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Reportage

Frühling in Ungarn

Unterwegs vor der Wahl

Foto: Marton Monus/REUTERS
»Waren Sie damals in der Partei?« – »Ja, aber das waren andere Zeiten. Damals konnte man noch an etwas glauben.«

Es scheint fifty-fifty zu sein, und wir leben in einem korrupten Land, wo die Lüge großgeschrieben wird«, sagt mir Antal Kovács (59), Rezeptionist in einem großen Hotel. Es liegt in einem Areal am Margitsiget, der Margareteninsel in der Hauptstadt Ungarns, an der Donau, zwischen Buda und Pest. Es ist noch früh und nirgendwo kann man Espresso bestellen, aber der drahtige Herr, der auch Englisch spricht und unter 900 Euro monatlich verdient, kocht einen für mich in seinem Büro nebenan, und er schreibt mir noch ein paar magyarische Sätze auf, die man nicht von einer KI vorformuliert bekommt, in dieser so schönen und fremden Sprache. »Meinen Sie die korrupte und unehrliche Regierung Orbáns?« – »Nein, ich meine unsere Gesellschaft, Orbán hat es nicht erfunden. Der regiert sehr lange, und er hat natürlich vieles vertärkt, wie zum Beispiel die Bereicherung auf Kosten der Steuerzahler. So wie bei euch.« – »Bei uns?« – »Ist das in Deutschland nicht so?«

Die Wahlen am Sonntag erscheinen von Deutschland aus gesehen geradezu schicksalhaft. Für einen Reisenden, der aus Leipzig kommt und die Donau etwas westlich von Mosonmagyaróvár überquert, – in diesem Dreieck, wo Bratislava und Wien noch mit dem Fahrrad zu erreichen sind –, und der dann bis nach Szeged und weiter nach Serbien reist, ist davon nichts zu sehen oder zu spüren. »Das Jahr wird gut, es hat geregnet und die Felder sehen prächtig aus«, erklärt mir der Shell-Tankwart in Győr, essen solle ich in Tatabánya, Welssuppe und Entenkeule mit Bandnudeln. Er hat recht. Dazu gibt es Aprikosenschnaps, zusammen kostet das keine 50 Euro.

Ein riesiges Einkaufszentrum vor Kecskemét. Der ältere Herr Joschi verkauft tolle ungarische Salami, Weißwurst grob, gemahlene Paprika und Aprikosenschnaps von seinen Verwandten. »Orban wird abgewählt! Es reicht! Meine Tochter versucht vergeblich, einen Posten in der Stadtverwaltung zu ergattern, da muss man Fidesz-Mitglied und aktiv sein.« Er selbst habe noch unter János Kádár als Elektriker für die Stadt gearbeitet. »Waren Sie damals in der Partei?« – »Ja, aber das waren andere Zeiten. Damals konnte man noch an etwas glauben.«

An der ungarisch-serbischen Grenze: Langeweile. Die ungarische Polizistin ist bildhübsch, der serbische Kollege drüben liest ein Buch, und der Zollbeamte erzählt, seine Frau habe Geburtstag und möge keine Schnittblumen. Proud host of Expo 2027, dobrodošli!

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In Kanjiža leben überwiegend Magyaren. Alle haben auch ungarische, also EU-Pässe. »Bruder Pipeline, bei uns, keine Ahnung, diese Migranten.« – »Wer hat sie bezahlt?« – »Auch keine Ahnung, frag deine Angela Merkel.« – »Wieso Merkel, sie regiert nicht mehr.« – »Oh, wusste ich nicht, tut mir leid.« Der Polizist ist verdutzt und denkt, dass Frau Merkel neulich gestorben sei.

»Nein Mann, es waren die Ukrainer, keine Migranten, 100 Pro«, sagt der stellvertretende Sport- und Kulturreferent der Gemeinde, ein regierungstreuer Junge. »Hast du gesehen, was der Vučić gestern nacht gesagt hat im Fernsehen?« – »Nein, was?« – »Hm, der sagte, es ist schwierig, aber wir haben Freunde: Araber, Russen, was weiß ich, und Orbán ist auch sein Freund, alles wird gut. Und ihr baut Scheiße in Deutschland.« – »Wieso?« – »Diese Frau von der Leyen, ich mag die nicht.« – »Ok. Und die Wahlen am Sonntag …« – »Was ist damit?« – »Veränderung?« – »Wir wählen hier Orban, wir sind bei SNS (Serbische Fortschrittspartei von Aleksandar Vučić). Frag mal am besten in Novi Sad wegen dieser Gasleitung. Nein, die in Belgrad wissen nicht mal, dass wir überhaupt noch zu Serbien gehören. Die haben das alles an Orbán verkauft.«

In Novi Sad, der Hauptstadt der Wojwodina in Serbien, wird mir das Geschäftsmodell erklärt: Eine ungarische staatliche Stiftung namens Prosperitate verteilt das Geld oder Sachleistungen, Traktoren und anderes aus Ungarn an die Ungarn in Serbien. Alle sind glücklich. Alle wählen Orbán. Vučić macht mit. Und verdient. Wunderbar.

Um Orbán zu besiegen, braucht man ein kleines Wunder. Wunder geschehen. Aber selten.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.04.2026, Seite 11, Feuilleton

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