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Aus: Ausgabe vom 20.08.2022, Seite 13 / Geschichte
Geschichte Frankreichs

Putschistische Kolonialherren

Vor 60 Jahren verübte die Terrororganisation OAS vor dem Hintergrund des Algerienkrieges ein Attentat auf Charles de Gaulle
Von Bernard Schmid
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Umzingelt: Charles de Gaulle in Azziz, Algerien, mit französischen Offizieren, März 1960

Es war die stärkste Bedrohung von rechts, der sich Gesellschaft und Staat in Frankreich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegenüber sahen. So stark, dass es unter langjährigen Gegnern für kurze Zeit zu Annäherungsszenen kam, wie Hervé Hamon und Patrick Rotman in ihrem 1988 erschienenen Buch »Géneration« über den politisch-sozialen Aufbruch der 1960er Jahre schildern. Gaullistische Minister, die bangend Nachrichten vom nahe bei Paris gelegenen Flughafen Orly einholten, wo sie eine Landung rechter Putschtruppen befürchteten, fragten da heimlich bei gestandenen KP-Kadern und Résistance-Kämpfern aus dem antifaschistischen Widerstand der 1940er Jahre, ob sie denn noch wüssten, wo sie seinerzeit ihre Gewehre vergraben hätten, falls an denen jetzt Bedarf bestünde. Einige wurden auch tatsächlich ausgraben; sie erwiesen sich jedoch als verrostet.

Das geschah 1961. Die rechte Gefahr hörte in jener Zeit auf einen Namen respektive eine Abkürzung, die innerhalb eines Spektrums zwischen dem rechten Rand der Konservativen und den Neofaschisten seitdem zu einem festen Mythos geworden ist: OAS. Das Kürzel steht für »Organisation de l’armée secrète«.

Gegner des Friedens

Entstanden war die hochgradig kriminelle Struktur zunächst in Algier – damals noch Hauptstadt der französischen Siedlungskolonie Algerien –, wo sie erstmals am 16. März 1961 in Erscheinung trat, als nämlich Parolen mit ihrem Namenskürzel an Gebäudefassaden auftauchten. Dort stand zu lesen: »Die OAS wird siegen«, »Algerien ist französisch und wird es bleiben«, »Die OAS schlägt zu, wann und wo sie will«. Gegründet worden war die Geheimorganisation am 11. Februar jenes Jahres.

Der Zusammenschluss war eine Reaktion auf die politisch-militärische Sackgasse, in der sich die extreme Kolonialpartei, die härteste Fraktion der Partei des Krieges, in jenen Monaten befand. Denn Anfang 1961 schien sich abzuzeichnen, dass die von Präsident Charles de Gaulle geführte Regierung in Paris auf eine Beendigung des seit mehr als sechs Jahre währenden blutigen Kolonialkriegs zusteuern würde. Auch wenn de Gaulle im Mai 1958 selbst infolge eines Militärputsches in Algier an die Macht gekommen war – die Fallschirmjäger landeten auf Korsika, doch in Paris bewilligte das Parlament der schwächelnden Vierten Republik daraufhin freiwillig seine Selbstentmachtung –, zu dessen Unterstützung auch die post- und neofaschistische Rechte auf die Straße ging, ließ er diese Bündnispartner jedoch zwei Jahre später fallen. Frankreich war aufgrund seiner brutalen Kriegführung in Algerien, die den massenhaften Einsatz der Folter einschloss, und einer Opposition sowohl der USA als auch der UdSSR (in unterschiedlicher Intensität) international mehr und mehr isoliert. Der Krieg belastete den Staatshaushalt immer stärker, und im europäischen Teil Frankreichs ermüdete ein wachsender Teil der Öffentlichkeit.

Nicht allerdings die äußerste nationalistische Rechte sowie Teile der Armee. Etliche Militärs waren vom Geiste einer antikommunistischen Kreuzzugsmission durchdrungen und glaubten, die Entkolonialisierungsbewegung, in Algerien organisiert von der »Nationale Befreiungsfront« (FLN), gehe auf ein kommunistisches Komplott gegen die »weiße Rasse« oder das christliche Abendland zurück. Aber auch in relevanten Teilen der europäischstämmigen Siedlerbevölkerung in Algerien hatte die Partei des rücksichtslosen Krieges Rückhalt, ja eine Massenbasis. Rund eine Million Europäer lebten in Algerien neben der rund acht Millionen Menschen zählenden Bevölkerung mit arabischen und berberischen Wurzeln. Letztere waren weitgehend entrechtet, was die Wohnortwahl und die Landverteilung, den Zugang zu Schulbildung und die Stellung im Arbeitsleben anging.

Aus diesen beiden Gruppen – Armee und Siedlerbevölkerung – rekrutierten sich die Mitglieder der OAS. Hinzu kam ein drittes Reservoir: das der organisierten extremen Rechten. Rund 3.000 Personen waren bei der OAS organisiert, zu zwei Dritteln Zivilisten und einem Drittel aktive Militärs. Ihre beiden Gründer waren Jean-Jacques Susini und Pierre Lagaillarde, ein Anwalt, dessen Eltern sich als Siedler in Algerien niedergelassen hatten, als er ein Jahr alt war.

Nach wenigen Wochen gesellten sich auch einige führende Militärs hinzu, die ebenfalls gegen die als lasch und kapitulantenhaft wahrgenommene Regierungslinie meuterten: General Raoul Salan flog nach Franco-Spanien aus, um dort Unterstützung für die OAS zu organisieren. Kurz darauf kehrte er nach Algier zurück und unternahm am 22. April 1961 zusammen mit drei weiteren Generälen einen Putschversuch. Doch die gaullistische Fraktion im Staatsapparat erwies sich als stärker, und der versuchte Staatsstreich scheiterte. Dies allerdings unter anderem um den Preis, Maurice Papon, den ehemaligen Nazikollaborateur aus den Jahren 1942 bis 1944, als Polizeipräfekten von Paris im Amt zu belassen. Papon ließ seine Befehlsempfänger am 17. Oktober 1961 bei einer abendlichen Demonstration von Algeriern in Paris 300 Menschen totschlagen, noch lebend oder bereits tot in die Seine werfen, oder sie verschwinden in Sportstadien. Wie die linke Internetzeitung Mediapart im Juni 2022 dank neu zugänglich gewordenen Archivmaterials berichten konnte, wusste de Gaulle vom Ausmaß dieses Massakers.

Gescheiterter Anschlag

Im September 1961 war de Gaulle bei Pont-sur-Seine nur knapp einem Bombenanschlag der OAS entgangen. Es sollte nicht der letzte Attentatsversuch bleiben. Am Abend des 22. August 1962 war der französische Präsident, begleitet von einer Eskorte, auf dem Weg vom Élysée-Palast zu einem 20 Kilometer entfernten Militärflugplatz, um von dort mit einem Helikopter zu seinem Landhaus gebracht zu werden. Gegen 20.08 Uhr geriet der Konvoi in einen Hinterhalt. Die Attentäter feuerten aus einem Lieferwagen etliche Schüsse aus automatischen Waffen ab, doch der Fahrer behielt die Kontrolle über das Präsidentenfahrzeug und erreichte den Flugplatz. De Gaulle kommentierte den Vorgang mit den Worten: »Cette fois, c’était tangent« (»Diesmal war es knapp«).

Rund ein Dutzend Männer – meist Armeeangehörige – gehörten dem Attentatskommando mit dem Codenamen »Opération Charlotte Corday« – benannte nach der Mörderin des Revolutionärs Jean-Paul Marat im Jahr 1793 – an. De Gaulle blieb unverletzt; der Anführer des Kommandos, Oberstleutnant Jean Bastien-Thiry, wurde gefasst, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die OAS, die bis circa 1964 aktiv war, hat insgesamt rund 2.700 Menschen ermordet. Zu den von ihr verübten Anschlägen gehörte auch das Attentat auf den Bürgermeister von Evian, jener Stadt, in der am 18. März 1962 der Waffenstillstand zwischen französischer Regierung und FLN beschlossen wurde, oder das Massaker an sechzig Arbeitern im Hafen von Algier am 2. Mai 1962.

»Ich glaube nicht, dass es Verbrechen in Algerien gegeben hat«

Auszüge aus der Eröffnungsrede von José Gonzalez, derzeitiger Alterspräsident der französischen Nationalversammlung, Abgeordneter des rechtsex­tremen Rassemblement National und Sprössling französischer Algerien-Siedler, vom 29. Juni 2022:

»In diesem heiligen Ort der Vertretung des französischen Volkes, des Ausdrucks des nationalen Willens, Sie nebeneinander (…) sitzen zu sehen, jenseits all unserer Differenzen, ist ein Symbol französischer Einheit. Dieses Symbol der Einheit berührt das Kind eines Frankreichs von anderswo, das ich bin, seiner Geburtserde entrissen und durch den Wind der Geschichte im Jahr 1962 auf die Küsten der Provence geworfen. Ich ließ dort einen Teil meines Frankreichs und viele Freunde zurück. Ich bin ein Mann, der seine Seele auf immer verletzt gesehen hat (…) durch ein Gefühl der Aufgabe (die Aufgabe der Siedlungskolonie Algerien; B. S.) und die Periode der Zerrissenheit.«

Auf entsprechende Nachfragen von Journalisten bei Verlassen des Plenarsaals der Nationalversammlung sagte Gonzalez: »Ich glaube nicht, dass es Verbrechen der französischen Armee in Algerien gegeben hat. (…) Vielleicht muss man jetzt die Geschichte revidieren, aber ich glaube das nicht. Ehrlich, ich bin nicht dafür da, zu beurteilen, ob die OAS Verbrechen begangen hat. Ich weiß nicht einmal, was die OAS gewesen ist, oder fast nicht.«

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