Quincy greift ein
Forensische Studie belegt Theorie der Menschenopfer für das alte Ägypten
Mit Iphigenie fing es nicht an, und es endete nicht mit ihr. In der Zeit, da man sich den Atridenmythos erzählte, galt das Menschenopfer bereits als barbarisch, es gehört durchaus in frühere Abschnitte der zivilisatorischen Entwicklung. Gemeinhin unterscheidet man das Bitt- oder Dankopfer, durch das die Götter günstig gestimmt werden sollen, das Sühneopfer, das einen Frevel begleichen soll, und die Totenfolge. Letztere Praxis ist vollkommen befreit von persönlicher Verantwortung, sie war, wo sie institutionell vorkam, Teil staatlicher Liturgie.
Staatlich-religiöser, genauer, vorkommend zum Teil bei den Azteken, stärker bei den Inka und Maya. Und im alten Ägypten. Der Herrscher nimmt, wenn er stirbt, sein Gefolge mit ins Grab. Die Praxis ist ein genuiner Baustein solcher gesellschaftlichen Ordnungen, in denen der König nicht lediglich als absoluter Herrscher regiert, sondern zugleich göttlichen Status besitzt. Man kann die Totenfolge als symbolischen Akt verstehen: Der Tod eines Gottes ist ein kosmisches Ereignis, er benötigt folglich eine kosmische Liturgie, kann nicht ein Tod wie jeder andere sein. Wenn kein Erdbeben zur Hand ist, nimmt man ein Massensterben. Ein spätes, anachronistisches Echo jener Ursitte gab es übrigens im Mai 1945. Joseph Goebbels folgte seinem Gottkönig in den Tod, zuvor brachten er und seine Frau Magda ihre sechs Kinder um, eine doppelte Totenfolge. Man zögert, vor dem Hintergrund der NS-Verbrechen von einer Farce zu sprechen, aber es war eine, eine bezeichnende.
Auf die uralten Zivilisationen schaut man kühler. Es gibt mehr Kredit: Die Menschheit lernt langsam, und manches lernt sie nie. Im alten Ägypten gehörte die Totenfolge zur institutionellen Liturgie, und der Sinn des Rituals kann jenseits aller religiös-symbolischen Verkörperung auch pragmatisch gedeutet werden: Wo ein Gefolge mit dem Herrscher ins Grab geht, hat es ein vitales Interesse, das Leben des Herrschers zu schützen. Die Erforschung des Komplexes für das alte Ägypten war dabei bis heute empirisch nicht ganz abgesichert. Nun hat die Ägyptologin Roselyn Campbell von der Purdue University (USA) altägyptische Königsgräber aus der Zeit der 1. Dynastie (3078–2900 v. Chr.) untersucht.
Etwa 160 Kilometer nördlich von Luxor liegt die Nekropole Abydos, als eine der bedeutendsten des alten Ägypten. Anfang des 20. Jahrhunderts fanden dort archäologische Ausgrabungen statt, bei denen die in der Regel mehrfach gekammerten Grabanlagen freigelegt wurden, wobei die Forscher damals neben den Königsgräbern selbst die Überreste Hunderter anderer Menschen fanden, zumeist in eigenen kleinen Kammern. In diesen Nebengräbern fand man nur wenige Beigaben, einfache Gefäße aus Keramik, Gegenstände aus Kupfer und Elfenbein. Aus den Inschriften ließ sich ableiten, dass die Toten in den Nebengräbern zum Gefolge des Pharaos gehört hatten, einige Beamte, andere Hofdamen oder Kunsthandwerker. Instruktiv wurde hier die Interpretation von Flinders Petrie, einem Archäologen, der in den zwanziger Jahren an Ausgrabungen in Abydos beteiligt war. Er sah in den Funden einen Beleg für die institutionelle Praxis der Totenfolge: Nach dem Tod des Pharaos habe man einen Teil seines Anhangs getötet und mit ihm begraben.
In ihrem Bericht weist Campbell darauf hin, dass bisherige Analysen sich vor allem auf die Grabbeigaben und den archäologischen Kontext konzentriert hatten und weniger auf die menschlichen Überreste. »Bei vielen historischen Ausgrabungen gehörten Fachleute für menschliche Anatomie nicht zum festen Team. Noch heute stützen sich zahlreiche Interpretationen auf die Einschätzungen früherer Ausgräber, deren Fachkenntnisse bei der Untersuchung menschlicher Überreste mitunter fragwürdig oder veraltet waren, anstatt auf neuere Analysen zurückzugreifen«, schreibt Campbell im Fachjournal Frontiers in Environmental Archaeology. Solange die Toten zwar dem Hof des Gottkönigs zugeordnet werden konnten, doch keine physischen Beweise für Gewalteinwirkung an ihren Überresten vorlagen, ließ die für sich schlüssige Theorie sich nicht als bewiesen betrachten. Dabei hatten frühere Forscher entsprechende Verletzungen an den Überresten durchaus bemerkt, sie aber als Schäden interpretiert, die erst nach dem Tod entstanden waren. Die Nebengräber, so die entsprechende Vermutung, seien nach dem Tod des Herrschers Stück für Stück mit den verbleibenden Untertanen im Fall deren Todes gefüllt worden.
Beide Seiten der Debatte – diejenigen, die einen natürlichen Tod vertreten, und die, die einen Opfertod annehmen – haben sich bislang kaum oder gar nicht auf anatomische Analysen gestützt, schreibt Campbell. Als Material ihrer Studie nahm sie 46 Schädel, die 1920 in den Grabanlagen der Pharaonen Djer, Djet und Merneith gefunden wurden. Entsprechend der kolonialen Sitte hatte man sie damals von Ägypten nach Europa gebracht, sie liegen nach wie vor in einer Sammlung der University of Cambridge. Bei 14 der 46 Schädel entdeckte Campbell nun linienförmige Brüche des Schädelknochens. Solche Frakturen, erklärt sie, »entstehen dann, wenn der Schädel von einem großen Objekt getroffen wird«. Spuren an weiteren Schädeln weisen dagegen auf die Einwirkung scharfer Gegenstände hin. Beides, und vor allem das wiederholte Muster, macht eine absichtliche Tötung sehr wahrscheinlich, da Verletzungen durch Stürze oder andere Unfälle meist an den Schädelseiten oder am Hinterkopf auftreten. Offen bleibt allerdings die Frage, warum nicht alle Schädel entsprechende Spuren zeigen. Es sei durchaus denkbar, so Campbell, dass die betreffenden Personen durch Ersticken, Vergiftung oder auf andere Weisen getötet wurden, die keine Spuren hinterlassen.
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