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Feministische Literatur

»Noch im Kampf für Befreiung schreibt sich das Patriarchat fort«

Der neugegründete Verlag Desert Books veröffentlicht feministische Literatur aus Spanien, Frankreich und Italien erstmals auf deutsch. Ein Gespräch mit Charlotte Cremer Jauregui

Foto: KHARBINE-TAPABOR/IMAGO
Es war einmal: Eine französische Buchhandlung in den 1930er Jahren

Sie haben im Januar einen Verlag gegründet. Mit welchem Anliegen?

Gute Bücher herauszubringen, die es bisher nicht auf deutsch gibt, aber auf italienisch, spanisch oder französisch. Wir haben uns mit Freunden und Genossinnen in besagten Ländern politisch ausgetauscht, und sie haben uns Texte genannt, die wir sehr aussagekräftig für die jetzige Zeit fanden. Für eine Gesamtsituation, die ja eine sehr ungewisse ist.

Warum der Name Desert Books?

Wir fanden das Bild der Wüste sehr passend als Beschreibung des Zustands der Welt, in der wir leben. Es gibt eine schöne Metapher von Marcello Tarì, einem italienischen Autor, von dem Anfang nächsten Jahres ein Buch zur Autonomia bei uns erscheinen wird: Selbst wenn wir versuchen, Oasen in der Wüste zu bauen, müssen wir uns der Gefahr gewiss sein, dass wir den Sand der Wüste in den Falten unserer Kleidung mit in die Oase tragen. Wir wollen es dennoch mit diesen Büchern versuchen. Der Verlagsname hat noch einen zweiten Hintergrund, weil »desert« auch »desertieren« heißt … aus diesen Verhältnissen desertieren. Zu diesem Thema wollen wir auch etwas herausbringen.

Was bringen Sie als erstes raus?

Die Textsammlung »Wir spucken auf Hegel« von Carla Lonzi. Das ist ein Klassiker der italienischen Frauenbewegung der 70er. Lonzi hat die Praxis der Selbstbewusstwerdung in der feministischen Bewegung in Italien mitbegründet. In Deutschland ist für diese Art von Feminismus vor allem der Mailänder Frauenbuchladen bekannt. Die Hauptidee ist die der sexuellen Differenz, die besagt, dass die Verschiedenheit eine uns Menschen eigene Bedingung ist und sich am Geschlecht als grundlegendem Unterschied festmacht, aber eben nicht in essentialistischer Art und Weise. So ist der Differenzfeminismus in Deutschland immer rezipiert worden. Diese Texte zeigen, dass es so nicht gemeint ist, sondern klüger ist als das. Es ist eine feministische Position, die weder in essentialistischen Differenzfeminismus fällt noch in den identitätspolitischen Queerfeminismus und eine ganz starke Kritik an einem Gleichheits- oder Gleichstellungsfeminismus übt. Es muss um eine grundlegend andere Art gehen, miteinander in Beziehung zu stehen. »Wir spucken auf Hegel« ist als Provokation unserer patriarchalen Denktradition gemeint, die auch linke Klassiker miteinbezieht.

Leiten Sie das so auch für Leserinnen und Leser ein?

Ich habe ein Vorwort geschrieben, in dem ich genau versuche, zu beschreiben, dass das eine Position ist, die uns helfen kann, für die heutige Situation eine feministische Praxis auf Höhe der Zeit zu finden. Auch in bezug auf Körper. Es gibt einen Text zu »klitoralen« und »vaginalen Frauen«, der sich um weibliche Sexualität dreht – sehr inspirierend und eine ganz andere Art, darüber zu sprechen, als ich das von heute gewohnt bin.

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Wobei sich das Sprechen darüber ja auch gerade verändert …

Das auf jeden Fall. Aber ich habe den Eindruck, dass das Sprechen an sich schon als Befreiungsakt verstanden wird und ein neuer Imperativ entsteht, dass man als Frau möglichst frei mit der eigenen Sexualität umzugehen hat. Wenn man dann doch beschämt ist, entsteht eine Schuld, nicht emanzipiert genug zu sein. Carla Lonzi schafft es, das eben nicht zu machen. Sie beschreibt verschiedene Vorlieben in der Sexualität als unterschiedliche Bewusstseinszustände, ohne da eine Wertung zu schaffen.

Foto: privat 15_int.jpg
Charlotte Cremer Jauregui lebt in Berlin, hat Politik- und Sozialwissenschaften studiert und Anfang 2026 zusammen mit Jan Lis den Verlag Desert Books gegründet. www.desertbooks.de

Aus welcher gesellschaftlichen Situation heraus entstand diese feministische Bewegung in den 70ern in Italien?

Einmal gab es Kritik an den patriarchalen Strukturen in der Familie, die damals in Italien noch tiefer waren als in Deutschland. Dann aber auch an den patriarchalen Strukturen, die sich in den linken und marxistisch-leninistischen Organisationen, die ja zu der Zeit auch sehr populär waren, fortgeschrieben haben. Das ist eine starke Kritik, die dann auch Lonzi und die von ihr mitgegründete Gruppe Rivolta Femminile üben. Noch im Kampf für Befreiung schreibt sich das Patriarchat fort, und die Frauen können eigentlich gar nicht zu sich selbst kommen und auch nicht zu den anderen Frauen.

Nach wie vor ein Problem …

Ja, auf jeden Fall.

Wer war Carla Lonzi?

Carla Lonzi war als Kunstkritikerin sehr erfolgreich in Italien. 1967/68 ging sie acht Monate in die USA und lernte dort die Praxis des Consciousness-Raising kennen. Ich vermute, das hat sie dann mit nach Italien gebracht. Die Frauen aus dem Mailänder Buchladen schreiben in ihrem Buch »Wie weibliche Freiheit entsteht«, dass sie diesen Begriff der Selbstbewusstwerdung, also autocoscienza, in Italien geprägt hat und eben mit Rivolta Femminile eine der ersten war, die diese Praxis umgesetzt hat. Sie bestand darin, sich mit Frauen zu treffen und untereinander über das eigene Leben zu sprechen und in diesem Sprechen überhaupt erst einmal ein Bewusstsein über die eigene Situation zu erlangen. Also, worin besteht eigentlich meine Unterdrückung, und worin besteht aber auch meine Macht, etwas zu ändern? Überhaupt einen Begriff davon zu bekommen. Und darin ganz stark die Beziehung zu anderen Frauen zu fördern. In Räumen, in denen keine Männer sind. Das war natürlich alles auch nicht konfliktfrei, und diese Gruppen sind auch immer wieder auseinandergegangen. Aber sie haben sehr kluge Analysen gemacht. Das ist Teil dieser Art von Feminismus aus Italien, die in Deutschland verfälscht oder verschoben rezipiert worden ist.

Also gibt es auch den Anspruch, etwas richtigzustellen …

Auf eine Art ja, oder? Ich glaube, dass es viel fruchtbarer ist, wenn man es nicht essentialistisch liest.

Welche Bedeutung hat Lonzi in Italien selbst?

Alle ihre Schriften sind noch einmal neu herausgegeben worden, und sie wird bis heute von verschiedenen linken und feministischen Strömungen rezipiert. Auch in Ländern wie Spanien und Frankreich ist ihr Einfluss spürbar. Zum Beispiel wird sie im neuen Buch vom Unsichtbaren Komitee, »Manuel de Survie«, sehr viel zitiert. Wir haben in das Buch als Nachwort einen Debattenbeitrag von einer Gruppe von Frauen aufgenommen. Die Töchter der Olympe versuchen darin, eine Aktualisierung von dem, was Lonzi und ihre Mitstreiterinnen in den Siebzigern geschrieben haben, und eine dritte Position aufzumachen, zu identitätspolitischem Feminismus, zu essentialistischem Feminismus und aber eben auch zu einem Gleichheitsfeminismus, der nur auf einer Integration in den Staat und die bürgerliche Gesellschaft beruht.Interview: Ina Sembdner

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.10.2026, Seite 15, Feminismus

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