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Auf dem Berg sitzen

China und der Ukraine-Krieg

Von Reinhard Lauterbach
Foto: Katharina Kausche/dpa
China hat nichts dagegen, wenn die »Tiger« USA und EU gegen Russland in der Ukraine Zeit und Ressourcen vergeuden

Wer einmal im »kleinen roten Buch« mit den »Worten des Vorsitzenden Mao« geblättert hat, erinnert sich vielleicht noch an eine der dort überlieferten Metaphern: Die chinesischen Kommunisten sollten »auf dem Berg sitzen und den Tigern im Tal beim Kämpfen zusehen«. Auch wenn die KI heute angibt, dass Mao da nur ein weit älteres chinesisches Sprichwort gleichen Inhalts zitiert habe: Der Gedanke wird in der chinesischen Politik bis heute beherzigt.

So berichtete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach seiner Rückkehr aus China, Xi Jingping sei »sichtbar verärgert« gewesen, als er – Steinmeier – das Thema Ukraine aufgebracht habe. Der chinesische Staatschef habe »nicht vor«, beim Asiatischen Wirtschaftsgipfel später in diesem Monat ein Dreiertreffen mit Donald Trump und Wladimir Putin zur Ukraine-Frage zu veranstalten und damit Mitverantwortung für einen Konflikt zu übernehmen, den China nicht begonnen hat und der chinesische Interessen an sicheren Handelswegen durch Asien nach Europa schädigt. Steinmeier weiter: Xi habe ihm gesagt, das Ukraine-Problem sei ein europäisches, und es sei Sache der Europäer, Lösungen dafür zu finden. Im Klartext: Lasst euch etwas einfallen, um Russland an den Verhandlungstisch zu bekommen. Das kann im Kontext nur bedeuten: Formuliert Angebote, die für Russland welche sind und nicht von vornherein inakzeptable Ultimaten oder Wunschvorstellungen aus Kaja Kallas’ Märchenstunde.

Aber auch für »Megadeals« über russische Rohstoffe, besiegelt per Umarmung Putins durch Trump, will sich China nicht einmal als Gastgeber hergeben. Was auch bedeutet: Teilnahme an einem »­Jalta 2«, einem Pakt der Großmächte zur Aufteilung der Welt, scheint für China keine Option zu sein.

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Chinas Verhältnis zum Ukraine-Krieg ist ambivalent. Es ist nicht an einem westlichen Sieg interessiert, weil ein so gestärktes US-europäisches Bündnis sich nur anschließend beschleunigt gegen China wenden würde. Es hat Russland andererseits unmissverständlich davor gewarnt, im Ukraine-Konflikt zu Atomwaffen zu greifen, und hat zuletzt ausdrücklich abgelehnt, mit Russland ein Militärabkommen ähnlich dem abzuschließen, das Russland mit Nordkorea vereinbart hat. Söldnertruppen, wie sie Nordkorea Russland zur Abwehr der ukrainischen Invasion im Kursker Gebiet zur Verfügung gestellt hat, sind von chinesischer Seite nicht vorgesehen.

China hat nichts dagegen, wenn die »Tiger« USA und EU gegen Russland in der Ukraine Zeit und Ressourcen vergeuden, die dem – nicht mehr ganz so kollektiven – Westen in künftigen Auseinandersetzungen mit China fehlen werden. Je länger der Krieg andauert, desto größer wird Chinas politischer Einfluss auf Russland, das zu seinem östlichen Nachbarn keine Alternative hat. Und Hochtechnologie liefert China eben nicht nur an Russland, wie hierzulande immer kolportiert wird: Auch die Ukraine profitiert etwa von chinesischen Glasfaserkabeln für bestimmte Drohnentypen.

Von seinem Berg herunterlocken lässt sich China durch die »Tiger im Tal« nicht. Das Land hat Zeit.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.11.2026, Seite 3, Ansichten

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