04.2018

    Verzweifelter Widerstand

    Vor 75 Jahren widersetzten sich jüdische Organisationen im Warschauer Ghetto der Deportation der dort nach dem Abtransport Hunderttausender noch Verbliebenen. Die Nazis konnten den Aufstand erst nach fast einem Monat niederschlagen

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage