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»Wir wollen einfach vergessen«

Ceuta: Geflüchtete zwischen militärischer Gewalt, permanentem Warten und der Hoffnung auf Europa.

Von Fotos und Text von Richard Klima
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Richard Klima
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Etwas Normalität: Ein Haarschnitt kostet bei den Geflüchteten 1,50 bis 2,50 Euro
Richard Klima
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Ahmed, müde nach der nächtlichen Durchsuchung seines Schlafplatzes. Stets dabei: Seine Mappe mit den Dokumenten des laufenden Asylverfahrens
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Unter Dauerstrom: Mobile Ladestation, betrieben von Mission Lifeline
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Etwas Normalität: Ein Haarschnitt kostet bei den Geflüchteten 1,50 bis 2,50 Euro
Richard Klima

Ein Trampelpfad führt ins Dickicht des Schilfes an einer wenig befahrenen Straße. Müll liegt umher, üble Gerüche dominieren, nur über rostiges Drahtseil kann man das nächste Plateau erklimmen. Abgenutzte Matratzen, Türen und Autoreifen bilden das versteckte Zuhause für ein Dutzend junger Männer. Der jüngste von ihnen ist 14 Jahre alt. Auf dem Tisch stehen Cola, Zigaretten und Spirituosen. Alkohol und Drogen sind in ganz Ceuta präsent. »Wir wollen einfach vergessen.«

Gemeint sind traumatische Erfahrungen, insbesondere die Erlebnisse von Ende Juli, als Zehntausende die Grenze der spanischen Exklave stürmten. »Sie reden von 70, 80, 90 Toten – aber es waren viel mehr. Ich habe Menschen neben mir im Wasser sterben sehen.« sagt Said (29). Warum die Grenze offen war, das kann sich hier niemand erklären. Die Informationen verbreiteten sich über Social Media wie ein Lauffeuer. Tausende ließen in der Hoffnung, die EU erreichen zu können, kurzerhand ihr gesamtes Leben zurück.

»Militär!« zischt es hastig durch das Lager. Schnellen Schrittes bewegen sich alle Anwesenden den Hügel hinauf, heraus aus ihrem Versteck. Vor dem Schilf parkt ein gepanzertes Fahrzeug. Spanische Soldaten durchstreifen das Camp. Das Treiben, das sich bis zu »sechs oder sieben Mal pro Tag« abspielt, nimmt die Gruppe oben auf dem Hügel apathisch zur Kenntnis. »Sie machen das, damit wir niemals zur Ruhe kommen. Aber der wahre Terror beginnt nachts«, schildert Ahmed (27). »Sie wollen unsere Köpfe kaputtmachen, mit Fäusten und Schlagstöcken – auch dann, wenn wir schlafen. Sie rauben unser Geld, Telefone und verschleppen Menschen über die Grenze nach Marokko, sogar die Minderjährigen.« Jeder hier auf dem Hügel hat kleine Wunden an Armen und Beinen. Die hygienische Lage ist derart schlecht, dass sich selbst die oft entzünden und gefährlich werden. »Einer hatte eine Blutvergiftung, ist einfach umgekippt.«

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Ahmed stammt aus Gaza, war bereits zwei Wochen vor dem großen Ansturm über das Meer nach Ceuta geflohen. Acht Stunden schwamm er mit einer Schwimmweste, mit seinem kleinen Bruder, und zweimal mussten sie aufgeben. »Danach wurden wir mit 45 anderen per Bus in die Sahara verfrachtet.« Im dritten Anlauf schafften sie es schließlich. »Wenn sich die Militärboote nähern, muss man bewegungslos im Wasser ausharren, sonst findet einen das Radar. Manchmal werden Leichen angespült, denen die Augen fehlen. Das waren die Möwen.«

Mittlerweile sind weniger als 5.000 Geflüchtete geblieben, die sich weiterhin über die gesamte Stadt verteilen. In Wäldern, Privathäusern, Camps, am Strand. Durch jeden Straßenzug weht ein Hauch der Verunsicherung, wenn die olivgrünen Panzerwagen vorbeifahren. Das Leben hier soll unbequem und rastlos sein, das ist es auch. Das Warten auf einen Termin kann Monate dauern, der Andrang ist groß, die Aussichten gering. Es ist ein Spiel auf Zeit: Ausharren trotz Monotonie, Hunger, Erschöpfung und der permanenten Gefahr, deportiert zu werden. Doch die, die eine Perspektive suchen, sagen stets mit leuchtenden Augen ein Wort: Europa.

Richard Klima: Jahrgang 1990, arbeitet als Fotograf, Dokumentarfilmer und Grafikdesigner. Sein Interesse gilt Subkulturen, Milieus und Menschen am Rand der Gesellschaft. Er begegnet ihnen auf Augenhöhe und hält fest, was sonst übersehen wird. www.sprezzatura.top

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.10.2026, Seite 4, Fotoreportagen

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